Vorklassik ... galanter Stil

F. Praetorius 1988[1]

MOZARTS FRÜHE SONATE KV 56 FÜR KLAVIER UND VIOLINE

Stichworte: Galanter statt gelehrter Stil, die Idee der musikalischen Konversation, Sonatenstruktur.

Eine frühe Mozart–Sonate aus dem Jahre 1772. Mozart war knapp 17 Jahre alt – gerade besoldeter Konzertmeister in Salzburg geworden: erstmals stand die Violine für ihn selbst im Vordergrund. Auf den Reisen vor dieser Zeit (Paris, Italien) hatte sein Vater den Pianisten Wolfgang Amadeus Mozart "mit der Violine begleitet", der Mozart Forscher Alfred Einstein[2] spricht von der "Präponderanz des Klaviers". Noch frühere Sonaten, die "Pariser Sonaten" - hießen Klaviersonaten mit "Violine ad libitum"

Außerdem gibt es ein editorisches Problem: die Echtheit dieser so genannten "romantischen" – warum eigentlich? – Sonaten KV 55–60 ist nicht unumstritten, selbst Konstanze Mozart gesteht am 16.11.1800 in einem Brief an den Offenbacher (!) Mozart–Verleger J. A. André: "itzt kommt mir ein gar gewaltiger Skrupel, daß sie nicht von Mozart sind ....".[3] Vielleicht waren es Auftragsarbeiten Mozarts an einen Schüler, zu komponieren nach dem Muster der Pariser Sonaten (nach Einstein).

So ist es jedenfalls ein Stück in der Machart der ersten Sonaten des achtjährigen Wolfgang, aufgeführt in den vornehmsten Salons (Prinz Conti etc.) der Stadt Paris. Es war die Zeit der "gelanten" Konversation, in der Musik des "galanten Stils"; in bewußtem Gegensatz zum schwierigen, nur noch einigen Deutschen verständlichen "gelehrten Stil" – mit dem Werk Bach's als Höhepunkt (und damals schon fast anachronistisch).

Da wir in unseren Tagen das Ende dieser Zeit diskutieren und von "Postmoderne" sprechen, muß gesagt werden, daß "Natürlichkeit" (in der Musik oft = "Einfachhheit") und "galanter Stil" Kinder der noch jungen Aufklärung waren – gegen den "schwierigen Barockstil". In Deutschland war es Christian THOMASIUS (1655-1728), dessen Naturrechtslehre darauf hinauslief, daß der natürliche Egoismus durch die ebenso natürliche Neigung zur Geselligkeit korrigiert wird; Hauptform der Geselligkeit aber ist das durch Vernunft regulierte Gespräch. Dies beindruckte beispielsweise TELEMANN stark. So lag die Idee der musikalischen Konversation nahe, sie fand statt als Kammermusik, mit dem – etwas späteren – Höhepunkt des Streichquartetts (GOETHE: "man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennenzulernen."). Es war ja zugleich eine Emanzipation das Bürgertums und der Instrumentalmusik von der kirchlichen Vokalmusik. Aber ich gestehe, daß die französisch beeinflußte galante Musik der 1750iger Jahre heute oft etwas monoton, ja langweilig klingt. Erst mit ihrer "Quartett-Revolution" von 1781–82 gelang HAYDN und MOZART jene Synthese aus "galantem" und "gelehrtem" Stil, die wir heute Klassik nennen.

Doch auch unser kleines Frühwerk zeigt schon eine hübsche Sonatenstruktur: Ein Hauptthema mit zwei Viertaktern als Vorder- und Nachsatz der Tonika C-Dur, genauso das Nebenthema (bei Nr. 2) natürlich in der Dominante G mit der folgenden "virtuosen" Schlussgruppe der Exposition. Es folgt eine aus dem Seitenthema entwickelte Durchführung, die unvermittelt mit g–moll einsetzt (das muß dann "festgeklopft" werden), und mit z. T. sehr einfachen Dominantseptakkorden in Serie über mehrere Zwischentonarten (vor allem a–moll) schließlich die Reprise und Wiederholung des Haupt– und Seitenthemas erreicht, jetzt auch letzteres in der Tonika (sonst wörtlich).

Was einige Stellen etwas schematisch wirken läßt, sind die längeren Überleitungen zwischen beiden Themen: Die Figuren sind ohne Zusammenhang mit Gewesenem und Kommendem, dienen nur der Modulation und dem virtuosen Spiel. Es fehlt noch die thematische Arbeit des späteren Klassikers, ist noch nicht alles miteinander verwandt, geht nicht alles aus allem hervor und blitzt nicht von ständig neuen Ideen, Kontrasten und Leben. Eine galante und in einem wörtlichen Sinne unverbindliche Unterhaltung, sicher. Aber sicher auch mehr als selbst ein spätes Beethoven–Quartett über Kopfhörer, in gesprächsloser Isolierung


Fußnoten:

[1] Vorgetragen zum 50. Geburtstag von Michael Praetorius am 22.3.1988 in Berlin. Gespielt zusammen mit Thomas Gey am Klavier.

[2] Alfred Einstein (1880–1952): Mozart. Sein Charakter – Sein Werk.
      Erschienen 1945 (engl.), 1947 erste deutsche Ausgabe. Fischer, Frankfurt; 2., Aufl. (Januar 2006)

[3] Die Echtheit der mitunter als "Romantische Violinsonaten" bezeichneten Sonaten KV 55-60 ist in der Vergangenheit verschiedentlich bezweifelt worden. Es existieren keine Autographen der Sonaten, zeitgenössische Abschriften stammten aus Mozarts Nachlass. Befürworter der Authentizität der Sonaten geben den Entstehungszeitraum 1772/1773 [andere 1768-69] an.)

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Ergänzt am 27.12.2010. Aktualisiert am 22.12.2014