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Minima philosophica – Zitate des Monats

Distanz!   (Das Zitat des Monats Juli 2006)

»... der Aktualitätsanspruch (führt) nur zur Multiplikation der Stimmen, die zwar die Pluralität der Meinungen belegt, aber den Rang der Erkenntnis schon wegen des Mangels an Distanz verfehlt. Denn Distanz ist, wenn sie nicht einfach räumlichen Abstand bedeuten soll, nicht ohne Selbstbewußtsein zu haben, das in seinem Bezug auf die Welt eben "Geist" bedeutet. Wem "Geist" verdächtig klingt, der kann ihn sich der Einfachheit halber mit "mind" übersetzen.«

Volker Gerhardt: Vom säkularen Geist der Politik. Merkur 687, Juli 2006:

»Wer Hegels Wort, Philosophie sei ihre Zeit in Gedanken erfaßt, als Aktualitätsgebot versteht, der muß sich jederzeit zu allem äußern, um den Nachweis zu erbringen, daß er sich auf der Höhe seiner Zeit befindet.(1) Hegel aber ging es um das bewegende Moment des Geistes im Augenblick seiner Wirksamkeit. Ihm lag daran, "die Vernunft als die Rose im Kreuze der Gegenwart zu erkennen".«

(1)"Senfautomat" (Platz 5 Jugendwörter des Jahres 2014)

*

Aufrichtigkeit?   (Das Zitat des Monats August 2006).

Harry G. Frankfurt: Bullshit.

»Es ist eine groteske Vorstellung, wir selbst seien fest umrissene und klar bestimmte Wesen, die sich richtig oder falsch beschreiben könnten, während es sich als unsinnig erwiesen habe, irgendwelchen anderen Dingen klare Bestimmungen zuweisen zu wollen. ... Nichts in der Theorie und erst recht nichts in der Erfahrung (stützt) die abstruse These, ein Mensch vermöge am ehesten noch die Wahrheit über sich selbst zu erkennen. Die Tatsachen und Aussagen über uns selbst sind keineswegs besonders solide und resistent gegen eine Auflösung durch skeptisches Denken. In Wirklichkeit sind wir Menschen schwer zu packende Wesen. Unsere Natur ist notorisch instabiler und weniger eingewurzelt als die Natur anderer Dinge. Und angesichts dieser Tatsache ist Aufrichtigkeit selbst Bullshit.«  (Suhrkamp 2008, Schlußsätze)

Der Lügner widersetzt sich der Autorität der Wahrheit. Bullshit dagegen ist eine Technik, die Wahrheit zu verbergen. »Gerade in diesem fehlenden Bezug zur Wahrheit - in dieser Indifferenz gegenüber der Frage, wie die Dinge wirklich liegen - liegt meines Erachtens das Wesen von Bullshit.« Der Verlust des Vertrauens »in den Wert unvoreingenommer Bemühungen um die Frage, was wahr und was falsch ist« verführt nach H. G. Frankfurt statt zum »Ideal der Richtigkeit« zum alternativen »Ideal der Aufrichtigkeit« (sincerity; siehe oben). (a.a.O. Seite 40, 72. Vgl Roland Große Holtforth zu "Aufrichtigkeit")

Die Vermeidung von Denken bzw. Anders-Denken ist den Phänomenen Bullshit und Political Correctness gemeinsam. Über Ähnlichkeiten und Unterschiede siehe das Zitat vom Dezember 2007

*

Beliebigkeit oder Vernunft?   (Das Zitat des Monats September 2006)

Die eben in ganz groben Zügen versuchte Selbstkritik der modernen Vernunft schließt ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden. Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden. Das Ethos der Wissenschaftlichkeit ist im übrigen Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den Grundentscheiden des Christlichen gehört.

Benedikt XVI, Vorlesung in Regensburg, 12.09.2006 [vgl Kruip 2009]

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Thymós! Oder Leidenschaft & Mut & Zorn   (Das Zitat des Monats Oktober 2006)

Kaum treten bei Individuen oder Gruppen ‘Symptome’ wie Stolz, Empörung, Zorn, Ambition, hoher Selbstbehauptungswille und akute Kampfbereitschaft auf, nimmt der Parteigänger der thymós-vergessenen therapeutischen Kultur Zuflucht zu der Vorstellung, diese Leute müssten Opfer eines neurotischen Komplexes sein. Die Therapeuten stehen hiermit in der Tradition der Christlichen Moralisten, die von der natürlichen Dämonie der Selbstliebe sprechen, sobald die thymotischen Energien sich offen zu erkennen geben.

Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit. Ein politisch-psychologischer Versuch. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2006

Sloterdijk: "Der Zorn, mit dem im alten Westen alles anfing[*] ... soll man ihn jederzeit der neutralisierenden, der besseren Einsicht opfern?" Das erste Wort der abendländischen Literatur lautet 'menis' (μηνιν αειδε θεα), doch Sloterdijk geht es um 'thymós' - dessen andere Etymologie auch Kritiker nachlesen könnten.             [* nämlich mit der ersten Zeile der Ilias]

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Philosophie im Theater?  (Das Zitat des Monats November 2006)

Die Verherrlichung oder Vergottung von Arbeit, diese vielleicht letzte Bastion des Religiösen in unserer Gesellschaft, daß Arbeit das schlechthin Gute, Erfüllende, den Menschen definierende sei, das ist natürlich ein ungeheuer stabilisierendes Moment in einer brüchig werdenden Gesellschaft. Weil es jeden einzelnen in eine bestimmte Richtung dirigiert, die total systemkonform ist: die Einbettung in den Markt, die Opferung auch privater Beziehungen zugunsten der Verfügbarkeit, und zwar nicht als ein äußeres Diktat über mich, sondern als etwas, das ich als Forderung an mich selbst stelle. Wenn das hinfällig wird, ist das ganze System gefährdet, und ich glaube, es ist deswegen auch kein Zufall, daß diese Bastion so verteidigt wird.

Wolfgang Engler im Dialog mit Elisabeth Schweeger und Matthias von Hartz in schauspielfrankfurt 01/06
vgl. "Theaterverhältnisse"

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Kleine Philosophie des Gartens  (Das Zitat des Monats Dezember 2006)

»Voltaires berühmte Aufforderung "Il faut cultiver notre jardin", womit Candide schließt[*], muß vor dem Hintergrund von Kriegen, Pest und Naturkatastrophen gesehen werden, die in dem Roman heraufbeschworen werden. Der Akzent liegt auf kultivieren. ...Wo immer die Menschlichkeit inmitten des Infernos einen Raum findet, in dem sie wachsen kann, entsteht ein Garten.

Trotz aller noblen Anstrengungen (und sie waren weitgehend nobel) strebten die Vorkämpfer der Moderne vor allem nach größerer Lebensintensität. Es ging ihnen nicht um jene Gelassenheit, die das Ziel von Epikurs Athener Gartenschule war. Extreme kulturelle Militanz läuft Gefahr, sich der gleichen destruktiven Kräfte zu bedienen, die zu bekämpfen sie vorgibt; ... stammen doch unsere zerstörerischen wie unsere schöpferischen Kräfte aus derselben Quelle. Der Hammer des Vandalen ist der gleiche wie der des Bildhauers, und zum Kultivieren gehört, wie jeder Gärtner weiß, das unerbittliche Zerstören, das Zurückschneiden und Stutzen.«

Robert Pogue Harrison (Stanford University): Eindämmung zerstörerischer Gewalt. FAZ 1.11.2006, N3

[*] Im Candide: Der Lehrer Pangloss [eine Leibniz-Karikatur!] versucht's noch einmal: »Alle Ereignisse sind miteinander verknüpft in der besten aller möglichen Welten; denn wärt Ihr ... dann würdet Ihr hier keine eingemachten Cedren und Pistazien essen (des cédrats confits [Cedratkonfitüre] et des pistaches).» Doch es kommt trocken zurück: »Cela est bien dit, répondit Candide, mais il faut cultiver notre jardin.«

  *
2007

Kultureller Determinismus oder freier Wille  (Zitat des Monats Januar 2007)**

Viele Humanisten und Künstler schrecken vor der Auffassung zurück, dass die kulturelle Entwicklung bisher durch unbewusste, unpersönliche Kräfte bestimmt wurde. Der determinierte Charakter der Vergangenheit lässt sie die Möglichkeit einer ebenso determinierten Zukunft befürchten. Doch ihre Befürchtungen sind unangebracht. Nur wenn wir uns den determinierten Charakter der Vergangenheit bewusst machen, können wir zu erreichen hoffen, dass die Zukunft weniger von unbewussten und unpersönlichen Kräften bestimmt wird. ...
Der die kulturelle Evolution bestimmende Determinismus war niemals gleichzusetzen mit jenem Determinismus, der in einem geschlossenen physikalischen System herrscht.

Marvin Harris (1927–2001): Kannibalen und Könige. – Die Wachstumsgrenzen der Hochkulturen. Klett-Cotta 1995
**(anläßlich einer Reise nach Mesoamerika)

Nachtrag 2008 (DIE ZEIT 17/08, 49, zum Tänzer und Philosophen Wayne McGregor*): Arme Kulturdarwinisten! Wer ihnen zuhört, hat das deprimierende Gefühl, die gepriesene Humanwissenschaft könne das Wesen des Menschlichen nicht annähernd so genau beschreiben wie die Kunst. Die KI-Forscher kommen einem vor wie jene Biologen des 19. Jahrhunderts, die nach Gauß' Tod dessen Hirn sezierten, um die Ursache der Genialität zu finden. [150 Jahre später ergab das Kernspintomogramm lediglich 'fehlende Altersdebilität' ...]. Zum Tänzer Wayne MaGregor ist ein Vergleich mit Rastelli oder Ligeti interessant.

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Für stabile Strukturen - gegen autoritäre Verkrustung  
(Zitat des Monats Februar 2007)

Der romantische Zeitgeist ist abgeflaut, und während man früher pausenlos an Subversion dachte, ist man inzwischen dankbar für jedes Molekül stabiler Struktur. ...
Dass wir nach wie vor sinnlose autoritäre Verkrustungen für absurd halten, darüber streiten wir uns gar nicht mehr.

Peter Sloterdijk (geb. 1947): »Religion ist nie cool« Streitgespräch mit Walter Kardinal Kasper.

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Selbstaufhebung des philosophischen Hedonismus  

(Zitat des Monats März 2007)*

Epikur hat das selbst bemerkt. Er ist ein äußerst konsequenter Denker gewesen. Dort nämlich, wo er davon spricht, dass zu einem glücklichen Leben gute Freunde gehören. Gute Freunde, so sagt er, kann man nur haben, wenn man selbst ein guter Freund ist. Ein guter Freund ist man aber nur, wenn einem an dem Freund selbst liegt und er mir nicht nur Mittel zum Zweck dafür ist, dass ich mich wohlfühle. Wenn man, so schrieb Epikur, gute Freunde haben will, also ein guter Freund sein will, muss man bereit sein, notfalls sein Leben für seine Freunde hinzugeben. So steht es auch im Johannes-Evangelium [1]. Der konsequente Hedonismus hebt sich selbst auf. Er erkennt die intentionale, die objektive Seite des Glücks schließlich als Bedingung der subjektiven, ja er erkennt sogar, dass diese Bedingung nur dann erfüllt ist, wenn es um sie selbst geht, und nicht mehr um sie, soweit sie Bedingung des subjektiven sich Wohlfühlens ist.

Robert Spaemann, Vorlesung "Die Zweideutigkeit des Glücks" in der Reihe "Glück - ein bio-psychosoziales Phänomen"   
(TU München, 2.12.2005)
[1] Epikur original: “Von allem, was die Weisheit für die Glückseligkeit des ganzen Lebens bereitstellt, ist der Gewinn der Freundschaft das bei weitem Wichtigste“ (aus Wikipedia). - Joh. 15, 12-15

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Neurobiologie und Willensfreiheit. Zum Fluch der Wahrheitsanmaßung  
(Zitat des Monats April 2007)

Vielleicht werden wir in einem materialistisch reduktionistischen Sinne nie erklären können, was Bewußtsein, Willensfreiheit, Einfühlungs oder Denkvermögen wirklich "sind" oder wodurch sie unser hypertrophes Gehirn möglich macht – ich bleibe trotz aller Fortschritte der Neurobiologie und ihrer stupenden bildgebenden Erkenntnisse skeptisch.* Aber es kann keinen Zweifel daran geben, daß sich der Mensch und die Grundlagen seines Verhaltens bei aller Verankerung in genetischer Veranlagung bei unseren Tiervorfahren buchstäblich himmelweit von diesen entfernt und die Erbzwänge weitgehend abgeschüttelt haben**, die jenen ihre Anpassungen an ihre Lebenswelten ermöglichten; viel weiter entfernt, als je ein schwirrender Kolibri von einem daherstampfenden Dinosaurier gewesen sein kann.

Hubert Markl (1938-2015, Professor der Biologie), »Der Fluch der Wahrheitsanmaßung«, Merkur 694, S.107 (vgl. auch seine Max-Planck-Rede 2001) (Zum 'Kulturellen Determinismus vgl. oben)
* vgl. die tiefe Skepsis selbst bei Thomas Nagel
** "Erbgut in Auflösung" (ZEIT 25/08:33): Beschleunigte ZNS-Evolution durch monoallelische Expression ("a mechanism that generates diversity in individual cells and their clonal descendants"A. Chess 2007).
Als Fortschritt gefeiert wird 2012 der Nachweis, dass Hunde bei der Vorstellung von Würsten Emotionen haben ...

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Dramatischer Niedergang der allgemeinen Moral in der praktischen Medizin?  
(Zitat des Monats Mai 2007)

Einige Publikationsaffären haben sich so negativ auf den Zustand der ethischen Standards ausgewirkt, dass man einen dramatischen Niedergang der allgemeinen Moral in der praktischen Medizin befürchten muss. Bei einer offiziellen Umfrage unter britischen Allgemeinärzten stellten zwei Drittel von ihnen fest, die Moral sei niedrig oder sehr niedrig, und ebenso dass sie niedriger sei als fünf Jahre zuvor (British Medical Association 2001), erneut über 50% 2007. Einer der Gründe für diese Entwicklung dürfte das Versagen der Medizinischen Organisationen und Gesellschaften sein, die es nicht fertig bringen, jene moralischen Grundwerte zu deklarieren, die als handlungsleitende Prinzipien wirken und ihren Mitgliedern in diesem Sinne Halt geben könnten [Pendleton]. Werden moralische Werte nicht öffentlich diskutiert, wird sie der Einzelne einfach aus dem Verhalten der jeweiligen Gesellschaft erschliessen – und das sieht nicht immer gut aus. An solchen Beobachtungen und aus ihrer eigenen Praxis formen vermutlich viele Kliniker und Praktiker ihre sehr privaten Ethiken, mitgeformt von tiefer Resignation. Wechselnde moralische Prinzipien ebenso wie ständig neue und vergehende evidenzbasierte Leitlinien passen unter dem Signal "anything goes“ zu einer neoliberalen Wirtschaftsgesellschaft der vielen Einzelnen, die dem immer mehr beschleunigten Umsatz pharmazeutischer Produkte dient.

F. Praetorius in: R. ter Meulen, N. Biller–Andorno, C. Lenk, R. Lie (Eds.): Evidence–Based Practice in Medicine and Health Care. A discussion of the Ethical Issues. Berlin–Heidelberg 2005

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Die strikte Trennung zwischen dem Interpretieren und dem Gebrauchen von Texten ist eine Fiktion (Richard Rorty 1994).

(Zitat des Monats Juni 2007)

Richard Rorty, † 8.Juni 2007 (zur Frage, ob Textkohärenz als Schiedsrichter für die Zulässigkeit von Interpretationen dienen kann - nach ECO):
Jede zusätzliche Lektüre theoretischer Art ergibt bloß einen neuen Kontext, worin man den Text ansiedeln kann - ein weiteres Raster, das man ihm überstülpen oder ein weiteres Paradigma, an dem man ihn messen kann. Nichts von alledem verrät jedoch etwas über die Natur des Texts oder des Lesens, denn beide haben keine "Natur'."

Richard Rorty, in Umberto Eco: Zwischen Autor und Text. Interpretation und Überinterpretation. Mit Einwürfen von Richard Rorty, Christine Brooke-Rose, Jonathan Culler und Stefan Collini, München/Wien 1994

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Selbstbilder sind anfällig für Selbsttäuschungen

(Zitat des Monats Juli 2007)

Eine Selbsttäuschung ist ein interessegeleiteter Irrtum über uns selbst: Wir möchten einfach gerne einer sein, der so denkt, wünscht und fühlt – und dann porträtieren wir uns auch so. Besonders wichtig ist uns das, wenn es um moralisch bedeutsame Gedanken, Wünsche und Gefühle geht. Hier lügen wir oft nicht nur vor den Anderen, sondern auch vor uns selbst, und wir leisten erbitterten Widerstand, wenn uns ein Anderer zu erraten droht.

Peter Bieri, Professor für Philosophie an der FU Berlin: Warum ist Selbsterkenntnis wertvoll? ZEITmagazin 25/2007, 24-25

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Wider die Reduktion der dinglichen Welt auf reine Präsenz oder reine Repräsentation

(Zitat des Monats August 2007 - anlässlich der documenta bis 23. September)

Ästhetische Wahrnehmung nimmt sich Zeit für den Augenblick - für das Erscheinen des jeweils Erscheinenden; dies gilt auch für die Wahrnehmung von Objekten der Kunst. Diese aber sind zugleich Darbietungen von Präsenz - indem sie ihre Gegenwart präsentieren, präsentieren sie eine. ...

Worauf lassen wir uns ein ...? Wir vollziehen einen Rückgang vom Wie zum Irgendwie: vom Sosein zum Erscheinen der Welt, von einer bestimmten und bestimmbaren Verfassung zu der unbestimmten und unbestimmbaren Präsenz ihrer Gegenstände, von unsrer Regie über sie zu einer Offenheit gegenüber ihrem Flimmern und Rauschen, von einem geregelten zu einem ungeregelten Kontakt mit unserer leiblichen wie geistigen Umgebung.(*)

Martin Seel, Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt: Über den kulturellen Sinn ästhetischer Gegenwart - mit Seitenblicken auf Descartes. Merkur 699, S.619 (Juli 2007). "'Präsenz' steht für Kontingenz, Augenblicklichkeit und Unverfügbarkeit." Dagegen bisher: "Präsenz - die Sache wie ihr Begriff - im dekonstruktiven Milieu am Ende des vorigen Jahrhunderts als ein Inbegriff der Illusionen abendländischer Metaphysik".

(*) vgl. Roger M. Buergel, Ruth Noack in documenta 12, Kat. S.11: Menschen können mit radikaler Formlosigkeit schlecht umgehen. Sie ... wollen etwas identifizieren. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn man die Balance zwischen Identifizierung und endgültiger Fixierung zu halten weiß - eine Kunst, die einen die Kunst lehrt. ...
Und man bekommt auch einen Blick für die Wandelbarkeit des eigenen Ich [ders. in FR 17.7.07].

Und zuletzt: Diese Documenta forderte des Betrachters "Bereitschaft, sich selbst etwas einzubilden, eigene Deutungen zu entwickeln, sich heranzutrauen an das Unvertraute." Hanno Rauterberg, Die ZEIT 20.9.07. Vgl. auch den (Dia-)Rahmen-Blick auf der documenta 1977 - u. Kunstwahrnehmung durch Laien!
[Zur Frage des 'Präsenzdenkens' siehe Gumbrecht, zur Bedingtheit von Präsenz und Repräsentanz siehe Johannes Pollak]

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Ist der Paternalismus des »vorsorgenden Sozialstaates« Despotismus?*

(Zitat des Monats September 2007)

Die Freiheit als Mensch, deren Prinzip für die Konstitution eines gemeinen Wesens ich in der Formel ausdrücke: Niemand kann mich zwingen, auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit anderer ... nicht Abbruch tut. – Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d. i. eine väterliche Regierung (imperium paternale), wo also die Untertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind, um, wie sie glücklich sein sollen, bloß von dem Urteile des Staatsoberhaupts, und, daß dieser es auch wolle, bloß von seiner Gütigkeit zu erwarten: ist der größte denkbare Despotismus.

Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.
II. Vom Verhältnis der Theorie zur Praxis im Staatsrecht (Gegen Hobbes).
(1793)

(*) die Formulierung der Überschrift und den Hinweis auf die Stelle bei Kant verdanke ich einem Essay von Norbert Bolz (2007): »Die Religion des Letzten Menschen«.

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Ist Sokrates' Ironie gefährlich?

