... fast Impressionismus

F. Praetorius 1994

FRANZ SCHUBERTS LETZTES STREICHQUARTETT

Stichworte: Entmachtung des tonalen Zentrums, Modulation als Zustand, Klangflächen - Vorwegnahme des Impressionismus. Und eine atemberaubende, fast opernhafte Dramatik.


Das letzte Streichquartett Nr.15 (Opus 161 G-Dur, D.887) entstand in 10 Tagen, vom 20.-30. Juni 1826. Schubert war 29 Jahre alt. Ein zweites „Riesenwerk”, das große [1] Streichquintett in C-Dur (op. 163, D.956) komponierte er neben drei Klaviersonaten im September 1828 - knapp vier Wochen vor seinem Tod. Beide Werke sind trotz ihrer Länge von einer unglaublich dichten Struktur. Deshalb sind es weniger die bekannten - und zu Unrecht kritisierten - „himmlischen” Längen der Symphonien als die Herausforderung eines ebenso „fühlenden” wie „intellektuellen” Hinhörens, welche das Fassungsvermögen von uns Zuhörern so stark strapaziert. Aber nicht nur uns:

In einem seiner Gespräche mit dem Guarneri-Quartett erhielt David Blum [2] auf die Frage nach dem schwersten Quartett der Literatur die prompte Antwort:

Schuberts G-Dur Quartett, nicht allein aufgrund seiner Länge und spieltechnischen [3] Anforderungen, sondern auch aufgrund seiner ungemeinen emotionalen und musikalischen Dichte. Fünfundvierzig Minuten lang ist man aufs äußerste angespannt. Einige Passagen des ersten Satzes sind wie Blitzschläge, eine geballte, ungestüme Kraft erfordernd, die oftmals die Möglichkeiten der Instrumente nahezu sprengt. Selbst die pp-tremoli sind noch voller Erregung. Wir vier müssen diese Musik gemeinsam und gleichzeitig fühlen; manchmal führt das zu einem schier unerträglichen Spannungszustand. ... Live-Aufführungen des Werkes sind ... furchtbar anstrengend; wir werden es daher wohl kaum in einen Tourneeplan aufnehmen...

Anhand der Partitur (Satz 1, siehe ab Takt 13!) nehmen wir als Hörprobe das Hauptthema, hier unterlegt mit den für das Stück typischen Tremolo-Klangflächen, die an Claude Debussy denken lassen (siehe unten). Bevor wir den ganzen Satz anhören, sei noch auf zwei weitere Details hingewiesen, die für das gesamte Werk charakteristisch und bestimmend sind. Zunächst ein Blick in die Details der Gestaltung von musikalischen Phrasen – womit in der Musik „mehr oder weniger in sich geschlossene Glieder der musikalischen Gedanken” (H. RIEMANN) gemeint sind. Der erste Geiger des Guarneri-Quartetts erwähnt, daß die Ausformung solch einer kleinsten Einheit im Zusammenspiel eine Stunde dauern kann – die Ausführung vielleicht eine Sekunde.

Und wieder nimmt er ein Beispiel aus „unserem” Schubert-Quartett in G–Dur, das zweite Thema des ersten Satzes (ab Takt 64). Er sagt:

Schuberts Thema ist ein kleines Wunder. Bedenkt man die Motivwiederholungen und die wenigen Noten, die er verwendet, ist es kaum zu glauben, welch ätherische Qualität das Thema aufweist. Leider klingt die Passage in manchen Interpretationen eher schematisch-rhythmisch [4] denn fließend melodisch. In Wahrheit hat Schubert mit diesen wenigen Noten eine der schönsten Melodien geschaffen. Jedem Melodiebogen, jeder Nuance wohnen Farbe und Bedeutung inne... Zuerst muß die Melodie »atmen«; man sollte dem natürlichen Wechsel von Spannung und Entspannung folgen. Hierbei ist die Beziehung zwischen der ersten und zweiten Note eines jeden Taktes besonders bedeutungsvoll; ... das Hauptgewicht (sollte) auf dem ersten Schlag und nicht auf der Synkopierung liegen...

Die synkopierte Note ... betont eher den Melodiebogen als ihn zu unterbrechen...


Das andere Detail ist in der Kopie leicht zu finden: es sind die drei Anfangstakte des Stückes. Hier zeigt Schubert den bekannten Gegensatz von Dur und Moll - er steht bei ihm für die Zerissenheit des Lebensgefühls [5] - in einer wie ich finde für das ganze Stück programmatischen Form. In extremer Verkürzung „knallt” er in Takt 3 gegen das scheinbar ruhig beginnende G-Dur ohne jede Vermittlung die gleichnamige Molltonart g-moll (deshalb sprach der Quartettspieler von Blitzschlägen, s. o.): das ist gegen die reine Lehre des Quintenzirkels!

