Im Haifischbecken?*

Ein Hörerbrief an Werner Bartens, veröffentlicht in dessen Buch "Sprechstunde" (4/2008), Seite 106-107

Persönliche Gründe siehe Brief an K.M.

03.09.2007

Sehr geehrter Herr Kollege,

Ihre Darstellung des Medizinsystems ist zutreffend. Das gilt auch für die Beteiligung der Patienten an den Problemen: Das IGEL-Unwesen setzt ja einen Kaufwilligen voraus, der sich den IGEL-Ärzten als Marktlücke präsentiert.

Was mich angeht, habe ich fünf Jahre eher als üblich den Dienst als, wie ich mal ungeniert behaupten möchte, erfolgreicher Chef einer großen Klinik quittiert, obwohl die überraschten Kollegen das nicht verstanden. "Wollen Sie jetzt schon auf diese Einkommensmöglichkeiten verzichten?" Wollte ich, obwohl dann noch die Rente wegen des zu frühen Abbruchs um 12 Prozent gekürzt wurde.

Warum habe ich das getan? Weil ich wie Sie immer unzufriedener mit dem System wurde und es leid war, die Mitarbeiter in der Facharztweiterbildung mit dem Wunsch nach Zuhören und eigenen Gedanken zu triezen***, das heißt zu freien statt vorgeformten diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen. Überdrüssig war ich auch des rasch progredienten Bürokratismus, der aus früher ¼ Schreibtischzeit im Chefarztjob inzwischen auf mehr als ¾ der Zeit angewachsen war. [weitere Gründe siehe unten: "Entscheidung"]

Bleibt die Frage nach Vorschlägen für ein besseres System. Ich gestehe, dass ich in diesem Haifischteich* der Interessen auch nicht weiß, wo anfangen. Gut, ein verpflichtendes Praktikum vor dem Studium, wie Sie es vorgeschlagen haben. Aber danach fangen die schwierigen Reformen erst an. Aber wo gibt es noch die Voraussetzung für eine Wende zum Besseren, die Liebe zu diesem wunderbaren Beruf, den Sie vielleicht zu früh und ich zu spät verlassen haben?**

Den hoffentlich richtigen Erfolg wünscht Ihnen
Ihr
Dr. F. P. (Chefarzt i. R.)


* Nach 'zig Jahren so genannter Gesundheitsreformen habe ich nur noch eine ironische Lösung für verzweifelte Politiker: Den Stöpsel ziehen und das Wasser aus dem Haifischbecken ablassen. Treffe ich damit ein Geheimnis der aktuellen Reform ("Strukturen aufbrechen")? Oder der Gegenreform des Ministers Rösler von der der industriefreundlichen Koalition seit 2009?

** Die folgenden Schlusssätze meines Textes war dem Verlag wohl zu buchkritisch - sie wurden nicht gedruckt:
   "Der Titel des »Ärztehasserbuchs« [Werner Bartens, 2007] krankt daran, dass er die falsche Gefolgschaft sucht: Die von Ärzten Geschädigten - o. K.-, und diejenigen, die eh wissen, dass »das System« nichts taugt - und nicht wissen, dass sie oft ihre ganz persönlichen Lebensprobleme ausfechten, deren Lösung eigentlich ihre Sache wäre und nicht die der Medizin. Ich denke, dass Hass nicht die Grundlage von Reformen sein kann."

Soweit einige unmaßgebliche Gedanken zur Medizinkultur, veranlasst durch die Sendung "Doppelkopf" mit Werner Bartens im Hessischen Rundfunk am 3. September 2007.


*** im Sinne von "gegen Kochbuchmedizin" (siehe dort).

(zu Werner Bartens siehe auch in "Zitatsammlung")

Seitenanfang

Entscheidung (Brief an KM)

[Aus einem Brief zum vorzeitigen Ausscheiden aus der Chefarztposition]

Lieber K.-M.,

... meine Tätigkeit als Klinikleiter macht immer noch viel Spaß, ist spannend und voller positiver Rückkopplung. ... Doch mehr und mehr und manchmal schwer erträglich zeigt sich eine vorher erfolgreich verdrängte Kehrseite: Zunehmend verliere ich die Fähigkeit, das täglich vor die Augen tretende Leiden der Patienten zu ertragen.

Manchmal äußert sich das in Ungeduld gegen diagnostische oder therapeutische Verzögerungen und Fehlhandlungen, gegen die Starrheit der krankenhäuslichen Ablaufstrukturen ("die Untersuchung läuft": Wohin, wann endlich und wozu frage ich immer mehr), und dagegen, wie immer rascher jüngere Kollegen und auch andere in diese - auch bequeme - Gangart verfallen; und vergesse dabei das Mitleid mit ihren persönlichen Problemen und meinen halbbewußten Neid um ihr "Noch-Verdrängen-Können".