(Zitat des Monats Oktober 2007)

Ironie ist ein Phänomen der Mehrdimensionalität der Sprache. Sie besteht in einer Diskrepanz zwischen verschiedenen Dimensionen sprachlicher Mitteilung. Dabei wird, was auf der einen Ebene geäußert wird, auf der anderen dementiert. Daß das so ist, wird in der Regel eigens durch einen Index* mitgeteilt, der im übrigen von der Art ist, daß der angesprochene Partner zwar merkt, daß die Rede ironisch ist, sich aber auf den direkten Sinn der Äußerung einlassen muß. ...
Was sie [Ironie] bewirkt, ist vor allem Abstand von sich selbst und Bewußtheit. ... sie zielt als Gesprächsstrategie darauf, im Partner eine Art Selbstauflösung zu bewirken.**

Gernot Böhme: Der Typ Sokrates .Suhrkamp (1988), Seite 143 f.

(*)  Ohne diese Indizierung würde eine ironische Äußerung wohl einfach mit Lüge und Täuschung zusammenfallen..
(**) im Dialog "Menon" an einem Sklaven vorexerziert. Sokrates' lähmende Schläge kommen aus den Techniken Frage, Ironie und Elenktik; dreimal vergleicht ihn Platon mit einem Zitterrochen (griechisch "nárke" [im Bild unten], vgl. heute 'Narkose').

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Das existentielle Moment der Aufklärung

(Zitat des Monats November 2007)

Ein Gefühl ist vom jeweils individuellen Dasein nicht zu trennen; also muß es sich auf anschaulich gegebene Situationen beziehen, wenn es gehaltvoll und wirksam sein möchte.*
Es bedarf der Urteilskraft, damit ein Subjekt individuell und situativ mitteilsam sein kann. Kant rückt dieses Vermögen in den Mittelpunkt, sobald er versucht, Kunst und Leben theoriefähig zu machen.


Volker Gerhardt: Auch die Romantik gehört zur Aufklärung. Merkur 702 (November 2007), Seite 1049–1055.

(*)  »Man sieht, daß sie von Sachen spricht, welche sie in der Nähe gesehen hat.« C. M Wieland 1771 über "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim" von Sophie von La Roche, der Wegbereiterin des »Sturm und Drang«.

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Zum Unterscheiden von "Political Correctness" und "Bullshit"

(Zitat des Monats Dezember 2007  –   ausnahmsweise eigener Text mit Hinweisen auf Zitate)

Der Ruf nach Political Correctness ("pc"; vgl. die ausgezeichnete Darstellung von I. Pommerening) findet sich heute auf allen Seiten des politischen Spektrums, er geht nicht mehr nur vom linken Lager aus. Typisch ist, dass "pc" meist scharf definiert auftritt und eine "klare Aussage" machen will (oft im Gutmenschen-Stil). Das unterscheidet Political Correctness vom Bullshit, bei welchem Klarheit eher unerwünscht ist. Political Correctness will eine Konformität des Denkens (und führt dazu), bullshit will gar nichts außer der Verhinderung von Entscheidungen durch bewusstes Unklar-Reden.
Aber vielleicht ist das nur vordergründig, und für beide Erscheinungen die Vermeidung von Denken bzw. Anders-Denken das praktisch wichtigste Kriterium. Politiker aller großen Lager, sei es dass sie "pc" reden oder gegen "pc"-Denken antreten, haben jedenfalls nicht selten im Sinn, damit das Nachdenken und das weitergehende Gespräch strikt zu vermeiden. Sie erfüllen so eine wichtige Aufgabe von Bullshit im Sinne von Harry G. Frankfurt (Suhrkamp 2006). Vielleicht sind bullshitter sogar "weiter": Sie sind keine Ideologen, sondern wollen das Aufkommen von Wahrheiten verhindern.

Frank Praetorius (2007)

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2008

Philosophieren und Botanisieren - von der Leichtigkeit beim Denken

(Zitat des Monats Januar 2008)

Es gibt zwei Wege das Leben zu verlängern, erstlich dass man die beiden Punkte geboren und gestorben weiter von einander bringt und also den Weg länger macht. Diesen Weg länger zu machen, hat man so viele Maschinen und Dinger erfunden, dass man, wenn man sie allein sähe, unmöglich glauben könnte, dass sie dazu dienen könnten, einen Weg länger zu machen; in diesem Fache haben einige unter den Ärzten sehr viel geleistet.

Die andere Art ist, dass man langsamer geht und die beiden Punkte stehen lässt, wo Gott will, und dieses gehört für die Philosophen. Diese haben nun gefunden, dass es am besten ist, dass man zugleich botanisieren geht, zickzack, hier versucht über einen Graben zu springen und dann wieder herüber, wo es rein ist, und es niemand sieht, einen Purzelbaum wagt und so fort.*

Georg Christoph Lichtenberg (1742 Oberramstadt-1799 Göttingen): Sudelbücher. Insel, Frankfurt a. M. 1972, S. 49

(*) Strenger, weniger 'leicht': "Sei aufmerksam, empfinde nichts umsonst, messe und vergleiche; dieses ist das ganze Gesetz der Philosophie" [A 130]. Vgl. auch die aus Amerika als "Lichtenberg's argument" reimportierte anticartesische Bemerkung "Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt" [K 76]. "Und denk daran, ... zuerst die Erfahrung anzuführen und danach deine Überlegungen" (Leonardo da Vinci).

*

Lebe ich oder bin ich in einer Scheinwelt? Vom 'Kick' des Daseins – vor allen Sinnfragen

(Zitat des Monats Februar 2008)

Der 31 Jahre alte Kärntner Profi Xandi Meschuh über "Speedflying" in den Alpen:

Es ist diese Mischung aus Tiefschneefahren und Fliegen. Wenn es einen starken Wind hat, wird es noch einmal geiler. Bei Wind kite ich im Tiefschnee bis zum Gipfelkreuz. Oben fliege ich über den steilen Felsen und tauche mit einer Steilkurve und leichtem Rückenwind nach unten zum großen Tiefschneefeld. Mit circa 80 Stundenkilometern setze ich weich auf und stelle dann den Schirm leicht zum Hang. Die Geschwindigkeit verringert sich. Mit einem radikalen Zug auf der Außenbremse mache ich einen 180er und stehe. Dann kite ich wieder nach oben... Nach zwei Stunden tut mir schon alles weh. Aber ich kann dann noch nicht aufhören, weil es so kickt...

[Aus: kitelife - culture of kitesurfing, Dezember 2007]

Fragen: Vielleicht nicht immer so extrem und so sportlich, aber warum sucht die junge Generation der reichen Länder diesen "Kick"? Weil sie in einer vergleichsweise sicheren Umgebung lebt und ihr Dasein nicht am Risiko des täglichen Lebens testen kann? Und erst nach dem Erleben vieler Kicks nach dem Sinn eines Lebens zwischen den Herausforderungen fragen kann? Kommt alle Philosophie erst nach dem "Kick"?
F. P. (2008)

*

Sind Irrtümer bei Natur- und Geisteswissenschaften dasselbe?

(Zitat des Monats März 2008)

Man muss gestehen, dass die Zustimmung nicht immer auf einer tatsächlichen Einsicht in die Vernunftgründe aufgebaut ist. ... Es genügt, dass sie [die Wissenschaftler] einmal die Materie aufrichtig und mit Sorgfalt durchgegangen sind und sozusagen die Rechnung abgeschlossen haben.
Man muss zugeben, dass dies die Menschen oft auf dem Irrtum bestehen lässt. Lobenswert ist jedoch die Anhänglichkeit an das, was man gesehen hat, aber nicht immer das, an was man geglaubt hat, weil man irgendeine Überlegung ausgelassen haben kann, die fähig ist alles umzukehren.

Gottfried Wilhelm Leibniz 1704: Nouveaux essais sur l'entendement humain
(Neue Essays zum menschlichen Verständnis), zit. nach H. G. Dosch

Zeichnet das aufrichtige und sorgfältige Durchforsten der Materie, das Leibniz anspricht, nur die Naturwissenschaftler aus, wie der Physiker Hans Günter Dosch meint? Und erlaubt nur die Verzahnung von mathematischer und empirischer Methode, gewisse Konten, wenigstens für längere Zeit, tatsächlich abzuschließen [Dosch]?
Dazu: "Wo die Menschen nicht mehr hinsehen, was jedermann für fertig erklärt hat, verdient am meisten, erforscht zu werden" (Georg Christoph Lichtenberg)

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Globale Mobilisierung - durch Philosophie?

(Zitat des Monats April 2008)

"Philosophie heißt Liebe zur Wahrheit. Und weise sein heißt verstehen, was wichtig ist. Philosoph/innen haben uns in letzter Zeit nicht viel dabei geholfen, das, was wir wichtig nehmen, kritisch zu überdenken und gegebenenfalls zu modifizieren. Dennoch sollten wir von Philosoph/innen erwarten, dass sie einmal wieder interessante Dinge darüber zu sagen haben werden, was wichtig ist, und besonders darüber, was moralisch wichtig ist. Wenn eine solche Zeit kommt, dann werden Philosoph/innen womöglich erheblich zur Mobilisierung für globale Gerechtigkeit beitragen, indem sie - wie Sokrates - als Gewissen der Gesellschaft ihre Zeitgenossen aufstören."

Thomas W. M. Pogge, "Weltarmut als Problem globaler Gerechtigkeit," Zeitschrift für Philosophie 6/2007 (FR 3/08)

Auf der Basis einer globalen Gerechtigkeitskonzeption nennt es der Rawls-Schüler Pogge die zwingende Pflicht der Reichen, entscheidende Schritte zur Veränderung der bestehenden Ressourcenverteilung zu unternehmen. Diese Pflicht ist "negativ", d. h. nach der KANT'schen Definition "einschränkend (negative Pflichten)". Pogge lehnt "die Rede von der Umverteilung als irreführend und polemisch ab". Es genügt für den Reichen eben nicht, im Sinne einer "positiven Pflicht" gute Taten vorzuweisen und zugleich jene 'negativen' Pflichten zu verletzen, welche "in Übereinstimmung der Maximen seines Willens mit der Würde der Menschheit in seiner Person" (KANT) auch die Rechte der anderen zu respektieren fordern. [vgl. "Kosten der Moderne", vgl. "Verstoß gegen die Menschenrechte"]

*

Wider den allzu bußfertigen Abgesang auf die Aufklärung

(Zitat des Monats Mai 2008)

»Bei der Beschäftigung mit unserem Erbe sollten wir uns eher für unsere Triumphe begeistern, als unsere Trauerfälle zu beklagen, denn der Triumph ist ja nichts anderes als der Trauerfall plus dessen Überwindung, die erduldeten und bezwungenen Leiden, die kollektive Anstrengung, dem Unglück die Stirn zu bieten. Europa darf nicht so wenig von sich halten. Es soll die Freiheit als sein köstlichstes Gut begreifen.«

Pascal Bruckner: "Der Schuldkomplex. Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa." München, Pantheon 2008. Originaltitel: La Tyrannie de la pénitence [Bußfertigkeit]: Essai sur le masochisme en Occident.
Zitiert aus: Ulrike Ackermann, Aufklärungsfundamentalismus und Schuldkomplex (Merkur 707, April 2008: "Europa bescherte der Welt Despotismus und zugleich Freiheit und Menschenrechte")  [siehe auch über Sklaverei]

Auf den Begriff Aufklärungsfundamentalismus - von Ian Buruma polemisch verwendet - reagierte Bruckner (2007) mit einem Angriff auf das Paradoxon des [radikalen] Multikulturalismus: Dieser gewähre zwar allen Gemeinschaften die gleiche Freiheit, nicht aber den Individuen, welche aus diesen Gemeinschaften aussteigen wollen. Hingegen wird als liberaler Multikulturalismus eine Gesellschaft definiert, die die Rechte kultureller Minderheiten achtet - und gleichzeitig ihre Freiheitsrechte durchsetzt (Assheuer). (Zur frühen Neuzeit vgl. Jubel und Trauer in meinem Essay 'Kurs West').     [Die Debatte bei Suhrkamp 2007]

*

Spiegelneuronen versus Funktionalismus

(Zitat des Monats Juni 2008)

»man [kann] sich den menschlichen Geist ohne Körper noch nicht einmal vorstellen«

»Wie wir heute wissen, beruht unser gesamtes Denken und Fühlen darauf, dass wir die Körper anderer Menschen beobachten, dass wir Dinge anfassen und sie manipulieren. Auch häufen sich Hinweise darauf, dass wir solchen motorischen Fähigkeiten sogar das Sprachvermögen verdanken. Unser Geist existiert nur in der körperlichen Welt.«

Vittorio Gallese (Neurophysiologe, Parma): "Mitgefühl ist Eigennutz", Wissenschaftsgespräch mit Sefan Klein in ZEIT MAGAZIN LEBEN 21/2008, 29.

Die Gegenposition der Funktionalisten: »Mein 'Funktionalismus' behauptet, daß eine Maschine, ein Mensch, ein Geschöpf aus Silikon und ein körperloser Geist womöglich allesamt mehr oder weniger gleich funktionieren, und daß es einfach falsch ist zu glauben, unsere Hardware sei das Wesen unseres Bewußtseins«, sagt Hilary Putnam 1960. Später wird er zum Kritiker dieser Position: »Gedanken sind nicht im Kopf«, sondern werden von der Gemeinschaft und der Umwelt mitkonstituiert.

Dazu Joachim Bauer: »Ihr Interesse an den Spiegelneuronen hat neuerdings sogar die Philosophie entdeckt, da diese Zellen die neurobiologische Bestätigung dessen sind, was einige Vertreter der Philosophie schon länger vermutet haben: dass intuitive Verstehensprozesse auf der Basis einer inneren Simulation des verstehenden Menschen ablaufen. Es scheint, dass sie damit Recht behalten haben.«

*

"Motorische Intelligenz – Schlüssel zur Menschwerdung"

(Zitat des Monats Juli 2008)        (vgl. Juli 2010)

»Diese einzigartige motorische Intelligenz, dingfest gemacht in den prämotorischen Cortices SMA und Broca-Area [des Großhirns] und gekennzeichnet durch die Fähigkeit, Handlungselemente in prinzipiell unendlicher Variation zu beliebig langen, sich verzweigenden Ketten zusammenzufügen, ist der Schlüssel zur Menschwerdung.
ohne unsere spezifischen motorischen Fähigkeiten (gäbe es) weder eine Sprache noch ein darauf gegründetes kulturelles und zivilisatorisches, sich exponentiell kumulierendes Erbe. Deshalb wird dem herkömmlichen Intelligenzverständnis ganz bewußt der Begriff der motorischen Intelligenz gegenübergesetzt, denn sie begründet weit mehr als die Kognition die Sonderstellung des Menschen in der Evolution.
Diese Einsicht ist die Frucht vieler Dialoge zwischen einem Komponisten [Györgi Ligeti] und einem Biologen [Gerhard Neuweiler], zwischen Kreativität und Neugier.«

György Ligeti, Gerhard Neuweiler: "Motorische Intelligenz. Zwischen Musik und Naturwissenschaft". Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007.

Die stupende Fingerfertigkeit des Pianisten, der Ligeti spielt (←beide Links anklicken!→), zeigt den – neben der motorischen Fähigkeit zu sprechen – entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Affe. Also die "motorische Intelligenz" und nicht – wie meist vermutet – unsere kognitiven Fähigkeiten, die Assoziationskraft oder die Logik. "Einige Evolutionsbiologen behaupten inzwischen sogar, daß es unter Wirbeltieren keine fundamentalen Unterschiede kognitiver Fähigkeiten gäbe." Vgl. den Tänzer McGregor!

*

"Einer der ersten, wenn nicht sogar der erste, dem etwas gänzlich außergewöhnliches, eine Einzelheit der sichtbaren Welt ins Auge fiel"*

Das Zitat des Monats August 2008 ist von

Leonardo da Vinci (1452-1519):

»Natur beginnt mit der Ursache und endet mit der Erfahrung, wir müssen den entgegengesetzten Weg beschreiten, der dann sei ... mit der Erfahrung beginnen und davon die Ursache ableiten.«**

»Denk daran, wenn du über das Wasser sprichst, zuerst die Erfahrung anzuführen und danach deine Überlegungen.«***

Leonardo da Vinci, Codex Leicester

* Marianne Schneider (2000): "er begann nachzuforschen und zu entdecken, daß das, was bis dahin gelehrt und geglaubt wurde, falsch war; und so verließ er den käfig des von der kirche und der offiziellen philosophie hochgehaltenen aristotelischen weltgebäudes, zu dessen rechfertigung die naturwissenschaft gedient hatte, ohne je einen blick auf die welt zu werfen."

** Statt Aristoteles' Vorgaben werden in der Neuzeit "vorläufige Theorien" (Popper) durch die Erfahrung verworfen, um danach neue Theorien aufzustellen. Vielleicht brauchen wir die Theorien ja nur, um unsere redundanten Erfahrungen zu bändigen. Die aktuelle Frage ist, ob wir im "Petabyte-Zeitalter" (End of Theory) ohne Kausalitätsdenken und ohne Theorien auskommen sollten, um stattdessen einfach Zahlenmassen zu korrelieren ("Correlation supersedes causation", Andersen 2008): Einfach nur "googlen"?

*** Leonardos Hauptthema im Codex Leicester ist die Natur des Wassers: »Wenn du alle gestalten der wellen und der bewegungen des wassers genau erkennen willst, dann schau in klares wasser von geringer tiefe, auf das die sonnenstrahlen fallen, und durch diese sonne wirst du alle schatten und alle lichter der genannten wellen und der dinge sehen, die dieses wasser mit sich führt.«    [Der zweite Zitat-Satz – »Denk daran ...« – war das Motto meines Buches "Charter Segeln"]

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"Eine neue Bejahung vom Innerweltlichkeit in den Geisteswissenschaften"?

Zitat des Monats September 2008:

»...wir sind Zeugen einer Paradigma-Erschöpfung philosophischer Art: Sie zeigt sich in der als intellektuellem Überdruss erlebten Distanz gegenüber dem vom "Linguistic Turn", von der Dekonstruktion und von den Medienwissenschaften einst hochgehaltenen "Primat der Vermitteltheit", anders formuliert: in einem neuen Abstand zum Tabu der Naivität, das lange auf dem Wunsch nach unmittelbarem Zugang zu den Phänomenen der Vergangenheit und Gegenwart lastete, ja über jeglicher Weltreferenz überhaupt. Eine darauf festgelegte Moderne wirkt heute anämisch gegenüber den Welten der Antike.«

Hans Ulrich Gumbrecht: "Rhythmen der klassischen Antike". FAZ 6. August 2008.

Nach Florian Sprenger: "Gumbrecht begreift den Skeptizismus, also die Ablehnung jeglichen Präsenzdenkens, als Symptom einer Unzufriedenheit, um nicht zu sagen einer Krankheit. Diese Unzufriedenheit sei durch den Linguistic Turn und seine Betonung einer allgemeinen Vermitteltheit und Mediatisiertheit eines jeden Weltzugangs, also eines grundlegenden Konstruktivismus, hervorgerufen worden." Gumbrechts Therapie: "re-somatization of self-reference and a re-materialization of world-reference." (s. o. M. Seel)
Jürgen Kaube (FAZ) in seiner Kritik: "Sollte man, ganz vormodern, nach dem Ding-an-sich in all dem Diskursgewese suchen?"

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"Emotion by Design" – perfektes emotionales Selbstmanagement?

Zitat des Monats Oktober 2008:

»Zahlreiche Vorschläge zur soziologischen Deutung der Gegenwart beschäftigen sich mit der paradoxen Entwicklung, dass zunehmende Freiheiten und zunehmender Zwang einander korrespondieren und sich nicht etwa begrenzen. Vor allem jene Analysen, die die moderne Marktgesellschaft zum Gegenstand haben, sprechen davon, dass der "flexible Kapitalismus" Autonomie und Kontrolle unauflösbar ineinander verschränkt.«

»In der These der Disziplinierung läuft die kommerzielle Nutzung von Gefühlen auf deren Konditionierung hinaus ... Die Diagnose einer Informalisierung(1) von Gefühlsregeln hingegen stellt auf die Zunahme von persönlicher Autonomie in der Gestaltung des emotionalen Ausdrucks ab.«

»Vielmehr werden von den "Gefühlsingenieuren" (Bertolt Brecht) der Gegenwart Techniken des emotionalen Empowerment propagiert, die dem Individuum Kenntnisse und Handreichungen für das richtige Gefühlsleben beibringen sollen.«

Sighard Neckel : "Emotion und Erfolg. Zur emotionalen Kultur des modernen Kapitalismus." Essay zum Spielzeitthema 2007/08, Schauspiel Frankfurt. Vgl. "Emotion by Design" 2005.