Dieser Paukenschlag nimmt zugleich dem Hörer (also uns) die sichere Erwartung der kommenden Tonartfolgen (auch so könnte man ja Tonalität definieren). Geordnete Tonartfolge - das war in jener Zeit das musikalische Äquivalent der Sicherheit des Lebensgefühls. Für uns wird durch diesen Anfang die Grundlage für die erstaunliche „Modernität” der Klänge dieses Stückes bereitet. Ein moderner Komponist war es auch, ERNST KRENEK (19OO–1991), der in einer Besprechung des oben erwähnten C-Dur-Quintetts eine für Schuberts Zeit „unorthodoxe Chromatik” beschreibt, bis hin zu Klangflächen (Clusters) gehend, wie sie im Impressionismus später auftauchen und bei Komponisten etwa seit der Mitte unseres Jahrhunderts oft verwendet werden (z. B. Penderecki). In unserem Stück beginnen gleich auf der ersten Seite irrisierende chromatische Rückungen mit der Tendenz, sich immer wieder weg vom tonalen Zentrum und das heißt eben weg aus aller „Sicherheit” zu bewegen. Die Tonart wird selten „befestigt”, sondern durch chromatische Figuren undeutlich gemacht, was mittels tremolierender (d.h. „zitternder”) Bogenführung auch rhythmisch unterstützt wird. Mich persönlich erinnern manche Stellen an das Streichquartett von DEBUSSY, der mit dieser Technik (gleitende Modulation im Tremolostrich) eine ganz ähnliche Stimmung hervorruft.

Im ganzen ersten Satz, aber auch in den folgenden Sätzen (Hörproben: Andante un poco moto, Scherzo, Allegro vivace, Allegro assai) kann man als darauf aufmerksam gewordener Hörer ähnliche Strukturen in zahlreichen Varianten erkennen. Eigentlich erst ganz am Schluß des Finales setzt sich eine sozusagen beruhigend sichere Tonalität wieder durch - das Stück endet versöhnlich.

Diese Musik wurde wie die letzten Quartette Beethovens [6] in ihrer Zeit nicht verstanden. Schubert bot 1826 sein Opus 161 G-Dur dem Schottverlag an, zusammen mit dem bekannteren „Der Tod und das Mädchen” (von 1824) und einigen weniger bedeutenden Werken: nur von letzteren wurde etwas gedruckt...

Der große Musiker und Philosoph Theodor W. Adorno hat die Wirkung von Schuberts Musik treffend beschrieben: "Vor Schuberts Musik stürzt die Träne aus dem Auge, ohne erst die Seele zu befragen: so unbildlich und real fällt sie in uns ein. Wir weinen, ohne zu wissen warum; weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik es verspricht (,...[7])" (1928). Es ist wohl so, dass ästhetische Erfahrung einen eher überkommt, als dass man sie machen könnte; Adorno formuliert: Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begrifflose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen. (Negative Dialektik, Seite 21 f).



Fußnoten:

[1] seine Aufführung dauert 50 Minuten.  Wir spielten es 1967 in Berlin, 1972 in Kassel und 1987 in Darmstadt.

[2] David Blum (1986) Die Kunst des Quartettspiels. Das Guarneri-Quartett im Gespräch mit David Blum.- Bärenreiter 1988

[3] Heimeran E, Aulich B (1936): „...schon physiologisch ...zu anstrengend. ... Die großen Schönheiten .. am besten von einem Berufsquartett geborgen.”
    
    Fanden wir auch, und haben es nur "angespielt" ...

[4] oder wie eine „Leerstelle”: Joachim Kaiser (1977) Erlebte Musik.(S.192)

[5] nach: Renner H (1959) Kammermusikführer. Reclam 5. Aufl. S.386

[6] beispielsweise von Berlioz - allerdings kein Wunder, denn er las nur die Stimme der 1. Geige (was in der Zeit des Quatuor brillant durchaus so üblich war).

[7] und im unbekannten Glück, dass sie nur so zu sein braucht, dessen uns zu versichern, dass wir einmal so sein werden. Wir können sie nicht lesen; aber dem schwindenden, überflutenden Auge hält sie vor die Chiffren der endlichen Versöhnung.

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Ergänzt am 27.12.2009. Aktualisiert 23.12.2014