Schlimmer wird es, wenn die eigene Depression zum Bewußtsein kommt. Ein verhältnismäßig simpler Mechanismus: Das zunehmende Alter und das Bewußtsein zukünftiger Krankheit sind schlichte Realität - doch diese normale Entwicklung macht das Verdrängen des Leidens anderer immer mehr unmöglich. Daß ich damit nicht alleine bin, zeigt die Erinnerung an einen Wunsch des ausscheidenden Prof. C. (wir arbeiteten zusammen an dem Buch "Erkrankungen durch Arzneimittel") für den jüngeren Chefarztkollegen: "Es möge Ihnen erspart bleiben, soviel Leiden bei den Kranken zu sehen" (was denn sonst, habe ich damals gedacht).




Ein wichtiger Grund für meine Entscheidung war die Erkenntnis, daß das Krankenhaus nicht nur wegen des GSG und seiner Nachfolger ins Wanken geraten ist, sondern schon seit mehr als zehn Jahren ein auslaufendes Modell darstellt. In einer sich in vielen sozialen Bereichen ändernden Gesellschaft wird dies viel zu sehr den allgemeinen deregulierenden Prozessen zugerechnet. Der wahre Hauptgrund ist jedoch rein medizinisch, also "hausgemacht". Während beispielsweise 1930 in Offenbach die Herstellung eines EKG ein Grund zur stationären Aufnahme war ..., wird heute ernsthaft die ambulante Ballonerweiterung von Herzkranzgefäßen (PCI) geplant und wohl demnächst realisiert. Ähnliches gilt für die anderen Teilgebiete der Inneren Medizin.

Und zu Recht, horribile dictu, übernehmen die niedergelassenen Superspezialisten diese Aufgaben und fragen natürlich nicht danach, ob das Krankenhaus dies überlebt. Ich selbst habe mehrfach bei Chefvisiten heimlich oder halb-heimlich Statistiken gemacht, welche die Möglichkeit einer Reduzierung auf unter 50% der belegten Betten ergaben, sofern alle das korrekt und konsequent betreiben würden.*

Meine persönliche Konsequenz ist ganz klar: Da die dringlichen Veränderungen der allernächsten Jahre die ganze Kraft eines zukunftsorientierten Chefs fordern und eine persönliche Perspektive dazu fehlt (2-5 Jahre sind zu kurz), will ich ... den Weg freigeben, bevor ich unter dieser Revolution leide.

Sei herzlich gegrüßt ...


25. Dezember 1997

* bestätigt beim 'Krankenhausbrand' 1984: Hausärztliche Weiterbehandlung genügte bei den meisten "internistischen" der 900 evakuierten Patienten: Ich konnte sie nach einer 'Chefvisite im Heerlager' der Stadthalle Offenbach problemlos entlassen!

Seitenanfang

Verwaltung StKO bis 1998 - kein Haifischbecken

Krankenhauszeitschrift "StippVisite" Sonderheft 1/1998, beim Ausscheiden als Verwaltungsdirektor

Lieber Herr Latzke,
unser beider Zusammenarbeit währt nun fast auf den Tag 25 Jahre. Daran fehlen zwar auf dem Vertragspapier die sechs Monate bis zum 30. Juni 1973 (Dienstbeginn 1.7.). Aber ich darf wohl sagen, daß wir schon seit Januar 1973 (Wahl des jungen Chefarztes) in typischer Weise zusammengearbeitet haben: Nämlich uns in einzelnen Sachentscheidungen und Formulierungen zusammenzuraufen - wie immer mit einem konstruktiven und in die Zukunft weisenden Abschluß. Und bei allen Meinungsverschiedenheiten stets so, daß wir anschließend sozusagen mühelos über angenehmere Dinge wie Familie oder Urlaubsreisen sprechen konnten. Und ich kann nicht einen einzigen Fall aus meinem Gedächtnis kramen, wo einer von uns den anderen mit voller Absicht getäuscht hat, um etwas zu erreichen. Und das bei einem "starken" Verwaltungsdirektor - man hört aus anderen Bereichen und Krankenhäusern genug vom "Kampf der Geheimagenten", wie ein Oberarzt (nicht Med. I) formuliert hat. Herzlichen Dank für die langjährige und immer bewährte Fairness also!
Dr. Frank Praetorius

Nachtrag: Reinhold Latzke verstarb am 30.03.2009 mit 76 Jahren (Wikipedia)

Seitenanfang

Stand 18.03.2015