Unter dem populären Konzept 'Emotionale Intelligenz' (EQ) – als Gegenbegriff zum IQ – gibt es mentale Trainingsprogramme zur Umwandlung von negativen Stimmungen in positive Energien, Techniken der charismatischen Selbstenthusiasmierung und als Notbremse einen 'stoischen Optimismus': Positiv denken... Interessant ist die Begründung aus den Neurowissenschaften, dass »erfolgreich sein nur eine Frage der richtigen Handhabung der Gehirnanatomie sei

Nachtrag: Ein ebenso weitverbreitetes Rezept zur Selbstoptimierung liefern die Gefühlsapotheker (wie ich sie in Anlehnung an Brecht's Gefühlsingenieure nenne): Pharmakologische Aufbauhilfe mit Amphetaminen oder - je nach Bedarf - bremsenden Betablockern oder Sedativa für Erwachsene, Ritalin zur Leistungssteigerung bei "unruhigen" Schülern, oder Doping zur sportlichen Maximalleistung. Oder eben – wie Werner Bartens schrieb –, »Coaching bis hin zu Kursen, in denen die Selbstenthusiasmierung so lange eingeübt wird, bis es nicht mehr wehtut.« ['Süddeutsche', 14.7.2007]
(1) Sozialwiss. Informalisierung: Auflösung strenger Verhaltensregeln, mit der Folge größerer Freiheit, aber auch größerer Unsicherheit.

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Die Säulen des Herkules

Die Meerenge von Gibraltar: "Multi pertransibunt & augebitur scientia" *


Zitat des Monats November 2008

Novum Organum
Quelle: John P. McCaskey, Wikipedia Commons

»Viele Philosophen der Neuzeit glauben, ihre Horizonterweiterung - man nennt sie gelegentlich Emanzipation - sei die eine, große, sowohl erste wie letzte Emanzipation. Ein gutes Beispiel bietet Bacons Projekt der großen Erneuerung, das vor allem als 'Novum Organum' bekannt ist. Wir sehen ein Schiff [vergrößert], das die Säulen des Herkules durchfährt und sich unter vollen Segeln ins offene Meer hinauswagt. Hier erscheint die intellektuelle Emanzipation, die Überwindung der Meeresenge, als eine menschheitsgeschichtlich einmalige Phase ... .

Wenn aber - um in Bacons Bild zu bleiben - auf die erste Meerenge bald eine zweite, später eine dritte und vierte folgt ... . Die ins offene Meer führende, die Große Emanzipation findet eigentlich nie statt; an die Stelle der einen Großen Erneuerung tritt in Wahrheit eine Vielzahl kleinerer, manchmal nur kleinster Veränderungen.«

Otfried Höffe: "Häretische Vernunft." Merkur 556, 595-607 (1995) (vgl. 2012)

Die menschlichen und ökonomischen Folgekosten dieser Emanzipation des Abendlandes begannen mit der ersten Ausfahrt in den Atlantik. Zum Jubel des Kolumbus und der Trauer über seine entsetzlichen Fehler vgl. meinen Essay "Kurs West".

* "Viele werden hindurch fahren und das Wissen wird sich vermehren" (Textband unter dem Schiff)

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Einer, der schon 2004 die erschreckende Banalität einer ebenso asozialen wie gewinngeilen Finanzwirtschaft klar formulierte, und damit zur aktuellen Diskussion(1b) des gefährlich gewordenen Kapitalismus mehr beiträgt als viele berühmte Karl Marx-Texte(2), ist Franz Müntefering (vgl. KarikatKarikatur ur).

Zitat des Monats Dezember 2008

»Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungslosen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben. Kapitalismus ist keine Sache aus dem Museum, sondern brandaktuell.« (3)

Franz Müntefering: Freiheit und Verantwortung (22.11.2004)

(1b) Vgl. Bundespräsident Horst Köhler am 11.10.2008: »Ich plädiere für ein Bretton Woods II. Wir brauchen einen wirksamen internationalen Ordnungsrahmen für die globale Ökonomie. ... ... Ich halte die Krise für beherrschbar. Wir haben es in der Hand.«
Thomas Assheuer (DIE ZEIT 17.12.08): »Bankrott gemacht hat eine Utopie, nämlich die neoliberale Verheißung vom segensreichen Wirken staatsfreier Märkte. ... Die Kernschmelze der Wall Street entzaubert nicht die Erfindung des Marktes, sondern die utopische Semantik, den Glorienschein, mit dem diese sinnvolle Erfindung zum Wohle der Wenigen überhöht wurde.«
(2)Karl Marx dagegen glaubte nicht an dauerhafte Lösungen: "Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandenen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen."
(3)Man prüfe die Aussagen der "Heuschreckendebatte" an der Realität des Herbstes 2008. Eine aktuelle Studie zeigt, dass es wichtig ist zu differenzieren: Die Hedge Fonds zielen auf kurzfristige Steigerung des Shareholder Value um dann weiter zu ziehen ('Heuschrecken'), während Private Equity Funds eher den langfristigen Unternehmenserfolg wollen.

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2009

Kann die Freiheit der Musik die Ordnung des Staates gefährden?

Zitat des Monats Januar 2009

»Ihr seid sehr kurzsichtig«, antworten unsere großen Staatsklugen*, »alle Freiheiten bieten einander die Hand, und sind gleich gefährlich. Die Freiheit der Musik setzt die Freiheit zu empfinden voraus; die Freiheit zu empfinden ziehet die Freiheit zu denken nach sich; die Freiheit zu denken verlangt die Freiheit zu handeln; und die Freiheit zu handeln ist der Untergang des Staates. Wir müssen demnach die Oper lassen, wie sie ist, wenn wir den Staat erhalten wollen, und die Freiheit im Singen einschränken, wenn wir nicht wollen, daß die Freiheit im Reden bald darauf folgen soll.«

Jean-Baptiste le Rond, genannt d'Alembert 1769: "Von der Freiheit der Musik". In: Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend, hg. von J. A. Hiller, Leipzig 1766-1770, 3. Jg., 2. Bd., 32.-38. Stück (6.2.-20.3.1769). – Zitiert nach: Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme. Von Friedrich Kittler, Thomas Macho und Sigrid Weigel (Hrsg., 2002).

* lt. 'Pierer' 1857 (Nebenbedeutung) Leute mit "Klugheitsregeln, bei denen auf die menschliche Schwäche u. die Benutzung günstiger Gelegenheit speculirt wird".

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"Zwischen Till Eulenspiegel und Kant, da wird’s interessant"

Alexander Kluge (Zitat des Monats Februar 2009)

»Herr Kluge, man sagt Ihnen nach, Sie seien eine Mischung aus Kant und Till Eulenspiegel.«

»Ich glaube, dass die Komik eine Zweigstelle der Philosophie ist. Man kann manchen unangenehmen Gedanken überhaupt nur im Gedächtnis behalten, wenn er mit Komik verknüpft ist. Alles andere wird verdrängt. Das gilt für die Mächtigen der Welt, wenn sie sich mit einem Zaun vor uns schützen wollen wie in Heiligendamm .... Der Witz ist ein Dopingmittel für unsere Erinnerung.«

Alexander Kluge im Gespräch mit Christoph Amend: "Bush ist ein Unglücksmensch"* (DIE ZEIT, 11.12.2008). Davor ging es um einen Filmausschnitt mit dem Komiker Helge Schneider im Schwimmanzug vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm (YouTube).

... und Kluge folgert aus der Evolution: "als wir den aufrechten Gang entwickelten, da gab es einen großen Muskel, der drückte Sexualität und Verdauung nach unten und den Atem und den Geist nach oben. Das ist instabil, so wie unser aufrichtiger - aufrechter - Gang. Deswegen ist das so lachempfindlich. Sie können nicht widerstehen, wenn etwas komisch ist, fängt das Zwerchfell an zu zucken" (im Gespräch mit Mario Scalla, 'Doppelkopf', HR 22.1.09).

* "so wie Kaiser Wilhelm II. ein Unglücksmensch war." (Kluge). Das Titelzitat findet sich bei Matthias Matussek

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Die Welt nach Marx: Ende des »Naturrechts auf Rendite«?

(Zitat des Monats März 2009)

"Besonders in den Mittelklassen unserer Gesellschaft hatte man sich an ein »Naturrecht auf Rendite« für die eigenen, nicht unerheblichen Spareinlagen gewöhnt.
Das alles ist mit einem Mal Vergangenheit. Jetzt steht »Marx« für das Eingeständnis der eigenen Ernüchterung. Alles, auch der Kapitalismus, ist anders möglich. Diese so harmlos daherkommende Formel der Kontingenz ist freilich deshalb so gespenstisch, weil sie die Utopie wie auch den Untergang denkbar macht.

Heute steht der Name »Marx« nicht für die Begründung einer verzweifelten Politik angesichts des Endes aller Politik, sondern für die Notwendigkeit von Politik angesichts eines Endes der Ökonomie.

Der Marx von heute soll legitime Ansprüche begründen, aber nicht einer geschichtsphilosophisch privilegierten Klasse, sondern einer vielstimmigen, keinen Stand und keine Klasse aussparenden Gesellschaft, die sich durch eine nicht mehr kommunizierbare Entwertungserfahrung vor die Frage gestellt sieht, wie alles weiter gehen soll."

Heinz Bude: "Die Welt nach Marx" (Merkur 718, März 2009, 266-70).


Ist die Wirtschaftskrise Folge des Fehlverhaltens von Managern oder eine Systemkrise? Wohl letzteres, meine ich, da einzelne ein solches Ausmaß nicht bewirken konnten. Ist es dann unser aller Problem, dies nicht rechtzeitig erkannt zu haben? Heinz Bude sagt, »der Kapitalismus hat die Abwesenheit eines praktisch folgenreichen Begriffs von den gesellschaftlichen Folgen privat verfolgter Kapitalverwertung zu einem Gesetz gemacht«. Eine etwas holprig verschlüsselnde Formulierung - aber genau der Punkt: Das Ende dieses "Gesetzes" - meine ich - ist die zentrale Aufgabe der Politiker. Erst dann können wir als Wähler "das System" – mit seiner strukturellen Amoralität – kontrollieren.

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"Nun liegt das Monster verletzt am Boden. Meine Hoffnung ist, dass es nicht wieder aufsteht."

(Ai Weiwei, Zitat des Monats April 2009)

"Amerika steht für Freiheit ohne Einschränkungen. Wir haben alle geglaubt, dass Freiheit dem menschlichen Leben seine Würde und Bedeutung geben könnte. Wir haben nicht für möglich gehalten, dass uns die Freiheit, wie wir sie heute leben, in diese kurzsichtige globale Konsumgesellschaft führt

Es ist nicht die Freiheit an sich, die uns schadet. Es ist die Ideologie der Freiheit. In Amerika dient die Freiheit als eine Art Superideologie, die alles rechtfertigt. Ebendeshalb ist sie zum System erstarrt. Im Namen der Freiheit konnten die amerikanischen Banken machen, was sie wollten. Mit den bescheidenen Gefühlen und Bedürfnissen der meisten Menschen hat der amerikanische Freiheitsbegriff nichts mehr zu tun.

China bietet keine Alternative zu Amerika. Neue Ideen werden auch im 21. Jahrhundert aus dem Westen kommen müssen. Er allein verfügt über die freien Denkfabriken, die gesellschaftliche Alternativen produzieren können."

Ai Weiwei: "Ein Monster in Trümmern. Was kommt nach Amerika?" (DIE ZEIT, 26.03.2009 ).

Ai Weiwei, geboren 1957, ist der Sohn des Dichters und Regimekritikers Ai Qing und Chinas bekanntester Konzeptkünstler. Nach zwanzig Jahren Verbannung und zwölf Jahren in den USA lebt er seit 1993 in Peking. Über sein eigenes Land 2008: "Olympische Spiele ohne Freiheit und gegen den Willen des Volkes sind Nonsense, denn kein totalitäres Regime kann vortäuschen, eine Demokratie zu sein. Harmonie und Glück sind nur geheuchelt."

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"Wer Planen und Entscheiden kann, hat Macht"

(Zitat des Monats Mai 2009)

Bei Zufällen entscheidet sich etwas für Menschen Wichtiges, ohne dass jemand, eine Person, geplant oder entschieden hätte. Im ernstesten Fall entscheidet sich eine Entwicklung, bei der es um Leben und Tod eines Menschen geht. Die Rede vom Zufall, durch den sich etwas entscheidet, ist unpersönlich. Die Rede von Menschen, Göttern, Willenshandlungen, durch die entschieden wird, ist persönlich. Diese Alternative ist jedoch keine scharfe.

Der Tod als die gewiss eintretende Möglichkeit des Endes aller Möglichkeiten, deren Verwirklichungszeitpunkt jedoch ungewiss bleibt, [ist] der eigentümlichste und menschliche Macht am grundsätzlichsten beschränkende Zufall. Sein Eintritt bleibt für die handelnden Menschen trotz ihres Willens zu leben und zu töten doch ungewiss. Erst die Fiktion eines wollenden, alles durchschauenden Gottes, für den es keinen Zufall gibt, macht auch diesen Tod zum Resultat einer entscheidenden Macht oder eines sich direkt verwirklichenden Willens, dem sich keine Verwicklungen entgegenstellen können.

Michael Hampe: "Die Macht des Zufalls. Vom Umgang mit dem Risiko." (wjs verlag 2006 ).

Der Literaturkritiker Jörg Plath zu Hampe's Buch: Ich muss über die Zufälle nachdenken, sie erinnern und erzählen. Der gedeutete Zufall wird Teil einer Biografie, einer Ordnung. Für Hampe ist der Zufall, nicht das Naturgesetz und die Kontinuität Charakteristikum der Welt. ... Der Glaube an den allgegenwärtigen Kausalnexus ist der Aberglaube, zitiert er Ludwig Wittgenstein. Die 'fundamentalistische' Wissenschaft hofft auf die Weltformel, mit deren Hilfe alles erklärt werden kann; gegenwärtig melden die Neurowissenschaftler am lautesten solche Ansprüche an. Vgl. auch Hampe zu "Bilder in der Wissenschaft"

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Kreativer Einfall – oder Allerweltsidee?*

(Zitat des Monats Juni 2009)

»Genau das aber ist das Wesen des kreativen Einfalls und des Schöpfungsprozesses aller Kunst, ihre Ausnahmestellung unter den Menschenwerken bezeichnend: dass sie nicht willentlich herbeigezwungen werden, weder durch deduktives Konstruieren (wie in der Mathematik) noch durch präzis-zielbestimmte Anwendungen bekannter Methoden (wie bei der Herstellung von Handwerksstücken). Die Entstehung des Kunstwerks folgt nicht den Modi technischen Machens, aber der Künstler ist auch kein prometheischer Ausnahmemensch, der machtvoll einen widerstrebenden Stoff nach seinem Willen formt, sondern er ist ein Lauschender, Suchender und Tastender, gewissermaßen den Willen seines eigenen Werkes vorfühlend und nachzeichnend, und in diesem Sinn ein "Genie des Gehorsams".

...Vergleichbares gilt mehr oder weniger stark für uns alle: Dass unsere kreativen Einfälle nicht aus dem Nichts kommen, sondern nur aus einem durch Übung fruchtbar gemachten Boden, und dass sie versiegen, wenn wir sie nicht fortwährend gestaltend hegen.«

Friedrich Pohlmann: "Wie die Kunst entsteht. Über den kreativen Einfall". Merkur 721 (Juni 2009), 497-508.

Allerweltseinfälle sind oft nicht "sonderlich originell ... nichts weiter als eine jener Formen nachträglicher Schlagfertigkeit, die der Franzose »esprit de l'escalier« nennt.

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Weltinnenpolitik – ein brauchbares demokratisches Gebilde?*

(Zitat des Monats Juli 2009)

»Die hochartifiziellen Entstehungsbedingungen des nationalen Bewusstseins sprechen gegen die defätistische Annahme, dass sich eine staatsbürgerliche Solidarität unter Fremden nur in den Grenzen einer Nation herstellen kann. Wenn sich diese Form der kollektiven Identität einem historisch folgenreichen Abstraktionsschub vom lokalen und dynastischen zum nationalen und demokratischen Bewusstsein verdankt, warum sollte sich ein solcher Lernprozess nicht fortsetzen lassen?«

Jürgen Habermas (*18.6.1929) in: "Die postnationale Konstellation" (Juni 1998).

Zygmunt Bauman, zu Habermas' These: "Für die Skeptiker gibt es über der Nation kein brauchbares demokratisches Gebilde, wobei sie die Erfahrungen aus der Vergangenheit ins Feld führen und darauf beharren, dass Staatstreue kein Ersatz für 'ethno-kulturelle Bindungen' sein kann... die 'emotionale Dimension' (sei) untrennbar verknüpft mit der Vorstellung von einer gemeinsamen Vergangenheit und Zukunft, die wir aus der Geschichte unter der Bezeichnung Nationalismus kennen". (Vgl. 2017)

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August 2009

"Staatsbürgerliche Solidarität unter Fremden" (HABERMAS, siehe Vormonat) – KANT hält skeptisch dagegen:
»Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.«

"Krummes Holz wird niemals gerade” – Ξύλον ἀγκύλον οὐδέποτ᾽ ὀρθόν (bei M. Apostolios, 1422-1478).

(Zitat des Monats August 2009)

»Das größte Problem für die Menschengattung, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft. ... Menschen, deren Neigungen es machen, daß sie in wilder Freiheit nicht lange neben einander bestehen können. Allein in einem solchen Gehege, als bürgerliche Vereinigung ist, thun eben dieselben Neigungen hernach die beste Wirkung: so wie Bäume in einem Walde eben dadurch, daß ein jeder dem andern Luft und Sonne zu benehmen sucht, einander nöthigen beides über sich zu suchen und dadurch einen schönen geraden Wuchs bekommen; statt daß die, welche in Freiheit und von einander abgesondert ihre Äste nach Wohlgefallen treiben, krüppelig, schief und krumm wachsen.
Diese Aufgabe ist daher die schwerste unter allen; ja ihre vollkommene Auflösung ist unmöglich; aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden. Nur die Annäherung zu dieser Idee ist uns von der Natur auferlegt.«*

Immanuel Kant (1724-1804): "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" (Berlinische Monatsschrift, November 1784, S. 385-411).

* KANT kommentiert in der Fußnote: "Die Rolle des Menschen ist also sehr künstlich.".

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Wahlkampf 2009: Wie entsteht Gesichtslosigkeit?

(Zitat des Monats September 2009)

»Wie muss man eigentlich sein, um gesichtslos zu wirken? Man muss sich hinter dem Amt, der Rolle, dem Jargon, dem Sachzwang verschanzen, die man repräsentiert. Dann ist man ein Repräsentant ohne Präsenz, also ohne Gesicht.«

Dieter Thomä, Prof. für Philosophie an der Universität St. Gallen, zu den führenden Kandidaten der Bundestagswahl (Der Tagespiegel, 4. September 2009).
Kommentar: Gäbe es keine demokratischen Wahlen, könnte man ja auf die Gesichter verzichten, denn nach J. Pollak gilt "Weder garantiert noch exkludiert formale Präsenz Repräsentation. Präsenz ist eine notwendige aber nicht hinreichende Voraussetzung für Repräsentation." Na ja ...

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Bilder der Wissenschaft: Lokalisationismus* als der neue biologische Essentialismus?

(Zitat des Monats Oktober 2009)

»In das Wesen [der Naturdinge] einzudringen, halte ich ebenso für ein unmögliches Unterfangen wie eine leere Mühe.« (Galileo Galilei an Marcus Welser, 1612)**

»Wir können niemals ein Bild verstehen, solange wir nicht erfassen, wie es zeigt, was nicht zu sehen ist.« (W.J.T. Mitchell 1990)

* Das Denken sieht man nicht und wird es nie sehen, weil es keinen Ort hat (Michael Hampe, Prof. für Philosophie an der Universität Zürich: Sichtbare Wesen, deutbare Zeichen, Mittel der Konstruktion: zur Relevanz der Bilder in der Wissenschaft. Angew. Chemie Int. Ed. 2006, 45, 1028-31). (Vgl auch die Diskussion um Hirnphysiologie und Bewußtsein)

** Originaltext: Il tentar [di penetrar] l'essenza [delle sustanze naturali], l' ho per impresa non meno impossible e per fatica non men vana nelle prossime sustanze elementari che nelle remotissime e celesti (Terza lettera a Marcus Welser, Opere, ed. G. Barbera 1929-1936, Bd. V,187).

