Unabhängig - mit der
    Schere im Kopf?

Ein kritischer Brief an den Züricher Kardiologen Thomas Lüscher.

20.03.1997

Mittwoch, 12.02.1997, 20.00 Uhr      [zum Verständnis s. Nachträge]


Sehr geehrter Herr Kollege,

gestatten Sie mir eine etwas ungewöhnliche persönliche Vorstellung: Ich war jener Tagungsteilnehmer, der als einziger die o. g. Veranstaltung vorzeitig verließ.* Das mag Ihnen aufgefallen sein oder auch nicht - jedenfalls war ich selbst über die unerwartete herzliche und persönliche Resonanz vieler Kollegen am nächsten Tage sehr überrascht. Alle Gespräche, die sich daraus ergaben, kreisten um Fragen wie "War das nötig?" und "Welche Folgen wird es für die künftigen Cardiology Updates haben?". Ich will nicht im einzelnen von der großen Enttäuschung schreiben, die sich in vielen Äußerungen zur Person Hugenholtz zeigte ("mußte er das wirklich tun?"). Regelmäßig wurde starkes Befremden über das "Engagement" der Firma Bayer geäußert: Nützt sie Ihren geschäftlichen Interessen wirklich mit so einem Exekutionsversuch - mag er gelingen oder nicht?

Ich denke, daß ich Ihnen dieses Stimmungsbild vermitteln sollte. Weit wichtiger als die Emotionen war jedoch für alle Gesprächsteilnehmer die Sorge, daß diese Tagung ihre Unabhängigkeit verlieren könnte. Weniger im direkten Sinne als in den Köpfen der Referenten und Diskutanten: Wer wird noch eine Kritik an Präparaten solch mächtiger Firmen riskieren?

Dies ist der zentrale Punkt, der zu meiner Bitte an Sie führt, wirklich alles dagegen zu tun, was in Ihren Kräften steht. Als Teilnehmer aller Davos-Treffen seit 1975 darf ich Ihnen sagen, daß mir die jetzt von Ihnen gemeinsam mit Pitt geleitete Tagung nicht nur persönlich viel Nutzen gebracht, sondern mich auch durch Ihre Organisation überzeugt hat. Mit der Ausnahme dieses Abends, an dem ich - noch ohne die oben angeführten differenzierten Nachgedanken - einfach wegen des miserablen Niveaus der Aufführung jenes Medizinjournalisten (Journalisten!) die von mir sehr teuer bezahlte Veranstaltung verließ.

Zum Schluß eine Ergänzung der persönlichen Vorstellung: Ich leite seit über zwanzig Jahren eine Kardiologische Klinik (120 Betten) in einem der größten hessischen Krankenhäuser, in deren Herzkatheterlabor weit über eintausend Linksherzkatheter im Jahr stattfinden. Mein Lehrer war Herr Prof. Dr. H. von Kress, den Sie vermutlich nur noch als Mitbegründer auf der Titelseite des "Internist" kennen.

Um den von mir sehr geschätzten Co-Director Bertram Pitt nicht übergehen, habe ich mir erlaubt, ihm eine Kopie dieses Briefes schicken.

Mit den besten Wünschen für die Tagung 1999 (das ist auch in meinem Interesse!) grüße ich Sie.

I h r

Dr. med. F. Praetorius
Internist / Kardiologe
Chefarzt d. Med. Klinik I
Starkenburgring 66, 63069 Offenbach


* Eine späte Premiere in meinem Leben, sieht man von dem einmaligen Verlassen des Kinos bei einem schlechten Film ab.

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Nachträge 2001-09 (nicht im Brief)

Von etwa 1995-2002 gab es die allgemein so bezeichnete "Calcium Channel Blocker Controversy", die durch kritische Metaanalysen der Arbeitsgruppe um C.D. Furberg ausgelöst wurde (Übersicht u. a. bei H. T. Stelfox und Lise Eliot 1998 sowie bei Middeke, s. unten).

Beim Cardiology Update 1997 in Davos war es wie beim Kongreß der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in Amsterdam 1995: "Für die Pressekonferenz ließ Bayer als Interpreten der neuen Erkenntnisse Meinungsbildner der alten Bayer-Schule aus Übersee einfliegen." http://www.arznei-telegramm.de/register/9510098.pdf

Die überraschend angesetzte Abendveranstaltung am 12.2.1997 wirkte auf mich wie eine inszenierte wissenschaftliche Exekution Furbergs. Noch 2009 schrieb mir ein kardiologischer Kollege zu dem Vorfall von 1997: "Ihren Brief an Prof. Lüscher finde ich ausgezeichnet, er faßt auch meinen damaligen Eindruck zusammen und ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Zivilcourage! Der Brief war nötig."

Ein kluger Kommentar von M. Middeke (Chefredaktion DMW) zu Kalziumantagonistenstreit und Evidence-Based Medicine (Dtsch. Med. Wschr. 2001;126:151-52),
zwei Zitate: "Es ist sehr viel Geld und auch Macht im Spiel. Das darf man nicht außer Acht lassen, wenn man die "big players" der Szene betrachtet - auch wenn sie unter WHO und ISH (International Society of Hypertension) firmieren und inzwischen Kongresse und Journale beherrschen."
"Wir sollten uns eine gesunde Skepsis gegen die allzu lauten Protagonisten von EBM bewahren, wenn sie EBM nach Belieben und Gutdünken verwenden, insbesondere wenn sie sich früher in der schrecklichen Zeit vor EBM um Studiendaten wenig geschert haben.
"

Noch 2010 schlägt sich Lüscher philosophisch (und emotional) in "Gedankenmedizin" (245 S.) mit der Sache herum, immer noch sind ihm Metaanalysen "…like a bouillabaise, one rotten fish makes it stink" - er zitiert wie 2005 Messerli (!).


Stand 27.12.2014