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Drei Verwendungsweisen von »Würde«

(Zitat des Monats November 2009)

»Die klassische Auffassung lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Grundlegend dafür ist die Vorstellung, dass Würde eine äußre Eigenschaft ist (oder ein Bündel von Eigenschaften), zu deren Merkmalen es gehört, dass sie ungleich zwischen Menschen verteilt ist und dass der Träger sie erwerben und verlieren kann.

Von der klassischen unterscheidet sich die christliche Auffassung dadurch, dass Würde eine innere Eigenschaft ist, die jeder Mensch durch seine Gottebenbildlichkeit vom Schöpfer als Gabe erhalten habe, dass jeder Mensch diese Würde besitze und dass es sich um ein unverlierbares Merkmal handele.

Mit der normativen Auffassung bemühte sich Kant um eine philosophisch anspruchsvolle und von religiösen Normen unabhängige Begründung dafür, dass allen Menschen eine absolute Würde zukomme. Diese wird von ihm auf die eng miteinander verschränkten Bestimmungen der Vernünftigkeit, Willensfreiheit und Moralfähigkeit zurückgeführt.«

Christian Thies, Prof. für Philosophie an der Universität Passau. Aus: Schauspiel Frankfurt, Ödipus / Antigone (2009). Quelle: Christian Thies (Hrsg.): Der Wert der Menschenwürde. Schöningh/Paderborn, 2009. (Rezension)

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Das »Naturschöne« – seit Hegel überholt?¹

(Zitat des Monats Dezember 2009)

»Solche Bilder: das Fallen der Blätter, die blaue Ferne, der Glanz der herbstlichen Sonne über den abgeernteten Feldern, das ist vielleicht das eigentliche Leben. Solche Bilder schaffen mehr Wirklichkeit als alles Tun und Handeln – nicht das Geschehene, das Geschaute formt und verwandelt uns.«²

Marion Gräfin Dönhoff, geb. 2.12.1909 (aus 'Ritt durch Masuren. Aufgeschrieben 1941', aktuell in DIE ZEIT 27.11.09)

¹ vgl. Hartmut Böhme (1991) Aussichten einer ästhetischen Theorie der Natur. Vgl. in "Bilder" zur Naturästhetisierung (Haeckel ...). Vgl. Jacob Burckhardt: 'Entdeckung der landschaftlichen Schönheit'.
² Walter Benjamin (1916): »Der ununterbrochene Strom dieser Mitteilung fließt durch die ganze Natur vom niedersten Existierenden bis zum Menschen und vom Menschen zu Gott.« Ein Problem wäre »Überbenennung als tiefster sprachlicher Grund aller Traurigkeit und (vom Ding aus betrachtet) allen Verstummens«. Nicht bei Dönhoff.

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2010

Thomas Nagel: »Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?«

(Philosophisches Zitat des Monats Januar 2010)

»Der gegenwärtige Diskurs über den Physikalismus läuft etwa so als wenn sich Vorsokratiker über eine Äquivalenz von Masse und Energie¹ gestritten hätten. Aber wir haben nicht einmal die Vorahnung einer Konzeption davon, was Materialismus wirklich bedeutet. Um die Hypothese ‘ein mentales Ereignis ist ein physikalisches Phänomen’² zu verstehen, haben wir mehr zu fordern als nur ein Verständnis des Wortes "ist".« (Thomas Nagel 1974)³

»Die Biologie mag herausragende Fortschritte erzielt haben, dennoch bleibt das Bewusstsein von Fledermäusen hoffnungslos unverstanden.... Die Philosophie der Biologie ist kein akademisches Glasperlenspiel. Die kulturelle Bedeutung des biologischen Wissens erfordert eine Auseinandersetzung, in der unkritische Affirmation und sture Zurückweisung gleichermaßen vermieden werden. Menschen sind biologische Wesen, und wir haben die naturwissenschaftlichen Perspektiven ernst zu nehmen. Doch eine ernst genommene Biologie ist nicht zwingend eine dominante Biologie, die den Primat gegenüber anderen Formen des Wissens beansprucht.« (David Ludwig 2009)*

¹ heute: E = m·c²
² >ist< stellt in dieser Phrase eine überflüssige (weil ontologische) Erklärung im Sinne von Ockhams Rasiermesser dar (vgl Imbach)
³ [deutsch: F. Praetorius] “At the present time the status of physicalism is similar to that which the hypothesis that matter is energy would have had if uttered by a pre-Socratic philosopher. We do not have the beginnings of a conception of how it might be true. In order to understand the hypothesis that a mental event is a physical event, we require more than an understanding of the word 'is'.”
Thomas Nagel: »What is it like to be a bat?«, in: The Philosophical Review LXXXIII, 4 (October 1974): 435-50.
* David Ludwig: »Fledermäuse und die missverstandene Biologie des Menschen«, in: Merkur 727 (12/2009), 1175-1177. [Vgl. Markl]

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»Das autistisch-undisziplinierte Denken in der Medizin und seine Überwindung«

(Philosophisches Zitat des Monats Februar 2010)

»... Resultat eines Denkens, das keine Rücksicht nimmt auf die Grenzen der Erfahrung und das auf eine Kontrolle der Resultate an der Wirklichkeit und eine logische Kritik verzichtet, d. h. analog und in gewissem Sinne geradezu identisch ist mit dem Denken im Traume und dem des autistischen Schizophrenen, der, sich um die Wirklichkeit möglichst wenig kümmernd, im Größenwahn seine Wünsche erfüllt und im Verfolgungswahn seine eigene Unfähigkeit in die Umgebung projiziert. Es ist deshalb das autistische Denken genannt worden. Dieses hat seine besonderen, von der (realistischen) Logik abweichenden Gesetze, es sucht nicht Wahrheit, sondern Erfüllung von Wünschen ...«

Zu hochmütig? Bleuler sagt (a.a.O. S. 6): "Ich stecke selbst in den Fehlern, die ich rüge, mitten drin"!

Eugen Bleuler (1857-1939; Allgemeinmediziner und Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich): Das autistisch-undisziplinierte Denken ... (1919. Neuausgabe 1962. 3. Neudruck 1975, S. 1)

»Schwierigkeiten der Anwendung des disziplinierten Denkens: dieses besteht ja nicht darin, daß man alles mit Zahlen mißt und belegt, auch nicht darin, daß man alles weiß, was zu einem Handeln, zu einem Schlusse nötig wäre, sondern darin, daß man alles zuzuziehen sucht, nichts ausläßt oder gar aktiv abspaltet, was möglich und zur Überlegung nötig ist, und nichts hinzuzieht, was nicht dazu gehört, und daß da, wo unser Wissen Lücken hat, diese genau gekannt werden. So kann das disziplinierte Denken sich auf die kompliziertesten Dinge beziehen, und das auch dann, wenn man nur wenige der komplizierenden Momente genauer kennt. Es kommt bloß darauf an, daß man sich nur an die Wirklichkeit hält, und zur Wirklichkeit gehört auch die Beachtung der Lücken unseres Wissens.« (a.a.O. S. 152)

»Mehrere Kollegen anderer Fakultäten meinten, es wäre in ihrer Spezialdisziplin noch schlimmer (1922).«

[Zu E. Bleuler und zur "Udenotherapie" vgl. meinen Vortrag 1965]

Ein Briefwechsel: Sehr geehrter Herr Prof. Erdmann, ... in der aktuellen DMW Ihr Satz: "Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass manche Ärzte undiszipliniert autistisch denken und handeln - und deshalb benötigen wir Leitlinien." Dem Satz stimme ich zu. Bleuler selbst hat seine Formulierung von 1919 später in "dereistisch" (statt autistisch) abgeschwächt (was sich nicht durchsetzte). – (1.2.2010:) Lieber Herr Kollege Praetorius, besten Dank für Ihre Anmerkungen. Zum einen hat es mich gefreut, dass es Kollegen gibt, die belesen sind, zum anderen habe ich es genauso gemeint, wie Sie erklären. Herzliche Grüße Ihr Erland Erdmann.

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»Glauben kann ich nur, wenn ich dafür
nicht Vernunfteinsichten opfern muss«

(Gerhard Kruip – Philosophisches Zitat des Monats März 2010)

»Halten wir moralische Forderungen nämlich nur deshalb für richtig, weil Gott sie von uns fordert, so landen wir bei einem (...) Voluntarismus¹, der letztlich theologisch in Offenbarungspositivismus und soziologisch in Fundamentalismus münden muss. Halten wir umgekehrt moralische Forderungen deshalb für Gottes Willen, weil sie uns vernünftig erscheinen, kommen wir in das theologische Problem einer Unterordnung Gottes unter die Vernunft. Einen Ausweg aus dieser Zwickmühle sehe ich nur in der Idee einer theonomen Autonomie, also in einer von Gott gewollten Autonomie menschlicher Vernunft, was aber bedeutet, dass sich Glaube und Kirche tatsächlich nicht gegen diese Autonomie stellen dürfen.«²

Gerhard Kruip, seit 8/2009 Prof. für Christliche Anthropologie und Sozialethik in Mainz: Glaube – Moral – Vernunft. Der Vernunft-Begriff Benedikts XVI. im Kontext aktueller Debatten um Christentum und Moderne. Abschiedsvorlesung in Hannover am 8.6.2009.

¹ von dem sich Benedikt XVI deutlich abgrenze
² Wilhelm von Ockham: "Es ist kindisch zu sagen: Ich weiß die Schlußsätze der Theologie, weil Gott die Prinzipien weiß, denen ich glaube, weil er sie offenbart." (übers. von R. Imbach)

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»Epistemologie scheiternder Versuche«

(Philosophisches Zitat des Monats April 2010)

»Für eine wirklich umfassende Kenntnis physiologischer Phänomene, muss man über lange Zeit tastende Versuche gemacht haben, tausend und nochmals tausend Mal in die Irre gegangen sein.« (Claude Bernard, 1813-1878)*

Cornelius Borck in "Scheiternde Versuche" (2007)**

»Ein Experimentieren, das im Vorhinein immer schon die Antwort weiß und nur noch prüfen will, ob sich das erwartete Ergebnis auch einstellt, führt vielleicht zu theoretisch und logisch besonders gut abgesichertem Wissen, aber eine solche Theorie guter wissenschaftlicher Praxis verfehlt jene wissenschaftshistorisch besonders brisanten Phasen, in denen neue Befunde auftauchen und dazu zwingen, bis dahin für gültig gehaltenes Wissen zu revidieren, Theorien über den Haufen zu schmeißen und im Ungewissen erste Ortungen vorzunehmen.

Im Scheitern manifestiert sich eine Widerständigkeit von Natur, die über vorhandene theoretische Beschreibungen hinausweist, also nach neuen Lösungen verlangt. Das war genau Bernards Strategie einer Externalisierung der experimentellen Rationalität an die Interaktion mit den Gegenständen der Forschung.
Eine Epistemologie des Scheiterns, das scheint mir ihr erkenntnistheoretischer Kern, müsste mit Kontingenz und Potenzialität des Lebens ernst machen.«

* Claude Bernard, Leçons sur les phénomènes de la vie communs aux animaux et aux végétaux, Paris 1878.

** Cornelius Borck, Direktor des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck, in FOCUS MUL 24, Heft 4, 206-212 (2007)

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Unser Denken: »Macht der Gene« oder »lazy gene effect«¹?

Wolfgang Wieser – Philosophisches Zitat des Monats Mai 2010

»Freilich werden Gene und deren Expressionsprodukte benötigt, um neuronale Strukturen herzustellen, aber bei der Steuerung phänotypischer Denkprozesse ist das Gehirn der Dirigent. ... das Gehirn (operiert) gewissermaßen "zweisprachig". Einerseits reagieren seine Neurone auf Signale, die im DNA/RNA-Alphabet der chemogenetischen Spraches des Genoms buchstabiert wurden, andererseits kommunizieren sie miteinander in der aus Nervenimpulsen bestehenden Sprache der neuronalen Netzwerke. 

... Während am morphogenetischen Aufbau der neuronalen Netzwerke im Gehirn Gene und deren Expressionsprodukte (Proteine, RNA) die entscheidenden Rollen spielen, werden vor allem jene Anteile des Verhaltens von der phänotypischen Aktivität der synaptischen Netzwerke kontrolliert, die zu den höchsten geistigen Leistungen des Menschen zählen: Sprechen, Denken, Dichten, Musizieren, den Nächsten wie das Selbst lieben usw.«
²³

Wolfgang Wieser, Prof. emer. für Zoologie: Das neue Drehbuch des Darwinismus.
Merkur 729, Februar 2010, 163-168 [Buch 2007 (← s. dort Leseprobe)]


¹ Terrence Deacon: "The lazy gene hypothesis", elegant illustriert am Beispiel der FibonacciSpiralen: "because of spatial phenomena, not because they're encoded in the genome" (Deacon, 2005).
² 'Lazy genes' können nach W. Wieser »die Kontrolle über gewisse morphogenetische Prozesse an das phänotypische Gehirn« abgeben; ein Mechanismus der Epigenetik, basierend auf "homöotischen (regulatorischen) Genen", die regulatorische Proteine zur Steuerung der Zelldifferenzierung codieren. [vgl. Epigenom; 'gene silencing'; Vererbung?]
³ Da »die Fähigkeit des Lesens bei Menschen bloß ein paar Tausend Jahre alt ist, (kann) es somit kein genetisches Programm geben, um diese Fähigkeit zu unterstützen« (Wieser), wie es dagegen beim Hören, Sprechen etc. der Fall ist.
23.4.10 Lieber Herr Praetorius, ... dankbar, da ich an der Verbreitung der von Terrence Deacon und mir (unabhängig voneinander) entwickelten neuen Deutung des epigenetischen Prozesses sehr interessiert bin. Wolfgang Wieser
[Aktuelle Epigenetik in der Krebsmedizin 2011: Epigenetische Modifikationen in malignen Zellen, "Silencing" von Genen]
Der bekannte Epigenetiker Alexander Tarakhovsky hat aus seiner eigenen Forschung ein Kunst-Objekt auf der DOCUMENTA (13) in Kassel gezeigt!

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Das Dogma der universalen Theoriegeladenheit aller Beobachtungen

Michael Hampe – Philosophisches Zitat des Monats Juni 2010

»... Dass Erfahrung immer geformte Erfahrung ist, dass Menschen nie etwas einfach nur gegeben ist, bedeutet nicht, dass Erfahrung immer durch wissenschaftliche Begriffe geformt ist.¹ Kant und Hegel haben nicht Fleck, Kuhn und Putnam antizipiert. Für sie fiel die Behauptung, alle Erfahrung unterliege einer Formung durch Subjektivität, nicht mit der zusammen, dass alle Beobachtung theoriegeladen ist. Diese beiden Behauptungen zusammenzuwerfen, ist ein Fehler. Denn, so formuliert es Dale Jacquette², die "Herausforderung besteht darin, sich einen Reim auf die Tatsache zu machen, dass proto-wissenschaftliches³ Nachdenken Beobachtungen einschließt, für die es keine wissenschaftlichen Theorien gibt, in deren Sprache diese Beobachtungen semantisch kontextualisiert werden könnten."«

Michael Hampe: Die Theorieunabhängigkeit von Tatsachen und Wahrheiten. Zur Relevanz einer Philosophie des Gewöhnlichen.
In: Wege der Philosophie ins 21. Jahrhundert. Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, Heft 1/2009, 55-77.

¹ Das wäre 'semantischer Holismus'. »Kinder und Menschen, die in Kulturen leben, in denen Wissenschaften keine oder keine große Rolle spielen, haben ... begriffliche geladene Beobachtungen und verfügen über entsprechende Wahrheiten, doch stammt diese 'begriffliche Ladung' dabei kaum aus Theorien, sondern aus anderen Bestandteilen ihrer jeweiligen Kultur.«
² Dale Jacquette, "Theory and Observation in the Philosophy of Science", in: Philosophiegeschichte und logische Analyse, Bd. 8, Paderborn 2005. S. 185
»The answer to the question of wether informed observation is theoretical is sometimes yes, and sometimes no.« (p.188)
³ Protowissenschaften, bei Thomas Kuhn: Lehren im vorwissenschaftlichen Stadium, noch nicht zu einer reifen Wissenschaft entwickelt.

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Noch einmal: "Motorische Intelligenz" (vgl. Juli 2008)

Walter Benjamin / Florian Vaßen – Philosophisches Zitat des Monats Juli 2010

Die motorische Intelligenz ist nach György Ligeti und Gerhard Neuweiler (Berlin 2007) "gekennzeichnet durch die Fähigkeit, Handlungselemente in prinzipiell unendlicher Variation zu beliebig langen, sich verzweigenden Ketten zusammenzufügen." Wie ist Rastellis Virtuosität zu erwerben?

»So rief Rastellis ausgestreckter kleiner Finger den Ball herbei, der wie ein Vogel auf ihn heraufhüpfte. Die Übung von Jahrzehnten, die dem vorausging, hat in Wahrheit weder den Körper noch den Ball "unter seine Gewalt", sondern dies zustande gebracht: daß beide hinter seinem Rücken sich verständigten. Den Meister durch Fleiß und Mühe bis zur Grenze der Erschöpfung zu ermüden, so daß endlich der Körper und ein jedes seiner Glieder nach ihrer eigenen Vernunft handeln können - das nennt man üben. Der Erfolg ist, daß der Wille, im Binnenraum des Körpers, ein für alle Mal zu Gunsten der Organe abdankt - zum Beispiel der Hand.«

Walter Benjamin: "Ibizenkische Folge", in: Gesammelte Schriften - IV 1, 406 (Suhrkamp 1972)

»Üben konzentriert sich auf Intentionslosigkeit, auf Leiblichkeit, d. h. im 'Training' "die große Fähigkeit, für Augenblicke das Ziel aus den Augen zu lassen", zu erlangen [Benjamin 1928]. Der Vorgang des Übens realisiert sich im Kontrollverlust bei gleichzeitiger Körperbeherrschung.«¹

Florian Vaßen: "Lernen und Üben". In: Korrespondenzen. Theater - Ästhetik - Pädagogik, Hrg. Florian Vaßen. 2010 Schibri-Verlag
[vgl. meine Rezension 11/2010]

¹ Das gilt beim Schauspiel, aber ebenso für das Tanzen und das Üben mit Musikinstrumenten. Nach dem Fleiß kommt unerwartet der Moment des Gelingens, reagiert der Körper "mit eigener Vernunft". Und Gefahrensituationen werden dann bewältigt, »wenn man der Tanzbewegungen nicht bewusst ist«, formuliert der Choreograph William Forsythe.

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Essayistischer Denktypus – Abwertung von Systemgebäuden

Philosophisches Zitat des Monats August 2010

»... sagen wir es so: Ein erzählender Philosoph wie Montaigne, der im Zeitalter des Descartesschen Rationalismus an Bedeutung völlig verloren hatte, ist seit Jahren wieder zu Anerkennung und Wirkung gekommen, während Descartes selbst nur noch als Formel über die erkenntnistheoretisch verbürgte Evidenz des Ich präsent ist.«

»Man wird also bei der Beurteilung des gegenwärtigen essayistischen Typus, das heißt des Bedeutungsverlusts des systematischen Typus, auf das gedankliche Niveau jener ersten philosophischen Essyisten zurückschauen müssen.«

Karl Heinz Bohrer: "Welche Macht hat die Philosophie heute noch?". Merkur 734, 559-570 (2010)

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Nikolaus Kopernikus: 'Commentariolus' 1510¹

(Zitat des Monats September 2010)

»Tertia petitio: Omnes orbes ambire Solem, tanquam in medio omnium existentem, ideoque circa Solem esse centrum mundi.«
Alle Bahnkreise umgeben die Sonne, als stünde sie in aller Mitte, und daher liegt der Mittelpunkt der Welt in Sonnennähe.

»Sexta petitio: Quicquid nobis ex motibus circa Solem apparet, non esse occasione ipsius, sed telluris et nostri orbis, cum quo circa Solem volvimur ceu aliquo alio sidere, sicque terram pluribus motibus ferri.«
Alles, was uns bei der Sonne an Bewegungen sichtbar wird, entsteht nicht durch sie selbst, sondern durch die Erde und unseren Bahnkreis, mit dem wir uns um die Sonne drehen, wie jeder andere Planet.


Frombork/Frauenburg
Kathedrale   [Foto: Elisabeth Praetorius, 5.8.2010]
Es war eine wissenschaftliche Revolution, für die an die Peripherie der Welt versetzten Menschen wurde es die erste der drei großen 'Kränkungen der Menschheit' (nach Sigmund Freud).

Arthur Schopenhauer formuliert 1844:
»Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwan ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter, kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat - dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt.«²

¹ Erst 1543 erschien das Hauptwerk "De Revolutionibus Orbium Coelestium" ("Von den Drehungen der Himmelskreise)". Er lebte 1473-1543. 2010 wurde er nach gentechnischer Identifizierung erneut in der Kathedrale von Frauenburg bestattet.
² Die Welt als Wille und Vorstellung, zweiter Band (1844), Kapitel 1: "Zur idealistischen Grundansicht".

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Der Augenblick ...

Philosophisches Zitat des Monats Oktober 2010

»Alles, was ist, ist im nächsten Augenblick schon gewesen. Daher hat vor der bedeutendsten Vergangenheit die unbedeutendste Gegenwart die Wirklichkeit voraus; wodurch sie zu jener sich verhält wie etwas zu nichts.«

Arthur Schopenhauer (1788-1860): Senilia. Gedanken im Alter. C.H.Beck 2010

vgl. auch Schopenhauer zu Kopernikus' Weltbild (Vormonat)

Ausstellung "Was die Welt bewegt – Arthur Schopenhauer in Frankfurt" bis 30.1.2011 zum Schopenhauer-Jahr 2010. Textband "Die Wahrheit ist nackt am Schönsten. Arthur Schopenhauers philosophische Provokation").

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Die Moderne – ein Projekt der Fortbewegung

Philosophisches Zitat des Monats November 2010*

»Schon die sogenannte austronesische Expansion, die vor etwa sechstausend Jahren einsetzende Besiedlung der südpazifischen Inselwelt, veranschaulicht den fortwährenden Wechsel von Aufbruch und Ankunft. Immer wieder fuhren die Polynesier mit ihren hochseetauglichen Doppelrumpfkanus ins offene Meer hinaus. Im Lauf der Jahrhunderte drangen sie weiter und weiter nach Südosten vor.¹ Was die Entdeckung und Besiedlung der polynesischen Inselwelt im geographischen Sinn war, das wurde die Moderne in einem umfassenden Sinn.«²


Mark Achtman and his international team of researchers: The path to history is through the stomach. Helicobacter pylori demonstrates the route taken by the peoples  [Mitteilung der Max Planck Gesellschaft, 23.1.09]    Bild größer
»Widerstrebend haben wir uns daran gewöhnt, dass Aufbruch, Ankunft und nächster Aufbruch so schnell aufeinander folgen, als wären wir Polynesier mit Schnellbooten. Von der Elektrik zur Elektronik, von den ersten Monstercomputern zum federleichten Notebook ... – Leben in kurzen Etappen, Alltagsgeschichte im Zeitraffer.«

Gerhard Schulze: "Gedankenfreiheit in Zeiten der Krise". Merkur 736/737, 925 - 934 (2010)

¹ Vgl. Jared Diamond, Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften. Frankfurt: Fischer 62010. Spannend: ZEIT-Gespräch 2010

² Vgl. Ottfried Höffe über Horizonterweiterung, intellektuelle Emanzipation und 'die Säulen des Herkules', in Häretische Vernunft (1995)

* in diesem Monat segelten wir 1200 sm im Dreieck Vanuatu - Santa Cruz-Inseln - Anuta/Tikopia im Südpazifik [PDF]. Vgl. Januar 2011

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Einzug des Alltagslebens auf die Bühnen?

Philosophisches Zitat des Monats Dezember 2010

»Die überwältigende Präsenz der Medien hat fast jede Motivation zum Darstellen zugunsten des passiven Konsums erstickt. Als Gegenbewegung entsteht ein "Verlangen nach Gegenwartserfahrung", in der Kunst als Wirklichkeitshunger. Wir "scheinen die Kunst zu brauchen, um uns das Leben nahe zu bringen"¹, Theater kann spürbare Gegenwart sein (Martin Seel).«

»Professionelle Artistik ist immer in Gefahr, in Ästhetik zu erstarren. Selbst brilliante revolutionäre Stücke erleiden das Schicksal, nur noch mit ihrer Virtuosität zu amüsieren: Ästhetik statt Leben, manchmal einfach Langeweile.«

F. Praetorius: "Theater - Ästhetik - Pädagogik". Zeitschrift für Theaterpädagogik 2010, Heft 57: 81-82 (Rezension)

¹ Nach Ingrid Hentschel (a.a.O.), die auch die Gefahren von reinem "Wirklichkeits- und Doku-Theater" nennt: Beschränkung der Phantasie auf das real Machbare, soziale Plastik statt spielerischer Entwürfe, Vergnügen an Selbstdarstellung statt Spielfreude bzw. eher Selbstinszenierung als Gemeinschaftserfahrung.

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2011

Denkformen - anthropologisch betrachtet

Philosophisches Zitat des Monats Januar 2011

"Manche Menschen sind Löwen". »Die Leute im Sudan bringen keineswegs Menschen mit Löwen durcheinander; sie unterscheiden nur nicht alle Menschen von allen Tieren auf die nämliche Weise wie wir. Sie scheinen sagen zu wollen, daß eine tierische und eine menschliche Natur durchaus in ein und demselben Lebewesen gleichzeitig gegenwärtig sein können.

Anthropologen sind gehalten, solche Denkweisen wenigstens zeitweise nachzuvollziehen.¹ Mit Nachvollziehen meine ich nichts weiter als die Bereitschaft, dem Gang des Gedankens zu folgen, ohne gleich zu versuchen, ihn so zu rationalisieren, daß er sofort an eine Stelle paßt, die schon für andere, vertraute Gedanken vorbereitet ist. Nur indem man die kritische Reflexion an bestimmten Punkten suspendiert, kann man erkennen, wie eine solche Denkweise in ihrem eigenen Kontext eine in sich intakte Erfahrung abbildet und dadurch diese Menschen zufriedenstellt, die nicht weniger rational, obschon weniger rationalisierend verfahren als wir. Wir haben saubere Unterscheidungen zwischen Metapher und Tatsache; das heißt, wir nehmen um auf das Beispiel zurückzukommen mit Sicherheit an, daß die Aussage "Manche Menschen sind Löwen" entweder bildlich oder buchstäblich zu interpretieren sei. Das führt zu Mißverständnissen. Wir müssen lernen, daß es bei der Übersetzung aus primitiven Sprachen oft unmöglich ist, an Unterscheidungen wie zwischen wörtlicher und metaphorischer Bedeutung festzuhalten; und wir müssen verstehen, daß solche Aussagen nicht wirklich einer der uns lieben Kategorien zugeschlagen werden können. Sie stehen zwischen den Kategorien, die wir benutzen.«

Godfrey Lienhardt (1921-93, Afrikanist und Sozialanthropologe): "Denkformen". S.107-119 in "Institutionen in primitiven Gesellschaften", Hrg. Raymond W. Firth², edition Suhrkamp 1967.

¹ Nur Anthropologen? Oder wir alle, wenn wir scheinbar Irrationales bei anderen Menschen verstehen wollen? Der Besuch einer so genannten 'primitiven' Gesellschaft auf Anuta und Tikopia brachte manche der mir "lieben Kategorien" ins Wanken. (F.P., vgl. Südpazifik)

² Firth lebte 1928-72 wiederholt in Tikopia: »It's hard for anyone who has not actually lived on the island to realise its isolation from the rest of the world. It is so small that one is rarely out of sight or sound of the sea. ... I was once asked seriously by a group of them, 'Friend, is there any land where the sound of the sea is not heard?'«

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Psychoanalyse und Politik¹

Philosophisches Zitat des Monats Februar 2011

»Ein Staat, in dem die Erkenntnisse und das Verfahren der Tiefenpsychologie nicht nur bis tief in die Kliniken und ärztlichen Praxisräume, sondern auch in die Strafgesetze, in den Strafvollzug, in die Schulzimmer und in die sozialen Berufe eindringen können, ist wahrscheinlich irgendwie immun gegen Diktatoren.«

Georg-August Zinn (Hessischer Ministerpräsident) am 27. April 1960 bei der Eröffnung des "Instituts und Ausbildungszentrums für Psychoanalyse und Psychosomatische Medizin" - seit 1964 Sigmund-Freud-Institut - in Frankfurt am Main.²
In: Ansprachen zur Eröffnung des Instituts. ASIN: B0000BFU99, als Ms. gedr. (1960), Seite 13

¹ »Psychoanalyse hat, ob sie es will oder nicht, von vornherein mit Politik zu tun. Das weiß die Politik oft besser als die Psychoanalyse. So dulden Diktaturen nirgends auf der Welt Psychoanalyse, da sie ihr Verlangen nach gefügigen Untertanen gefährden könnte.« H. E. Richter (1962 erster Direktor des Zentrums für Psychosomatische Medizin in Gießen) Dtsch Ärztebl 2004; 101:A 1405–08.

² Das erste Frankfurter Psychoanalytische Institut, 1929 mit Hilfe von Max Horkheimer (1895-1973) von Karl Landauer, Heinrich Meng, Erich Fromm, Frieda Fromm-Reichmann und Siegmund H. Fuchs gegründet, wurde 1933 von den Nazis zerstört.

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Erfahrungsraum und Erwartungshorizont

Philosophisches Zitat des Monats März 2011

"Der »Republikanismus« war ein Bewegungsbegriff, der für den politischen Handlungsraum das leistete, was der »Fortschritt« in der gesamten Geschichte einzulösen versprach.¹ Der alte, einen Zustand avisierende Begriff »Republik« wurde zum telos, und zugleich wurde er - mit Hilfe des »ismus«-Suffixes - temporalisiert zu einem Bewegungsbegriff. Er diente, die kommende geschichtliche Bewegung theoretisch vorwegzunehmen und praktisch zu beeinflussen. ... Auf den »Republikanismus« folgten der »Demokratismus«, der »Liberalismus«, der »Sozialismus«, der »Kommunismus«, der »Faschismus« ...

Das gesamte politisch-soziale Sprachfeld wird seitdem von der progressiv aufgerissenen Spannung zwischen Erfahrung und Erwartung induziert.
Allen Bewegungsbegriffen gemeinsam bleibt eine kompensatorische Leistung, die sie erbringen. Je geringer der Erfahrungsgehalt, desto größer die Erwartung, die sich daran schließt. Je geringer die Erfahrung, desto größer die Erwartung, dies ist eine Formel für die zeitliche Struktur der Moderne, sofern sie vom »Fortschritt« auf ihren Begriff gebracht wurde.² Dies war plausibel, solange alle bisherigen Erfahrungen nicht hinreichten, die Erwartungen zu begründen, die sich aus dem Prozeß einer technisch sich überformenden Welt ableiten lassen. Werden freilich dementsprechende politische Entwürfe verwirklicht, nachdem sie einmal von einer Revolution hervorgetrieben wurden, so arbeiten sich die alten Erwartungen an den neuen Erfahrungen ab."

Reinhart Koselleck (1979) »Erfahrungsraum« und »Erwartungshorizont« - »zwei historische Kategorien. In: Vergangene Zukunft. Frankfurt/M. 1979, Seite 349-375.

¹  KANT (1795): Der Republikanismus ist das Staatsprinzip der Absonderung der ausführenden Gewalt (der Regierung) von der gesetzgebenden.

²  Kant (nach Koselleck) "setzte darauf, dass die »Belehrung durch öftere Erfahrung« ein dauerhaftes »Fortschreiten zum besseren« absichern könne."

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Materialismus als Dogma?

Philosophisches Zitat des Monats April 2011

»Ich bitte Sie nicht zu vergessen, dass auch der Materialismus eine metaphysische Hypothese ist, eine Hypothese, die sich im Gebiete der Naturwissenschaften allerdings als sehr fruchtbar erwiesen hat, aber doch immer eine Hypothese. Und wenn man diese seine Natur vergisst, so wird er ein Dogma und kann dem Fortschritte der Wissenschaft ebenso hinderlich werden und zu leidenschaftlicher Intoleranz treiben, wie andere Dogmen. Diese Gefahr tritt ein, sobald man Thatsachen zu leugnen oder zu verdecken sucht zu Gunsten entweder der erkenntnisstheoretischen Principien des Systems, oder zu Gunsten von Specialtheorien, die naturwissenschaftlich klingende Erklärungen von einzelnen Gebieten zu geben suchen.«

Hermann von Helmholtz (1821-1894) "Das Denken in der Medicin", Rede in Berlin 1877

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Die Virulenz der neuen Medien

Philosophisches Zitat des Monats Mai 2011

»Bourdieu gilt es in dem Punkt fortzuschreiben, nämlich dass der immaterielle Kapitalismus kein bloß gleichsamer, sondern ein Kapitalismus im wörtlichen Sinne ist. In der Mediengesellschaft haben wir es mit einem grundsätzlich veränderten Verhältnis von Kultur und Kommerz zu tun. Der durchkommerzialisierten Sphäre der materiellen Produktion steht hier nicht länger eine Sphäre kultureller Produktion gegenüber, die sich der Kommerzialisierung entzieht, sondern eine Sphäre, die lediglich in einer anderen Währung rechnet. Die Kultur, die durch die neuen Medien vermittelt ist, ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Generierung von Aufmerksamkeitseinkünften. Die Medien selbst fungieren als Märkte mit eigener Währung und eigener Finanzindustrie.«

Georg Franck "Celebrities: Elite der Mediengesellschaft?", Merkur 743, April 2011

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Moralisieren reduziert Komplexität

Philosophisches Zitat des Monats Juni 2011

»Geschichte lehrt keine Rezepte. Sie lehrt, dass alles schon anders war und dass alles auch anders sein kann. Sie lehrt, am Anderssein der Vergangenheit einen Sinn für das zu entwickeln, was in der Gegenwart anders sein kann und in der Zukunft anders sein wird, und dafür, was in altem und neuem Gewand wiederkehrt. Sie lehrt das Leben mit Alternativen – dass Alternativen einem begegnen und man sie bewältigen muss, aber auch, dass man sie suchen und dass man sie gestalten kann. Sie lädt dazu ein, die Welt verschieden zu interpretieren, sie utopisch neu zu entwerfen und sie zu verändern.«

Bernhard Schlink, Prof. für Öffentliches Recht und Rechtsphilosphie in Berlin: "Die Kultur des Denunziatorischen", Merkur 745, Juni 2011. Vgl. auch Juli-August 2009: Habermas und Kant zu 'Weltinnenpolitik' und 'krummem Holze' - und Bernhard Schlink selbst.

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Philosophisches Zitat des Monats Juli 2011

»Von der Subjektivität loskommen, weil er Willkür fürchtete,

das war eines von Diltheys Hauptproblemen; er sprach insbesondere von der Notwendigkeit, subjektivistische und skeptische Tendenzen in der Geschichtsschreibung zu überwinden. In diesen Zusammenhang gehört das berühmte Problem, das Dilthey und andere den "hermeneutischen Zirkel" nannten: das Ganze (ein Text, ein Buch, das Werk eines Philosophen, eine Epoche) ist nur zu verstehen, wenn man seine Bestandteile versteht, aber diese sind nur zu verstehen, wenn man das Ganze versteht.¹ Es scheint nicht allgemein bekannt zu sein, daß das schon von Bacon sehr gut formuliert wurde (De augmentis VI.X.VI): "Aus allen Worten müssen wir den Sinn entnehmen, in dessen Licht jedes einzelne Wort zu interpretieren ist". ("Interpretieren" heißt hier einfach "lesen".)«

Karl R. Popper "Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf". Hoffmann und Campe, Hamburg 1973, S. 208

¹ Der analytische Philosoph Wofgang Stegmüller wendet ein, das Bild des Hermeneutischen Zirkels beschreibe keinen Zirkel (eher eine "hermeneutische Spirale"), dieser sei keine Methode und auch kein Unterscheidungsmerkmal zwischen geisteswissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Erkenntnis. (In: "Der sogenannte Zirkel des Verstehens", 1986). Vgl. Popper

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... der philosophische Status des Menschen wesentlich vom medizinischen Denken bestimmt (Foucault)

Philosophisches Zitat des Monats August 2011

»Durch die Einführung des Wahrscheinlichkeitsdenkens [um 1800]¹ hat die Medizin die Wahrnehmungswerte ihres Bereichs von Grund auf erneuert. Der Raum, in dem sich die Aufmerksamkeit des Arztes zu bewähren hat, hat seine Grenzen verloren und besteht aus isolierbaren Ereignissen, deren Zusammenhang serieller Natur ist. ... Die Medizin stellt sich nicht mehr die Aufgabe, das wesenhafte Wahre² unter der sinnlich wahrnehmbaren Individualität zu erblicken, sondern die Ereignisse eines offenen Bereichs endlos zu verfolgen: das ist die Klinik.« (S. 112)

»Man hat den Eindruck, dass sich die Ärzte zum ersten Mal seit Jahrtausenden von Theorie und Chimären befreit haben und dass sie endlich bereit sind, an den Gegenstand ihrer Erfahrung selber und mit der Reinheit eines unvoreingenommenen Blicks heranzugehen.« (S. 206)³

Michel Foucault "Naissance de la clinique. Une archéologie du regard médical." Paris 1963. Deutsch 1988: Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Fischer Wissenschaft.

¹ unter dem Einfluss von Laplace (1749-1827) bzw. innerhalb einer verwandten Denkströmung (Foucault a.a.O.)
² "Medizin der Arten" - derzufolge Krankheiten als ontologische Wesen oder Gattungen verstanden wurden. Beispielsweise zeige sich die Intensität des immer gleichen Wesens (z. B. "Blutung") durch die Symptome des Nasenblutens, des Blutspuckens oder durch eine Gehirnblutung (M. Ruoff, Foucault-Lexikon 2007)
³ Zur Theorie des ärztlichen Blicks bei Foucault siehe auf dieser Homepage 'Der verkürzte Blick'.

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Der Traum von der Klassik

Philosophisches Zitat des Monats September 2011

»Die heile Welt, die sich mit dem Begriff Klassik verbindet, entspringt der geheim gehätschelten Vorstellung, irgendwo müsse etwas vom Leben Abgetrenntes in diesem Diesseits existieren, das wie eine Konserve durch die Zeiten rollt. Unbeirrbare, unantastbare Worte, die uns beruhigend kalt dem Chaos, der Banalität, der Zufälligkeit entziehen. Viele Menschen meinen, das sei schön.«

Hans Neuenfels in: Programmheft der Oper Frankfurt zur "Penthesilea" von Othmar Schoeck (September 2011). Nach einer Rede im Martin-Gropius-Bau 2002.

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,Faden der Erzählung' - der 'Lebensfaden'?¹

Philosophisches Zitat des Monats Oktober 2011

»Jede geschichtliche Erzählung tendiert zu einem Primat der Zeitlichkeit und der Linearität, zu einer Vorherrschaft über die andere Dimension, ohne die es Geschichte nicht gibt, ohne die Geschichte nicht "stattfindet" und nicht erzählt werden kann: den Ort, den Raum, den Schauplatz. ... charakterisiert nicht durch ein Nacheinander, eine Abfolge, Sequentialität, sondern durch Nebeneinander, Koexistentialität, Simultaneität.
Vieles spricht dafür, dass wir den Kataklysmen der Geschichte besser gerecht werden können, wenn wir uns nicht so sehr an die "brave, allzuverständige, nüchterne Muse des Nacheinander" halten, sondern mehr an die "Göttin des Durcheinander" (Wilhelm Raabe)²

Karl Schlögel, Narrative der Gleichzeitigkeit oder die Grenzen der Erzählbarkeit von Geschichte. In: Merkur 746, Juli 2011, 583-595.

¹ Nach Robert Musil in Der Mann ohne Eigenschaften, zitiert von K. Schlögel.
² Wilhelm Raabe, Der Dräumling (1870): »Göttin des Durcheinander, dich flehe ich an ...«

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Hilft Ethik der Moral der Wirtschaftsführer?

Philosophisches Zitat des Monats November 2011

»Die Sozialphilosophie bildet den Rahmen für eine Ethik und nicht umgekehrt; denn Humanität ist eben mehr, als bloß dem Sittengesetz oder einer anderen ethischen Formel zu folgen. Die Moral einer Gesellschaft ist Teil ihrer Kultur; sie stiftet eine Verlässlichkeit, die nicht so ohne Weiteres zu ersetzen ist.

Dies sei an einem Beispiel erläutert: nämlich an der Funktion von Vertrauen. Zunächst: Vertrauen lässt sich nicht gebieten, und eine ethische Rechtfertigung für ein Vertrauensgebot lässt sich nicht finden. Im Gegenteil: Wer Vertrauen zu gebieten versucht, zerstört es genau dadurch. Vertrauen ist ein riskanter Vorschuss in eine Interaktionsmöglichkeit, es kann immer enttäuscht werden. Wäre dem nicht so, wäre kein Vertrauen nötig, sondern es bestünde Gewissheit, wie der Interaktionspartner handeln wird. Die moralische Formulierung ,,mir solltest Du vertrauen" ist daher paradox, weil sie gerade auf den riskanten Faktor aufmerksam macht, der im wirkenden Vertrauen stillschweigend übergangen wird. ... Vertrauen antizipiert eine Kontingenzreduktion.«

Kurt Röttgers, Warum Wirtschaftsphilosophie? In: fiph Journal 18, Oktober 2011, 6-7.
http://www.fiph.de/veroeffentlichungen/journale/Fiph-Journal-2011-Herbst.pdf#page=06

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Einfälle bei der Wissenschaft - aus heiterem Himmel?

Philosophisches Zitat des Monats Dezember 2011

»Manchmal kommen die guten Ideen tatsächlich wie aus heiterem Himmel. Solche Blitzeinfälle* entstehen allerdings unbewusst. Plötzlich weiß man, was man zu tun hat. Diese Aha-Erlebnisse liefern meist die besten Ideen. Aber sie erfordern viele Jahre harter Arbeit, damit das Unterbewusstsein die Ideen entwickeln kann.«

Don Zagier, Zahlentheoretiker, Direktor am Max-Planck-Institut für Mathematik (MPI) in Bonn. Zitiert nach: Christoph Marty, science-guide.eu 2006.     [* vgl. meine "Balkonidee"]

Max Weber ergänzt um die Dimension "Leidenschaft":

»Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit. Und die Arbeit ihrerseits kann den Einfall nicht ersetzen oder erzwingen, so wenig wie die Leidenschaft es tut. Beide - vor allem: beide zusammen - locken ihn.«

Max Weber, Wissenschaft als Beruf. Rede 1917

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2012

Gegen das Akzeptieren von vermeintlich unabänderlichen Vorgaben¹

Philosophisches Zitat des Monats Januar 2012

»Frei ist erst, wer keinen Alternativen sich beugen müßte, und im Bestehenden ist es eine Spur von Freiheit, ihnen sich zu verweigern. Freiheit meint Kritik und Veränderung der Situationen, nicht deren Bestätigung durch Entscheidung inmitten ihres Zwangsgefüges.«²

Theodor W. Adorno in "Negative Dialektik", 1966:38, 228 und 223f

¹ Nach Friedrich Rapp, in Destruktive Freiheit: ein Plädoyer gegen die Masslosigkeit der modernen Welt, Münster 2003.

² Auch der Arzt merkt manchmal nicht, in welchem Käfig er mit seinen Leitlinien-Alternativen steckt. Kreativität kann durch verweigerndes "Querdenken" - umgangssprachlich für 'Laterales Denken' nach de Bono - gefördert werden (vgl. F. Praetorius, »Leitlinien und ärztliche Entscheidungsspielräume« 2005)

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Idealistische Höhenflüge des absoluten Geistes¹

Philosophisches Zitat des Monats Februar 2012

»Für die Romantik hob bekanntlich die Welt zu singen an, wenn man nur das Zauberwort traf. Die Poesie und Philosophie der ersten Jahrhunderthälfte war das hinreißende Projekt, immer neue Zauberworte zu finden und zu erfinden. Die Zeit verlangte überschwengliche Bedeutungen. Nietzsche gerät bei der Kritik der prosaischen Gesinnung seiner Zeit stärker, als er es später billigen kann, in romantisches Fahrwasser.«

Rüdiger Safranski in "Nietzsche. Biographie seines Denkens", 2000, Seite 105

¹ Safranski: »Matadore auf der Zauberbühne des Geistes«. Einschließlich des romantischen "Schwärmens" ....

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Wider die 'unheilige Sakralität' des Wissens¹

Philosophisches Zitat des Monats März 2012

»Humanität ist nie im sicheren Hafen. Sie zerfällt oder wird beschädigt, wenn Ratio und Moral gegeneinander stehen. Unsere Zivilisation ist nicht Geschichte im Endstadium, sondern vorübergehend gesicherte Existenzform.«

Joachim Gauck in "Welche Erinnerungen braucht Europa?", Robert Bosch Stiftung, 28.3.2006, Seite 17

¹ gefunden bei Götz Aly, DIE ZEIT 1.3.2012

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Forschung, durch ein einseitiges Modell bestimmt

Philosophisches Zitat des Monats April 2012

»Die Verhaltenswissenschaften sehen uns mehrheitlich nach wie vor als passive, durch eingeübte Verhaltensmuster gesteuerte Wesen, die dem überwältigenden Einfluß ihrer inneren und äußeren Lebensbedingungen ausgeliefert sind; dass wir aktiv oder gar einsichtsfähig unseren Lebensweg selbst bestimmen können, gehört zu den Möglichkeiten, die die Verhaltenswissenschaftler in den Bereich der spekulativen Sozialutopien verweisen.«

Markus R. Pawelzik: Wie erschöpft sind wir wirklich? Anmerkungen zur aktuellen Burnout-Epidemie. Merkur 753, 2012, Seite 125-34

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»Ueber Schriftstellerei und Stil«

Philosophisches Zitat des Monats Mai 2012

»Wenige schreiben wie ein Architekt baut, der zuvor seinen Plan entworfen und bis ins Einzelne durchdacht hat; - vielmehr die Meisten nur so, wie man Domino spielt. Wie nämlich hier, halb durch Absicht, halb durch Zufall, Stein an Stein sich fügt, - so steht es eben auch mit der Folge und dem Zusammenhang ihrer Sätze. Kaum daß sie ungefähr wissen, welche Gestalt im Ganzen herauskommen wird und wo das Alles hinaus soll. Viele wissen selbst Dies nicht, sondern schreiben, wie die Korallenpolypen bauen: Periode fügt sich an Periode, und es geht wohin Gott will.«

Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena II, § 286 "Ueber Schriftstellerei und Stil". Berlin 1851

Vgl. auch Linus Geisler: Arzt und Patient - Begegnung im Gespräch , Frankfurt 1992 ("gilt ebenso für das Sprechen")

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»... gegen das schlichte Vergessen von Geschichtsphilosophie«

Philosophisches Zitat des Monats Juni 2012

»Daher meine Abschlussthese: Wenn man die Geschichtsphilosophie erneuern will, dann verspricht nur eine aufgeklärte, kritische Gestalt Erfolg, und dafür bietet sich als Gesprächspartner weniger Hegel an, da er den Rechtsfortschritt beim Einzelstaat enden lässt, auch nicht Marx, der die Gestaltungsmacht des Menschen überschätzt. Eine Weltgeschichte als Rechtsfortschritt läst sich am ehesten mit dem Weltbürger aus Königsberg, mit Immanuel Kant entwerfen.«

Ottfried Höffe: Weltgeschichte als Rechtsfortschritt? Eine Kantische Rehabilitierung der Geschichtsphilosophie Merkur 756, 2012, Seite 446-52.

Vgl. zu O. Höffe auch "Multi pertransibunt & augebitur scientia", Häretische Vernunft; und Horizonterweiterung.

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Tröstungsreserve gegen die Pflichten der Freiheit?

Philosophisches Zitat des Monats Juli 2012

»Vieles spricht dafür, dass die Biowissenschaften ein Versprechen mit sich führen, das niemand sonst im Angebot hat, nicht einmal die wirkmächtigste Diesseitsreligion, die Ökonomie: Es ist das Versprechen, uns von den Strapazen der Freiheit zu entlasten, von den Mühen der Autonomie.«

Thomas Assheuer: Ich war es nicht! DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42.

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Einstein und die Amöbe

Philosophisches Zitat des Monats August 2012

»Der Unterschied zwischen der Amöbe und Einstein besteht darin, dass beide zwar die Methode von Versuch und Irrtumsbeseitigung anwenden, aber die Amöbe nicht gern irrt, während Einstein gerade davon angezogen wird: er sucht bewußt nach seinen Fehlern, um aus ihrer Entdeckung und Beseitigung etwas zu lernen. Die Methode der Wissenschaft ist die kritische Methode.«¹

Karl R. Popper: Skizze einer evolutionären Erkenntnistheorie in: Objektive Erkenntnis (1973), Seite 84

¹ »Doch die Unmittelbarkeit oder Direktheit zum hinreichenden Kriterium für die Wahrheit zu machen, das ist der Grundfehler des Idealismus.« (Seite 82)

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Nach der Dekonstruktion¹

Philosophisches Zitat des Monats September 2012

»Die Grundlage des Denkens ist immer dasjenige, was über alles Denkbare hinausgeht; es ist jener Wink von außen, von einem absoluten Jenseits, das nicht als Göttliches bezeichnet werden kann. Was in unserer Welt fehlt, ist der Sinn für das absolute Jenseits, ein Jenseits, das natürlich nirgendwo ist; es hat keine äußere Seite, der eine innere Seite gegenübersteht; es ist keine Überwelt; Blaise Pascal hatte eine Ahnung davon, wenn er schrieb: "Der Mensch geht unendlich über den Menschen hinaus".«

Jean-Luc Nancy, geb.1940; Philosoph der Dekonstruktion (zitiert aus http://science.orf.at/stories/1654639)

¹ »Dekonstruktion ist der Versuch, sich zu orientieren, ohne eine Richtung einzuschlagen« (Nancy, ZEIT 15.3.12)

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Hilft der Blick in die Vergangenheit?

Philosophisches Zitat des Monats Oktober 2012

»Es ist wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.«¹

Søren Kierkegaard, 1813-55; Vorläufer des Existentialismus. Journalen JJ:167 (1843)

¹ Motto des 8/2012 erschienenen Buches von Frank Praetorius: "SPUREN der Familie Praetorius" (BoD-Verlag, 208 Seiten, 2012)

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»Die Erklärungen haben irgendwo ein Ende« (PU 1)

Philosophisches Zitat des Monats November 2012

»Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken, - weil man es immer vor Augen hat.) Die eigentlichen Grundlagen seiner Forschung fallen dem Menschen gar nicht auf. Es sei denn, daß ihm dies einmal aufgefallen ist. - Und das heißt: das, was, einmal gesehen, das Auffallendste und Stärkste ist, fällt uns nicht auf.« (PU 129)

Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (PU) 1953. [vgl. Mai 2009]

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"Passt die Sache in mein Leben? Welches Leben passt zu dieser Sache?"

Philosophisches Zitat des Monats Dezember 2012

»(Zum Stand ästhetischer Freiheit:) Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität sind die heute entscheidenden gesellschaftlichen Forderungen, die die Individuen zu erfüllen haben, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Sie haben das alte Disziplinarmodell ersetzt, ohne dabei freilich die Disziplin abzuschaffen. An die Stelle einer Normierung des Subjekts nach gesellschaftlichen Rollenbildern ist der unter dem Zeichen des Wettbewerbs stehende Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung getreten.«

Die Folgen der "kreativen Anpassung an die Verhältnisse" werden genannt: »... neue Formen von sozialer Herrschaft und Entfremdung ..., ein dramatischer Anstieg an im weitesten Sinne depressiven Persönlichkeitsstörungen ... Innere Leere, gefühlte Minderwertigkeit, Antriebsschwäche scheinen die Kehrseite der Erwartung zu sein.«

Christoph Menke / Juliane Rebentisch: Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus. Kadmos Verlag, 2011

Ein "Gegenmodell" der Philosophie (Christoph Menke, Documenta 2012): »Das Denken der Philosophie beginnt damit, dass man aufhört, die Dinge anzuschauen und zu bewundern. Wenn es heißt, dass das Denken der Philosophie mit dem Staunen beginne, dann gilt dies nicht mehr dem Glanz der Erscheinung, sondern macht das Wirkliche zum Problem. Philosophisch zu staunen heißt zu fragen, wie das Wirkliche möglich ist.«

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2013

Philosophie studieren?

Philosophisches Zitat des Monats Januar 2013

»Philosophie mußt Du studieren und wenn Du nicht mehr Geld hättest als nötig ist, um eine Lampe und Öl zu kaufen und nicht mehr Zeit als von Mitternacht bis zum Hahnenschrei.«

Friedrich Hölderlin, Brief vom 13. Oktober 1796, an seinen Bruder

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Die Banalität des Bösen - und das Problem der individuellen Verantwortung

Philosophisches Zitat des Monats Februar 2013

»... bis all dies ohne große Vorwarnung über Nacht zusammenbrach, als die Situation eintrat, daß die Moral plötzlich ohne Hüllen dastand, als ein Kanon von mores, Sitten und Manieren nämlich, der gegen einen anderen ausgetauscht werden konnte, ohne daß das mehr Mühe gekostet hätte, als die Tischmanieren eines Einzelnen oder eines ganzen Volkes zu verändern.«

In diesem Milieu lebte Eichmann. Es gab Ausnahmen:

»In Ausnahmezeiten sind, moralisch gesehen, die einzigen zuverlässigen Menschen jene, die sagen 'Ich kann nicht'... Bestimmte Dinge kann ich nicht tun, weil ich danach nicht mehr in der Lage sein würde, mit mir selbst zusammenzuleben.«¹

Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, 1965. Piper 52012, Seite 10-11, 52, 81.

¹ Arendt beruft sich auf Sokrates: Ich wenigstens bin der Meinung, daß lieber auch meine Lyra verstimmt sein und mißtönen möge, oder ein Chor den ich anzuführen hätte, und die meisten Menschen nicht mit mir einstimmen, sondern mir widersprechen mögen, als daß ich allein mit mir selbst [ἕνα ὄντα ἐμὲ ἐμαυτῷ] nicht zusammenstimmen, sondern mir widersprechen müßte. (Gorgias 482)

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Sprachliche Hygiene

Philosophisches Zitat des Monats März 2013

»Eine der Grundaufgaben der Philosophie, insbesondere der akademischen Philosophie neuerer Tage, besteht ihrem Selbstverständnis nach darin, Begriffe und Argumente auf ihre angemessene Verwendung hin zu prüfen. Sie ermöglicht dadurch die Etablierung und Wahrung einer spezifischen Form von sprachlicher Hygiene, durch die verschiedene innerphilosophische Diskurse, jedoch auch Diskurse, die vorrangig von Vertretern anderer Fachrichtungen geführt werden, an Klarheit und Präzision gewinnen, um Erkenntnis erweiternde Unterscheidungen bereichert und von Kategorienfehlern und Fehlschlüssen befreit werden.«

Dr. Frank Brosow (Mainz), »Zum Selbstverhältnis der akademischen Philosophie im interdisziplinären Moralitätsdiskurs.« Vortrag im Workshop Ethik, Arnoldshain 19.3.2013

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'Biomarker-basierte Stratifizierung' der Therapie?

Philosophisches Zitat des Monats April 2013

»... sehen viele Verteidiger der individualisierten Medizin¹ offensichtlich im neuen Ansatz schon den Durchbruch. Erbitterte Verfechter streiten sich mit erbitterten Kritikern. Fakt bleibt aber, dass die Theorie der individualisierten Medizin den Menschen als biologistisch bestimmtes Wesen auffasst. Das Wort "individualisiert" allein mit dem Genom zu korrelieren, ist in der Tat simpel gedacht. Selbst wenn der große therapeutische Durchbruch kommen sollte, der auch statistisch belegbar und beliebig reproduzierbar wäre, Ärzte dürfen aus der individualisierten Medizin nicht die semantisch verschleierte anthropologische Reduktion auf das rein Molekularbiologische ableiten.«

Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Bergdolt (Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln): Individualisierte Medizin - eine medizinethische Reflexion. Dtsch med Wochenschr 2013; 138(13): 667-669.

¹ "Individualisierung" oder "Personalisierung" in der Medizin meinten früher die Ausrichtung auf ein Individuum "als Ganzes", einschließlich psychologischer und sozialer Merkmale. In der heutigen Pharmakogenetik werden "Marker" oder Genvarianten für einen gezielten technologischen Eingriff gesucht. Nicht der Wille des Patienten oder Arztes, sondern das Genom bestimmt Art und Dosis des Pharmakons.

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Zukunft der Arbeit, die Arbeit an den Menschen?

Philosophisches Zitat des Monats Mai 2013

»^... die Erwartungen, dass der allgemein hohe Standard der industriellen Arbeitsbeziehungen beim Übergang in die Dienstleistungswirtschaft beibehalten würde, sind enttäuscht worden. Niedrige Einkommen und unregelmäßige Beschäftigung, die Spaltung der Belegschaften in eine Elite von Wissensarbeitern einerseits und un- oder angelernte Hilfskräfte anderseits, miserable Arbeitsbedingungen niedrig qualifizierter Beschäftigter in kleinen, oft scheinselbständigen Dienstleistungsunternehmen auf heftig umkämpften Märkten bestimmen das Panorama der angeblichen "tertiären Zivilisation".
Offensichtlich ist über der Darstellung der technischen, organisatorischen und kommerziellen Veränderungen der Blick auf die Machtverschiebung zugunsten der Kapitaleigner bzw. Finanzmanager und zu Lasten der Arbeitnehmer in einem entfesselten Finanzkapitalismus verloren gegangen. Dieses Gleichgewicht der Macht und damit einer fairen Verteilung von Einkommen, Zeitautonomie und Lebensqualität für alle muss erst noch wieder gewonnen werden, damit die Zukunft der Arbeit, die Arbeit an den Menschen menschlich wird.«

Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ., Oswald von Nell-Breuning-Institut Frankfurt für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik: Die Zukunft der Arbeit ist die Arbeit an den Menschen. Frankfurt 2008.

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Alles Kunst?

Philosophisches Zitat des Monats Juni 2013

»Der Polemiker Platschek war zuallererst Moralist. Er war zutiefst davon überzeugt, dass es gute und schlechte Kunst beziehungsweise Kunst und Nichtkunst gibt und dass der Unterschied aus Können plus Haltung besteht. Das ist die größtmögliche Schieflage, in die man gegenüber dem zeitgenössischen Kunstbetrieb geraten kann. Dort gilt nämlich als ausgemacht, dass der Begriff der Kunst undefinierbar sei, weil im Ausstellungsraum buchstäblich alles Kunst werden könne.«

Christian Demand: Heiliger Narr. Über den Maler und Essayisten Hans Platschek. Merkur 768 (2013): 429-438

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Demokratie ohne gelebte Kultur der Freiheit, der Kooperation und der Anerkennung?

Philosophisches Zitat des Monats Juli 2013

»In der frühen Neuzeit führte die Spaltung der christlichen Welt in den Dreißigiährigen Krieg, der Mitte des 17. Jahrhunderts mit Millionen von Kriegs- und Seuchentoten in sozialer und kultureller Verwüstung endete. In diesem europäischen Bürgerkrieg standen sich zwei Formen zu leben und zu glauben unversöhnlich gegenüber. WeiI jeder Appell an Toleranz an einem solch existenziell aufgeladenen Konflikt zerschellen musste, hieß die Frage für die nachfolgenden Generationen: Wie muss eine normative Ordnung beschaffen sein, die den mörderischen Konflikt zwischen kontroversen (religiösen) Werten aushält und ihn einhegt? Die Lösung, die Philosophen wie Thomas Hobbes und andere fanden, lautete: Säkularisierung der Politik - aber nicht Säkularisierung der Kultur und der Gesellschaft.
... Allerdings hatte auch diese Lösung einen Preis: Mit ihr wurde nämlich ein anhaltendes Spannungsverhältnis zwischen der säkularen Sphäre des Staates und den partikularen religiösen und kulturellen Kräften der Gesellschaft festgeschrieben. Die öffentliche Sphäre ist normativ verfasst und auf die Zustimmung der Bürgerschaft angewiesen - und diese Zustimmung gewähren die Bürger nur dann, wenn die Normen und Werte der Rechts- und Staatspraxis mit ihren eigenen kulturellen Überzeugungen kompatibel sind.«

Julian Nida-Rümelin: Die Kultur der Freiheit. Der philosophisch-politische Liberalismus ist auf einem Auge blind: Er sieht nicht, dass eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft nur dann gelingt, wenn sie in einer gelebten Praxis der Kooperation eingebettet ist. DIE ZEIT Nr. 25:32 (2013)

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"Blick-Klickspur", eine psychologische Notwendigkeit?

Philosophisches Zitat des Monats August 2013

»In der analogen Welt hinterlässt unser Blick keine Spuren auf dem Bild, das wir betrachten, oder auf dem Text, den wir lesen. Diese Spurlosigkeit des Blicks ist der eigentliche phänomenologische Grund für die Entstehung aller möglichen Theorien vom immateriellen, rein geistigen Subjekt, das vom materiellen Objekt seiner Betrachtung durch eine metaphysische Distanz getrennt bleibt. Dagegen entsteht im Internet eine Blickspur, die in der analogen Realität fehlt. Um ein Bild oder um einen Text im Internet anschauen zu können, muss man dieses Bild oder diesen Text anklicken - und das wird in Echtzeit registriert.

Eine Blickspur zu produzieren ist bei vielen Menschen inzwischen sogar zur psychologischen Notwendigkeit, zu einem inneren Zwang geworden. Wenn unsere Zeitgenossen in der analogen Wirklichkeit etwas beobachten, nehmen sie das Geschehene meistens sofort als Foto oder Video auf - und stellen diese Bilder ins Internet.«

Boris Groys, Philosoph und Medientheoretiker: Ausweitung der Kampfzone (Zum NSA-Skandal). DIE ZEIT Nr. 30:41 (2013)

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Verstehen als reflexiv-überholendes Verstehen

Philosophisches Zitat des Monats September 2013

»Ich würde auch meinen, daß z. B. die Mathematiker im 19. Jahrhundert - z. B. Lobatschewsky, Riemann, Gauß und andere, die die Euklidische Geometrie in Frage gestellt haben als nur eine Geometrie unter anderen, als eine solche nämlich, die von einem bestimmten Axiom abhängig ist - Euclid in gewisser Weise besser verstanden haben, als er sich selbst verstehen konnte, weil sie reflexiv überholend verstanden haben. Ich würde sagen, daß alles wesentliche Verstehen reflexiv-überholendes Verstehen ist; es muß nicht immer vollständiges Verstehen sein, aber im Ansatz ist Verstehen immer schon überholendes Verstehen.«

Karl-Otto Apel im Dialog, ein Gespräch mit Sic et Non, Bamberg 1997.

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Ideen als regulative, die Erfahrungserkenntnis leitende Begriffe

Philosophisches Zitat des Monats Oktober 2013

»Ich habe die Unart, ein lebhaftes Interesse bei mathematischen Gegenständen nur da zu nehmen, wo ich sinnreiche Ideenverbindungen und durch Eleganz oder Allgemeinheit sich empfehlende Resultate ahnen darf.«
»In nichts zeigt sich der Mangel an mathematischer Bildung mehr, als in einer übertrieben genauen Rechnung.«
»Man darf nicht das, was uns unwahrscheinlich und unnatürlich erscheint, mit dem verwechseln, was absolut unmöglich ist.«
»Das Ergebnis habe ich schon, jetzt brauche ich nur noch den Weg, der zu ihm führt.«

Carl Friedrich Gauß, Mathematiker, Promotion in Helmstedt 1799, Professor in Göttingen 1807.

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Erinnerungen sind ein launisches Ding.

Philosophisches Zitat November-Dezemder* 2013

»Erinnerungen sind ein launisches Ding. Da legt der Mensch alles hinein: Wie er gelebt, was er in der Zeitung gelesen und im Fernsehen gesehen hat, wem er in seinem Leben begegnet ist. Und ob er glücklich war oder nicht. Zeitzeugen sind weniger Zeugen, sie sind vielmehr Schauspieler und Geschichtenerfinder. Man kann sich der Realität nicht vollkommen annähern, zwischen der Realität und uns stehen unsere Gefühle. Ich weiß, dass ich es mit Versionen zu tun habe, jeder hat seine eigene Version, und daraus, aus ihrer Gesamtheit und ihrer Schnittmenge, entsteht das Bild der Zeit und der Menschen, die in ihr gelebt haben.
Genau dort, in der warmen menschlichen Stimme, in der lebendigen Widerspiegelung der Vergangenheit, verbirgt sich die ursprüngliche Freude und offenbart sich die unabwendbare Tragik des Lebens. Sein Chaos und seine Leidenschaft. Seine Einzigartigkeit und seine Unbegreiflichkeit. Alles ist echt.«


Swetlana Alexijewitsch, Warum bin ich in die Hölle hinabgestiegen? Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Aus dem Russischen von Ganna Maria Braungardt. Frankfurter Paulskirche, 13. Oktober 2013.


* weil durch Umstellung bei GMX MailDomain verzögert

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2014

Kein Zweifel ...?

Philosophisches Zitat des Monats Januar 2014

»Unverrückbare Grundsätze sind wie Scheuklappen. Man sieht zu wenig von der Wirklichkeit«

Deng Xiaoping (1904-1997)

»The whole problem of the world is that fools and fanatics are always so certain of themselves, but wiser people so full of doubts«

Bertrand Russell (1872-1970)

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Steckenpferd. Am Ende eine Fundamentalismus-Kritik

Philosophisches Zitat des Monats Februar 2014

»Die gelindeste unter allen Abschweifungen über die Grenzlinie des gesunden Verstandes ist das Steckenpferd: eine Liebhaberei, sich an Gegenständen der Einbildungskraft, mit denen der Verstand zur Unterhaltung bloß spielt, als mit einem Geschäft geflissentlich zu befassen, gleichsam ein beschäftigter Müßiggang....

Aber auch bei Jüngeren und Beschäftigten dient diese Reiterei zur Erholung, und Klüglinge, die so kleine unschuldige Thorheiten mit pedantischem Ernste rügen, verdienen Sterne's Zurechtweisung: ‘Laß doch einen jeden auf seinem Steckenpferde die Straßen der Stadt auf und nieder reiten: wenn er dich nur nicht nöthigt hinten aufzusitzen’«.*


Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798). Hamburg, Meiner 2000. 1. Buch. Vom Erkenntnisvermögen, Seite 107-108.

* Kant zitiert Laurence Sterne (1759-66) Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Buch I, am Schluß des 7. Kapitels.

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Gespensterbilder

Philosophisches Zitat des Monats März 2014

»Der Lehrer sprach: Wenn Verstand und Nachdenken gereift sind und man über Menschen nachsinnt, beginnen deren Konturen sich aufzulösen und zu Gespenstern zu werden. Man kennt ja niemals einen Menschen. Man kennt nur die eigenen oder fremde Vorstellungen von ihm. Wenn aber diese Vorstellungen wechseln, wird das Bild unscharf, ist mit einem Schleier behaftet.«

August Strindberg, Ein Blaubuch. Die Synthese meines Lebens. München 1919, Seite 195.

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Freiheit oder Hamsterrad?

Philosophisches Zitat des Monats April 2014

»Wir brauchen heute einen Freiheitsbegriff, der nicht ausblendet, dass nicht nur staatliche Strukturen, sondern auch Märkte freiheitsfeindlich sein können: Sie können Menschen vor sich hertreiben und Abhängigkeiten schaffen.«

Lisa Herzog, Philosophin und Volkswirtin in Frankfurt/Main. Interview in "ZEIT - LITERATUR", zu No. 12/2014, 44-47.

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Bei 'unbescheidener' Untersuchung der Wahrheit: Zensur!!

Philosophisches Zitat des Monats Mai 2014

»Die Wahrheit ist so wenig bescheiden als das Licht ... Bildet die Bescheidenheit den Charakter der Untersuchung, so ist sie eher ein Kennzeichen der Scheu vor der Wahrheit als vor der Unwahrheit. Sie ist ein niederschlagendes Mittel auf jedem Schritt, den ich vorwärts tue. Sie ist eine der Untersuchung vorgeschriebene Angst, das Resultat zu finden, ein Präservativmittel vor der Wahrheit.«

Karl Marx 1842, als Redakteur der liberalen Rheinischen Zeitung, gegen das neue preußische Zensuredikt, das scheinheilig einräumt: »soll die Zensur keine ernsthafte und bescheidene Untersuchung der Wahrheit hindern« (http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_003.htm).

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Georg Büchner, ein 'dogmatischer Atheist'?

Philosophisches Zitat des Monats Juni 2014

»Jede Zeile seiner Schriften gibt davon Zeugnis, daß er in seinen religiösen Ansichten und denen über Religion freier war, als irgend Einer. Aber seine durch und durch skeptische Natur ließ ihn auch seinen Zweifel bezweifeln und bewahrte ihn vor jenem Hochmuthe, der sich mit dem Dünkel der Untrüglichkeit als Dogmatiker der Verneinung dem der Bejahung entgegenstellt.«

Wilhelm Schulz, Freund Georg Büchners, Essay über Nachgelassene Schriften von G. Büchner. Frankfurt a. M., D. Sauerländer 1850

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Die gleichschwebende Aufmerksamkeit

Philosophisches Zitat des Monats Juli 2014

»So wie man nämlich seine Aufmerksamkeit absichtlich bis zu einer gewissen Höhe anspannt, beginnt man auch unter dem dargebotenen Materiale auszuwählen; man fixiert das eine Stück besonders scharf, eliminiert dafür ein anderes, und folgt bei dieser Auswahl seinen Erwartungen oder seinen Neigungen. Gerade dies aber darf man nicht; folgt man bei der Auswahl seinen Erwartungen, so ist man in Gefahr, niemals etwas anderes zu finden, als was man bereits weiß; folgt man seinen Neigungen, so wird man sicherlich die mögliche Wahrnehmung fälschen..«

Sigmund Freud, Sigmund Freud: Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung [1912]. In: Gesammelte Werke - Chronologisch geordnet, Bd. VIII: Werke aus den Jahren 1909 - 1913. Frankfurt/Main: Fischer, 1999, 376ff
[Erstveröffentlichung: Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. 2 (9), Juni 1912, S. 483-9. - Gesammelte Werke, Bd. 8, S. 376-87.]

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Theorie, Utopie und Revolution

Philosophisches Zitat des Monats August 2014

»Es gibt keine Theorie, die nicht auch Revolution sein wollte. Das gilt für die Systemtheorie nicht anders als für den Marxismus. Aus dem Versuch einer Analyse erwächst ihr der Wunsch zumindest nach Veränderung, meist auch nach einer neuen Ordnung.
... Das heißt, dass in jeder Theorie eine Idee davon erhalten ist, dass es anders gehen könnte, als es geht. Das bedeutet nicht Utopie. Es bedeutet nur: sich vorstellen können, dass man sich über die Gegenwart, über das schlicht Vorhandene, hinwegsetzen kann.«


Thomas Steinfeld, General Stumm betritt die Bibliothek. In: Merkur 780, 389 und 398 (2014)

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Macht = unkontrollierte Finanzmacht?

Philosophisches Zitat des Monats September 2014

»Der Machthunger der Finanzwirtschaft setzt das Grundprinzip der Marktwirtschaft außer Kraft, wonach Risikoübernahme und Haftung für die Folgen des Tuns stets zusammengehören. Die Aktionäre müssten im Verlustfall für die Risiken geradestehen. Doch die Banken beziehen stets die Steuerzahler mit in ihre Rechnung ein. Und die Staaten lassen es den Banken durchgehen.

Wenn also in der gegenwärtigen Gesellschaft tatsächlich Gefahr von privater Macht ausgeht, so finden wir sie weniger in der Internetwirtschaft oder in den wachsenden privaten Vermögen, sondern in der Finanzindustrie. Den Beweis dafur haben die Banken in der Krise selbst überzeugend geführt. Sie drohen zum Wiederholungstäter zu werden, wenn man sie nicht hindert. Ihr Verhalten verletzt sowohl das Eigentumsprinzip des klassischen Liberalismus wie auch das Haftungsprinzip des Neoliberalismus.«


Rainer Hank, Dr. phil., Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Macht. Ein Zwischenbericht In: Merkur 783, 688-700 (2014)

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Thukydides neu gelesen ...

Philosophisches Zitat des Monats Oktober 2014

»Auch geht unser Geist die richtige chemische Verbindung nur mit der Originalquelle in vollständigem Sinne ein, wobei freilich zu konstatieren ist, daß das Wort "original" eine relative Bedeutung hat, indem, wo jene verloren ist, auch sekundäre und tertiäre ihre Stelle vertreten können. Die Quellen aber, zumal solche, die von großen Männern herrühren, sind unerschöpflich, so daß jeder die tausendmal ausgebeuteten Bücher wieder lesen muß, weil sie jedem Leser und jedem Jahrhundert ein besonderes Antlitz weisen und auch jeder Altersstufe des einzelnen. Es kann sein, daß im Thukydides z. B. eine Tatsache ersten Ranges liegt, die erst in hundert Jahren jemand bemerken wird.«

Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen - Kapitel 3. Winke für das historische Studium. (Vorlesungen 1868-72, 1905 posthum erschienen)

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Dogmatische Gewissheit und »advokatorisches Denken«.

Philosophisches Zitat des Monats November 2014

»... ein Argumentieren mit dem unbewußten Ziel, eine in der Tat schon feste Meinung gegen alle Angriffe zu begründen, um sie auf jeden Fall zu verteidigen und zu retten, ein Gebäude der Konstruktion oder eine dunkle Willensrichtung dogmatisch festzuhalten, macht es möglich, daß Einwände und Antworten endlos werden. Während die Wahrheit einfach ist und entschieden wird - ob empirisch oder philosophisch, hat im advokatorischen Denken die Wahrheit den Charakter bekommen, daß sie schon gewußt ist und doch noch bewiesen werden soll, daß ihre Darstellung sich in fortschrittslosen argumentierenden Kreisen wiederholt, daß alle beweisenden Sicherungen sie nicht voranbringen.«

Karl Jaspers, Descartes und die Philosophie. De Gruyter 1965

Nach Jaspers (a.a.O.) ist "eine solche Denkweise eine mit dogmatischer Haltung unlösbar verbundene Kampfart des Denkens". Wenn solche "Advokaten" auftreten, ist es natürlich wichtig zu fragen, welche Interessen da vertreten werden.

vgl. auch Rudolf Speth (Bonn 2006) Advokatorische Think Tanks und die Politisierung des Marktplatzes der Ideen.

Dazu Christoph Demmerling (Philosoph in Dresden) 2002: Dass politische Überzeugungen in der Regel fest mit der eigenen Identität verbunden sind, erklärt die Vehemenz, mit welcher über Politik gestritten wird. - Siehe auch Bertrand Russell im Januar-Zitat 2014!

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Wenn es aber nicht gut geht ...

Philosophisches Zitat des Monats Dezember 2014

»Wenn alles gut geht, dann ist das Leben ein logischer Raum, in dem sich der Mensch unterbrechungsfrei bewegt. Sein kognitiver Apparat filtert die Unebenheiten in der Wahrnehmung aus, kognitive Dissonanzen bügelt er glatt oder blockt sie gleich ganz.
Wenn es aber nicht gut geht, durchdringen Störimpulse diesen Schutzschild, berühren die Substanz des nackten Lebens. Auf diese Weise gerinnt ein Schock zur Verbindung mit der Natur, schlimmstenfalls mit der eigenen. Wer kann, sucht nach einem solchen Schlag nach Halt in der Umgebung, oder nach einem Muster, das gleich einem Netz den Fallenden aufzufangen vermag.«


Günter Hack, Natur der Kohlmeisen. Merkur 786, 1040 (2014)

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2015

Wider die großen Worte

Philosophisches Zitat des Monats Januar 2015

»... – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen. Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn.
Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialitäten hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so 'tiefen' Buch Gedanken zu finden, die er selbst schon mal gedacht hat.«


Karl R. Popper, Wider die großen Worte. Ein Plädoyer für intellektuelle Redlichkeit. DIE ZEIT 24.9.1971, Nr. 39

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Kein Arbeitgeber mehr. Das Superinternet der Dinge

Philosophisches Zitat des Monats Februar 2015

»Zwei Generationen lang können wir noch Massenbeschäftigung bieten, weil wir erst die Infrastruktur für das Superinternet der Dinge schaffen* müssen. Viele der heute führenden Unternehmen wie auch neue Firmen werden dafür die Plattform schaffen. Aber wenn diese Plattform erst mal läuft, wird sie von Analytik und Algorithmen betrieben und von einer kleinen Gruppe von Aufsichtskräften gemanagt.«

Jeremy Rifkin, DIE ZEIT 4.12.2014 (Wirtschaft), Gespräch mit Uwe Jean Heuser.

* Rifkin's Superinternet der Dinge besteht aus drei Internets: Digitales Kommunikationsinternet, digitales Netz für erneuerbare Energie und Internet für Transport und Logistik (u. a. 3-D-Druck, Elektromobile, Carsharing), auf der Basis von Milliarden von Sensoren.

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft - Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus. Campus Verlag 2014 (Zu den "zwei Genarationen" siehe Seite 390). Vgl. Fernsehdiskussion.

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Kommt eine neue Medizin-Kultur?

Philosophisches Zitat des Monats März 2015

Transparency International formulierte 2006 das ethische Problem:
»Es muss eine Kultur entstehen, die Korruption im Medizinbereich ächtet. Es ist unmoralisch und unanständig, sich an einem System zu bereichern, das Menschen mit geringem Einkommen immer mehr belastet und durch Fehlallokation zunehmend Lücken lässt in einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung.«

Endlich: 2015 wird Korruption im Gesundheitswesen strafbar. Ein neuer Paragraph 299a StGB soll kommen: Ärzte machen sich strafbar, wenn sie Prämienzahlungen oder Sachleistungen von Pharmafirmen annehmen, damit sie ein bestimmtes Medikament häufiger verschreiben. Kliniken, Labore oder Sanitätshäuser dürfen Medizinern zudem keine Vorteile dafür versprechen, dass sie Patienten an sie weiterleiten.

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Kitsch - zu viel und zu einfacher Sinn

Philosophisches Zitat des Monats April 2015

»Im Zentrum der Moderne war Kitsch nicht zugelassen. Der Fortschritt, die Avantgarde, so Greenberg (1939), lässt ihn hinter sich. Kitsch ist das Überholte, das zäh weiterlebt. Wenn nun der Fortschritt zweifelhaft wird und die Orientierung an ihm fragwürdig, gewinnen die alten Zeiten und Formen, nostalgisch verklärt und immer noch emotional besetzt, an Boden. Die Moderne hatte den Sinn mit dem Fortschritt identifiziert. Jetzt irrt der Sinn umher und überzuckert das Überholte, Eingängige und Altbekannte. Kitsch, auf zu viel Sinn aus, fügt sich leicht einer geleiteten Kultur.«

Hannes Böhringer, Barocke Gegenwart. Lezama Lima nachgedacht. Merkur 789, 90 (2015).

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Strukturen, an die kein Bewusstsein heranreicht

Philosophisches Zitat des Monats Mai 2015

»Leider ist an die Stelle der Utopie, deren Ende man im konservativen Lager so freudig begrüßt hat, jener bewusstlose Nihilismus getreten, der für eine universelle Menschengemeinschaft nichts mehr erwartet
- und sich dies auch noch verbirgt, weil er an der Durchsetzung nicht verallgemeinerbarer Interessen und an den Angeboten der Spaßgesellschaft sein Genüge findet.«


Michael Theunissen (1932-2015), in: "Die Nachdenklichen erwarten von der Philosophie Alternativen zum Bestehenden". Ein Gespräch mit dem Berliner Philosophen. Heidelberger Lese-Zeiten Verlag (PDF).
vgl. Müntefering 2004 über die 'Heuschreckenschwärme'

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»So spricht kein Historist«*

Philosophisches Zitat des Monats Juni 2015

»Der Sinn für Geschichte ist zwar noch nicht Entschlossenheit für eine bestimmte Zukunft; aber es gibt überhaupt keine andere Sensibilisierung für eine Zukunft als die Einsicht in die Einzigkeit und Unwiederbringlichkeit des Vergangenen. Daß die Zukunft weder aus den Wachsfiguren der Vergangenheit noch aus den Imagines der utopischen Wünsche besteht, kann man nur an den Zukunften der Vergangenheit lernen, die schon unsere Vergangenheit ausmachen.
Hier geschieht freilich nichts par ordre de Mufti. Es besteht eine Antinomie zwischen Geschichtsbedürfnis und Geschichtserfahrung, deren wir nicht Herr werden können, denn sie sind nur ein Teil der konstitutiven Antinomie von Wünschen und Wirklichkeiten.«


Hans Blumenberg (1979) "Arbeit am Mythos", suhrkamp taschenbuch wissenschaft 42006, Seite 113.

* Birgit Recki, deren Essay in Merkur 792 ("Gegen die Absolutismen der Wirklichkeit") ich den Hinweis auf dieses Blumenberg-Zitat verdanke.

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Der Größte?

Philosophisches Zitat des Monats Juli 2015

»Der Meister sprach: Es kann einer ein Reich mit allen Provinzen und Familien in Ordnung bringen, es kann einer auf Amt und Würden verzichten, es kann einer auf scharfe Klingen treten - und Maß und Mitte doch nicht erreichen.«

Konfuzius Das Buch von Maß und Mitte. Herausgegeben von Ferdinand und Uta Fellmann. Reclam Nr.19248 (2015), Seite 17

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Selbstverschuldete Unmündigkeit

Philosophisches Zitat des Monats August 2015

»... eine Gesellschaft, die vor allem nach Funktionsträgern verlangt, kann die früher durch die Universitäten vermittelte geistige Selbständigkeit unabhängiger Menschen nicht mehr in gleichem Maße schätzen.
Die immer geringere gesellschaftliche Wertschätzung von Bildung hängt mit dem Rückgang der positiven Bewertung eines geistigen Lebens insgesamt zugunsten materialistischer Wertvorstellungen zusammen.«


Von der Pfordten, Dietmar, Professor für Rechts- und Sozialphilosophie an der Georg-August-Universität Göttingen: Die Event-Uni. In DIE ZEIT 27/2015:64.

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Das "Interessante"

Philosophisches Zitat des Monats September 2015

»Früher als die übrigen Kulturkritiker hatte er [Nietzsche] verstanden, was das Wesen des Interessanten ausmacht: Es bildet das Produkt aus den drei Stimulantien der Entnervten - aus dem Brutalen, dem Künstlichen, dem Idiotischen.¹ In heutiger Sprache: Aktion, Spezialeffekte, Sentimentalität. Womit der Turiner Toxikologe die beginnende Massenkultur nahezu erschöpfend beschrieben hatte. Seit dem Sommer 1888 steht es schwarz auf weiß. Nietzsche hatte den Fall Wagner zum Fall der Moderne ausgeweitet.«²

Peter Sloterdijk, DIE ZEIT 32/2015:39-40. Bayreuther Assoziationen. Unter dem Motto aus Nietzsche, Die fröhliche Wissenschft (1882): Oh wer erzählt uns die ganze Geschichte der Narkotika! — Es ist beinahe die Geschichte der "Bildung", der sogenannten höheren Bildung!

¹ bei Nietzsche selbst: »die drei grossen Stimulantia der Erschöpften, das Brutale, das Künstliche und das Unschuldige (Idiotische).«
² Nietzsche, »Nietzsche contra Wagner« (1888)

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Mimesis und die Freude daran

Philosophisches Zitat des Monats Oktober 2015

»Allgemein scheinen zwei Ursachen die Dichtkunst hervorgebracht zu haben, und zwar naturgegebene Ursachen. Denn sowohl das Nachahmen selbst ist den Menschen angeboren - es zeigt sich von Kindheit an, und der Mensch unterscheidet sich dadurch von den übrigen Lebewesen, daß er in besonderem Maße zur Nachahmung befähigt ist und seine ersten Kenntnisse durch Nachahmung erwirbt - als auch die Freude, die jedermann an Nachahmungen hat.

Als Beweis hierfür kann eine Erfahrungstatsache dienen. Denn von Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z.B. Darstellungen von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen. Ursache hiervon ist folgendes: Das Lernen bereitet nicht nur den Philosophen größtes Vergnügen, sondern in ähnlicher Weise auch den übrigen Menschen (diese haben freilich nur wenig Anteil daran). Sie freuen sich also deshalb über den Anblick von Bildern weil sie beim Betrachten etwas lernen und zu erschließen suchen, was ein jedes sei ...«1,2Dichtkunst

Aristoteles, Poetik, 4. Abschnitt, Die zwei Ursachen der Dichtkunst.
Aus DigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek
¹ vgl. die Darstellung bei Hellmut Flashar: »Aristoteles. Lehrer des Abendlandes«. C.H. Beck 22013, S.160 f.

² beim "Genuss" moderner Medien? D'Alembert erläutert: »Diejenigen Dinge aber, die bei wirklichem Erleben nur traurige oder stürmische Gefühle in uns erregen würden, wirken angenehmer in der nachahmenden Darstellung als in Wirklichkeit, weil ihre bloße Darbietung uns gerade in jenen entsprechenden Abstand (cette juste distance) zu ihnen bringt, der uns die Erregung zum Genuss, aber nicht zur inneren Unruhe werden lässt.«.(Alembert, Jean LeRond d': Einleitung zur Enzyklopädie. Hamburg: Meiner, 1997)

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Warum "Fremde" hassen?

Philosophisches Zitat des Monats November 2015

»Wie hätte ich nun Lieder des Hasses schreiben können ohne Haß! - Und, unter uns, ich haßte die Franzosen nicht, wiewohl ich Gott dankte, als wir sie los waren. Wie hätte auch ich, dem nur Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können, die zu den kultiviertesten der Erde gehört und der ich einen so großen Teil meiner eigenen Bildung verdanke!
Überhaupt ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und am heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet.«

Johann Wolfgang von Goethe zu Eckermann am 14. März 1830 darüber, dass er während der Freiheitskriege keine antifranzösischen Lieder schreiben konnte.

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Anerkennung - oder nur Toleranz?

Zitat des Monats Dezember 2015

Friedrich II 1740

Randverfügung Friedrichs des Großen, erlassen am 15. Juni 1740, zwei Wochen nach seinem Regierungsantritt:

»Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leüte so sie profesieren [ausüben] erliche Leüte seindt, und wenn Türken und Heiden kähmen und wolten das Land Pöplieren [bevölkern], so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.«

Anlass war die Anfrage seiner Regierung ("General-Directorium") wegen eines katholischen italienischen Zuwanderers in Fankfurt/Oder: Ob dieser als Erbe das Geschäft des Bruders fortführen dürfe?

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

Johann Wolfgang von Goethe:

»Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.«

in: Maximen und Reflexionen, Nr. 875, S. 190

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2016

Alles im Griff - oder doch nicht?

Philosophisches Zitat des Monats Januar 2016

»Aufklärung ist die radikal gewordene, mythische Angst. Die reine Immanenz des Positivismus, ihr letztes Produkt, ist nichts anderes als ein gleichsam universales Tabu. Es darf überhaupt nichts mehr draußen sein, weil die bloße Vorstellung des Draußen die eigentliche Quelle der Angst ist.«*

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. (1947)

* Aktuell 2015-2016: So vermeidet man auch soziales Handeln. Die bloße Vorstellung vom "Anderen" genügt zur Angst - auch wenn man noch keinen Flüchtling gesehen hat. Nach Zygmunt Bauman (1991) kann man nur dann moralisch urteilen, wenn die "Gegenwart des Anderen" in seinem gesamten Kontext mitgedacht wird und der verallgemeinerte Andere durch den humanen Anderen ersetzt wird (vgl Bauman 2009 und 2017).

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Ein Tabu nur in der Politik? Und nur in Russland?

Philosophisches Zitat des Monats Februar 2016

»Gegenwärtig ist in Russland nicht nur die Wahrnehmung der Gegenwart, sondern auch der Blick auf die Vergangenheit von Wunschfantasien, Lügen und Verzerrungen bestimmt. Der Konflikt zwischen Stolz und Gedächtnis geht in Russland immer noch regelmäßig zugunsten des Stolzes aus. Alles, was das idealisierte Selbstbild schädigen könnte, unterliegt einem fortwährenden Tabu, und der Wunsch nach unerschütterlicher Stabilität und Stärke der eigenen Geschichtsvorstellung bestimmt die geistige Landschaft.«

Helmut König, Die Lüge in den Zeiten Putins. Merkur 800, 89-95 (2016).

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Überall und schon immer ist FIFA

Philosophisches Zitat des Monats März 2016

»Am wichtigsten in jeder Verfassung ist es, durch Gesetze und sonstige Einrichtungen dafür zu sorgen, daß man sich an den Ämtern nicht bereichern kann. Vor allem in den Oligarchien ist darauf zu achten. Denn dann wird sich die Menge nicht darüber ärgern, daß sie von den Ämtern ausgeschlossen ist, sondern ist sogar zufrieden, wenn man sie bei ihren privaten Geschäften in Ruhe lässt. Wenn sie dagegen meinen, öffentliches Gut werde von den Regierenden unterschlagen, dann sind sie über beides erbittert, sowohl darüber, daß sie an den Ämtern nicht teilhaben, wie auch über den Gewinn.«

Aristoteles, Politik. Deutscher Taschenbuchverlag 1973, 102006. Fünftes Buch, S. 184; 1308 b, 32-38.

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Mediale Präsenz: "Verunreinigung" der Demokratie - oder eine Selbstverständlichkeit?

Philosophisches Zitat des Monats April 2016

»Im Medienzeitalter ist die repräsentative Demokratie immer schon verunreinigt. Popularität ist der Name dieser Verunreinigung und von allem, was affektive Bande zwischen Volk und Regierenden stiftet und sich der politischen Rationalität dadurch entzieht. Dass sich demokratische Öffentlichkeit und mediale Öffentlichkeit überschneiden, ist weder Zufall noch Tragödie. Es ist weder Symptom des Verfalls noch Zeichen des Niedergangs. Diese Überschneidung gehört zur Funktionsweise moderner Politik. Das demokratische Volk ist stets auch mediales Publikum.«

Antoine Lilti, Die Politik der Berühmtheit. Merkur 799, 20-35 (2015). Aus dem Französischen von Danilo Scholz.

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Nietzsche: »Zeitalter, in denen 'Schauspieler', alle Arten Schauspieler, die eigentlichen Herren sind«

Philosophisches Zitat des Monats Mai 2016

»... jener Amerikaner-Glaube von heute, der immer mehr auch Europäer-Glaube werden will: wo der Einzelne überzeugt ist, ungefähr Alles zu können, ungefähr jeder Rolle gewachsen zu sein, wo jeder mit sich versucht, improvisirt, neu versucht, mit Lust versucht, wo alle Natur aufhört und Kunst wird...

Es stirbt eben jener Grundglaube aus, auf welchen hin Einer dergestalt rechnen, versprechen, die Zukunft im Plane vorwegnehmen, seinem Plane zum Opfer bringen kann, dass nämlich der Mensch nur insofern Werth hat, Sinn hat, als er ein Stein in einem grossen Baue ist: wozu er zuallererst fest sein muss, "Stein" sein muss... Vor Allem nicht - Schauspieler! Kurz gesagt - ach, es wird lang genug noch verschwiegen werden! - was von nun an nicht mehr gebaut wird, nicht mehr gebaut werden kann, das ist - eine Gesellschaft im alten Verstande des Wortes; um diesen Bau zu bauen, fehlt Alles, voran das Material. Wir Alle sind kein Material mehr für eine Gesellschaft: das ist eine Wahrheit, die an der Zeit ist!«

Friedrich Nietzsche (1882), Die fröhliche Wissenschaft. Kapitel 8, 356      vgl Nietzsche zu "Moral"

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Geschichte sortieren?

Philosophisches Zitat des Monats Juni 2016

»Eine Epoche ist eine Zeit, die man sich zurechtschneidet. Man kann sie nach Belieben bearbeiten, über sie hinausschießen, ihre Grenzen immer wieder verschieben. Es gibt keinen Zwang zu Reifizierung. Epochen führen kein in sich abgekapseltes Leben ...«

Patrick Boucheron (geb. 1965), Professor für Geschichte der Machtverhältnisse im Westeuropa des 13. bis 16. Jahrhunderts am Collège de France. In "Was die Geschichte vermag", Merkur 804, 2016:5-41. Aus dem Französischen von Danilo Scholz. (Original: Une période est un temps que l'on se donne. On peut l'occuper à sa guise, le déborder, le déplacer, on n'a aucune obligation d'en faire une chose existant par elle-même ...)

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Immer noch funktioniert die Biologisierung des Sozialen

Philosophisches Zitat des Monats Juli 2016

»Die Rassenanthropologie berichtet uns nämlich, wie man ein Unbehagen an der Gegenwart in naturwissenschaftliche Objektivität verwandeln, wie man soziale Wertungen biologisieren kann - getrieben von der Sorge, dass die saturierte Welt der bürgerlichen Mittelschicht zerstört werden könnte.« Man kann lernen »wie man soziale Ordnungsvorstellungen mit dem Schleier wissenschaftlicher Objektivität verhüllt, wie man sein eigenes, beengtes Weltbild zur Welt schlechthin erklärt«

Thomas Etzemüller, Historiker in Oldenburg. In "Was können wir von der Rassenanthropologie lernen? Aus dem Maschinenraum einer untoten Disziplin." Merkur Nr. 805, Juni 2016, S. 29-41. vgl. dazu Harry G. Frankfurt: Bullshit ('Aufrichtigkeit')

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Die wichtigste Lehre aus der Zeit des Bösen

Philosophisches Zitat des Monats August 2016

»Als erstes, meine ich, ist zu folgern, dass niemand, der seine fünf Sinne zusammen hat, weiterhin behaupten kann: Das Moralische versteht sich von selbst - eine Annahme, mit der die Generation, zu der ich gehöre, noch aufgewachsen ist. Diese Annahme schloss eine scharfe Trennung zwischen Legalität und Moralität ein, und während eine vage, unartikulierte Übereinkunft darüber bestand, daß im großen und ganzen im Recht des Landes das niedergeschrieben ist, was das moralische Gesetz jeweils verlangt, gab es nicht viel Zweifel daran, daß das moralische Gesetz im Konfliktfalle das höhere und zuallererst zu befolgen wäre.

Dieser Anspruch wiederum hatte nur dann einen Sinn, wenn wir all jene Erscheinungen für selbstverständlich halten, an die wir gewöhnlich denken, wenn wir vom menschlichen Gewissen sprechen. Was immer die Quelle moralischen Wissens sein mag - göttliche Gebote oder die menschliche Vernunft: Jeder gesunde Mensch, so wurde angenommen, hatte eine Stimme in sich, die ihm sagte, was Recht und was Unrecht ist, und dies unabhängig vom Recht des Landes und den Stimmen seiner Mitmenschen.«

Hannah Arendt Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik, München/Zürich 2006 (engl. 2003), S. 25 f. Vgl. Februar 2013!

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Aus gegebenen Anlässen - noch einmal Nietzsche*

Philosophisches Zitat des Monats September 2016

»Die Menschheit wird am besten genasführt mit der Moral! – Die Realität ist, daß hier der bewußteste Auserwählten-Dünkel die Bescheidenheit spielt: man hat sich, die "Gemeinde", die "Guten und Gerechten" ein für alle Mal auf die Eine Seite gestellt, auf die "der Wahrheit" – und den Rest, "die Welt", auf die andre... «

Friedrich Nietzsche (1888), Der Antichrist. Kapitel 6, 44            *vgl. "Schauspieler"

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Der performative Selbstwiderspruch als Test1

Philosophisches Zitat des Monats Oktober 2016

»Ich würde - noch radikaler - sagen, daß ich schon das Denken immer als Argumentieren verstehe. Denken ist Denken mit Gültigkeitsanspruch, sonst ist es kein ernsthaftes Denken. Und das hat dieselben Strukturen wie die Argumentation. Wenn ich ernsthaft denke, argumentiere ich schon. Dann teile ich schon diese Strukturen und muß sie auch respektieren.
... Die methodisch-solipsistische Vernunft gibt es eben nicht. Wenn ich eingesehen habe, daß die Vernunft eo ipso kommunikative Vernunft ist (wenn ich denke, argumentiere ich schon), dann ist ganz klar, daß diese unerläßlichlichen Pflichten2 sich alle auf Verhältnisse der idealen Kommunikationsgemeinschaft beziehen.«

Karl-Otto Apel im Gespräch mit Sic et Non, 1997.   Zu Apel vgl. September 2013

1 siehe Pragmatische Rationalitätstheorien 1995, Seite 11 "PS-Test".
2 z. B. "nicht lügen". Vgl. auch Apel a.a.O. zu Kant: »Der performative Selbstwiderspruch ist der Test im Hinblick auf die Selbsteinstimmigkeit der Vernunft

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Eine "abgerundete Philosophie über den Menschen"?

Philosophisches Zitat des Monats November 2016

»... man kann als Philosoph schon vor dem definitiven Ende 'sterben'. Dann nämlich, wenn das lebendige Denken in dem, was man schon einmal gedacht hat, erstarrt. Wenn Vergangenheit über Gegenwart und Zukunft triumphiert, wenn das Gedachte das Denken gefangennimmt.«

Rüdiger Safranski, "Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit." Frankfurt a. M. 2001, Seite 218.

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Erinnerung oder Wiederholung?

Philosophisches Zitat des Monats Dezember 2016

Kierkegaard 1843: »Wiederholung und Erinnerung sind die gleiche Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung; denn dasjenige, woran man sich erinnert, ist gewesen, wird rückwärts wiederholt, während die eigentliche Wiederholung eine Erinnerung in vorwärtiger Richtung ist. Deshalb macht die Wiederholung, wenn sie möglich ist, einen Menschen glücklich, während die Erinnerung ihn unglücklich macht... Die Erinnerung hat den großen Vorteil, daß sie mit dem Verlieren anfängt, daher ist sie sicher, denn sie hat nichts zu verlieren.1«
Heidegger 1927: »Die Wiederholung des Möglichen ist weder ein Wiederbringen des "Vergangenen" noch ein Zurückbinden der "Gegenwart" an das "Überholte". Die Wiederholung lässt sich, einem entschlossenen Sichentwerfen entspringend, nicht vom "Vergangenen" überreden, um es als das vormals Wirkliche nur wiederkehren zu lassen. Die Wiederholung erwidert viel mehr die Möglichkeit der dagewesenen Existenz.«

Sören Kierkegaard, Die Wiederholung. Philosophische Bibliothek, Bd. 515. Hamburg 2000, Seite 3 und 9.
Martin Heidegger, "Sein und Zeit" Seite 385.

¹ Das unterscheidet sie von der Lebens- und Geschichtslüge, die viel zu verlieren glaubt und ständig an der Erinnerung bastelt.

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»Wenn´st denkst, is´ eh zu spät«

Philosophisches Zitat des Monats Januar 2017

Die Formel des Fussballers Gerd Müller hat nichts mit einem 2016 aktuellen Begriff zu tun, "Postfaktisch", wonach Handeln auf Gefühlen beruhe, nicht auf Tatsachen - über die man ja nachdenken müsste. Müller kommt es auf reflexhaft blitzschnelles Handeln an, das auf der trainierten Antizipation aller künftigen Bewegungsabläufe beruht. "Denken" in der Situation, sowohl Vor- wie Nach-Denken, würde bei ihm einen Treffer verhindern.

In den Siebzigerjahren wuchs das Bewusstsein, dass der herkömmlich verstandenen (kognitiven) Intelligenz von biologischer Seite der Begriff der motorischen Intelligenz als Schlüssel der Menschwerdung entgegengesetzt werden muss (vgl. Juli 2008, Gerhard Neuweiler). Aufklärerische Rationalit konnte nicht mehr in jedem Einzelfall Geltung haben.

Es war der Übergang zur "Postmoderne", und man kann sich fragen ob das zeitgleiche Auftreten der Doppelpass-Kombinierer Müller und Beckenbauer mit der Condition postmoderne (1979) des Philosophen Lyotard Zufall war. Zusätzlich zu der durch Müller in Frage gestellten "Sofort-Rationalität" war es sein Kollege Beckenbauer, der einer utopischen Planung von Zukunft sein »Schaun mer mal, dann sehn mer scho» entgegensetzte.

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»Adiaphorisierung« (Zygmunt Bauman, 9.1.2017)

Philosophisches Zitat des Monats Februar 2017

»... ein Vorgang, in dem bestimmte Handlungen oder Handlungsobjekte von jeder moralischen Relevanz entkleidet werden, befreit von den Kategorien, die sich zur moralischen Bewertung eignen.« (Bauman 1996)
»Der totalitäre Staat war ein machtvoller Mechanismus, um Menschen von ihrer moralischen Verantwortlichkeit zu entlasten (und sie zudem gegenüber ihren eigenen moralischen Impulsen zu immunisieren).* Aber der Markt ist in dieser Hinsicht nicht weniger mächtig. Die 'Adiaphorisierung' (die Verneinung der moralischen Bedeutung von Handlungen) wurde in der 'stabil-modernen' Phase meist durch Bürokratien bewerkstelligt, heute wird sie, nicht weniger erfolgreich, durch den Markt hergestellt.« (Zygmunt Bauman 2006 im Gespräch mit Jens Kastner)

Adiáphora (griech. ἀδιάφορος für "nicht Unterschiedenes", "weder gut noch böse", gleich wichtig). In der Ethik der Stoá galten nur Tugend (das einzige Gute) und Laster (das einzige Übel) als relevant, alles andere war ein "adiaphoron" [adiaphoron war später auch das von der Kirche für theologisch irrelevant Erklärte]. Zu Bauman vgl. 7/2009 und 1/2016.
* die Erklärung für jenes von Hannah Arendt beobachtete Phänomen des Verschwindens der Moral? Vgl. 2/2013

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