freitonale Chromatik

F. Praetorius, 1.2.1994

STICHWORTE ZU DMITRI SCHOSTAKOWITSCHS LETZTEM STREICHQUARTETT Nr. 15*:

Fließende Satz-Übergänge, gesangliche einheitliche Motive (damit Konzentration der großen Formen); freitonale Chromatik und Polyrhythmik, sensible nach-hörbare Klangwelt.

Der deutsche Komponist und überzeugte Kommunist Hanns EISLER (selbst als "entartet" verfolgt) hat – wohl unbeabsichtigt – zur Verfolgung Schostakowitschs beigetragen. In derselben »Pravda«, die wenig später den Komponisten als "bourgois, dekadent und abstrakt formalistisch" kritisierte [1] , fand er 1935 die Sowjetkomponisten "gegenüber dem Aufschwung und der Entwicklung der Sowjetunion auf anderen Gebieten zurückgeblieben" – vermutlich weil sie nicht seinem Lehrer Schönberg folgten [2]. Erneut kam es 1948 zu einer "Verurteilung" wegen vorgeblich "neoklassizistischer Manierismen" (das traf die damalige Strawinsky–Musik) und "Formalismus". In diese Zeit fällt das 4. Streichquartett op. 83 von 1949 (das erste war von 1938, nach der 5. Symphonie).

ADORNO (1948) reklamierte gegen solche Tendenzen in der Musik die "Aufgabe der Kunst, ... der immer weiter fortschreitenden Umklammerung des Lebens zu opponieren und ihr ein Bild des Menschen als eines freien Subjekts entgegenzuhalten." Schostakowitsch lebte zum Glück lang genug (1906–1975), um nach Stalins Tod endgültig zum freien Komponieren in diesem Sinne zu finden.

Das letzte Streichquartett Nr.15 (Opus 144 es–moll) entstand 1974. Es überzeugt durch seine klare Struktur und den sparsamen Einsatz der Mittel des Streichquartetts.

Satz I: Elegie   (Hörprobe)

Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Hauptmotiv aus einem Daktylus (- · ·) besteht. Denn die Elegie war ursprünglich Poesie in Distichen (d. h. Hexameter + Pentameter), seit der Renaissance vorwiegend sehnsüchtig–klagende Liebespoesie. Erst seit dem 18. Jahrhundert kam sie in die Musik.

Gemessenen Schrittes und nacheinander stimmen die Instrumente das elegische Motiv an und entwickeln es weiter (s. auch Photokopie).

Satz II: Serenade  (Hörprobe)

Serenata - ein Stück bei heiterem Wetter - "sereno" – und im Freien – "al sereno", oft auch abends (sera) als Ständchen. Bevor die Violine nach 31 Takten ein Hauptthema spielen darf, das solch eine heitere Geschichte erzählt, bestimmen zwei auffällige, noch im letzten Satz wirksame Figuren das Geschehen:

- ein im pianissimo (sogar ppp!) beginnender Ganzton, der im folgenden Takt nach massiver Steigerung mit Sforzato-Fortissimo abbricht. Er wandert durch die Stimmen.

– ein atemlos wirkendes rhythmisches Motiv, dessen Synkopen vom Cello gespielt werden – sie markieren später das Satzende.

Satz III: Intermezzo   (Hörprobe)

Das Sätzchen wiederholt, und bringt etwas Bewegung – sonst nichts. Wohl auch deshalb, weil

Satz IV: Nocturne   (Hörprobe)

der Serenade gar nicht so ferne ist – wie schon sein Name sagt. Die Nocturne–Stimmung ergibt sich aus gegenläufigen Achtelfiguren der 2. Geige und des Cello und einem ebenfalls mit Dämpfer (con sordino) gespielten sonoren Bratschenthema. Ganz am Schluss (wieder ohne Zäsur oder abrupten Übergang) erscheint das rhythmische Motiv des Trauermarsches (s. Kopie):

Satz V: Trauermarsch   (Hörprobe)

Jetzt erscheint zum ersten Male deutlich der zentrale Akkord des Quartetts: es–moll (siehe Photokopie). Fast glaubt man das Thema zu kennen, das nun durch die Stimmen zieht.

Satz VI: Epilog  (Hörprobe)

Er beginnt wie der Trauermarsch mit einem klaren es-moll–Akkord, an den flirrende Zweiunddreißigstel der 1. Violine anschließen, die – von Erinnerungen an die vorigen Sätze unterbrochen – schließlich von allen vier Instrumenten in virtuosen Clustern nach unten geführt werden, ehe das Adagio molto des Trauermarsches das Stück beendet.

* gespielt 1994: Frank Praetorius, Helmut Bung, Wolfgang Weichert, Elisabeth Praetorius

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17.4.94 (hier war nicht das eigene Quartettspiel, sondern ein Konzert des Hagen–Quartetts der Anlass)

ZU DMITRI SCHOSTAKOWITSCHS STREICHQUARTETT Nr.14

Das vorletzte Streichquartett Nr.14 (Opus 142 Fis-Dur) entstand 1973. Es überzeugt – wie das letzte – durch seine klare Struktur und den relativ sparsamen Einsatz der Mittel des Streichquartetts.

Satz I: Allegretto

Die Bratsche beginnt mit zweimal drei Vierteln auf dem Grundton Fis, der mit dem Einsetzen des Hauptthemas im Cello (s. u.) ostinat gehalten wird und auch die erste Geige noch "anstößt". Dieses Motiv ermöglicht durch seine leichte Variierbarkeit in aufsteigende oder absteigende Linien viele "Stimmungswechsel". Das zweite Hauptthema fällt geradezu leichtfüßig aus einem solchen Abwärtslauf des ersten Motivs auf die Beine – und damit das nicht zu "beinschwer" wird, muss es gleich im zweiten Takt ein freches Glissando in die Oktave nach oben haben! Man darf gespannt sein, ob das HAGEN-Quartett diesen Satz auch so "leichtfüßig" nimmt! Auf jeden Fall ist er unterhaltsam.

Satz II: Adagio

Ein langer Gesang der ersten Violine, der fast wie eines der großen Fugenthemen bei J. S. Bach klingt. Auch im weiteren Verlauf wechseln solche Gesänge mit dichteren Klangstrukturen ab. Typisch für SCHOSTAKOWITSCH sind fließende Satz–Übergänge und einheitliche Motive: damit wird eine Konzentration der großen Formen erreicht. In diesem Quartett ist das nur beim Übergang zum dritten Satz der Fall: im Verklingen der Melodie des langsamen Satzes (der Komponist verlangt morendo) zupft die erste Geige ("Pizzicato") zwei Takte vor dem Ende zunächst langsam einen Dreierrhythnus, der sofort ins wesentlich schnellere

Allegretto (Satz III)

übergeht, das durch diese nun schnelle Dreierfigur seinen "Drive" erhält. In großen Teilen wird er "con sordino", also mit Dämpfer gespielt. Aber er ist in seinen klaren Linien trotz des hohen Tempos gut zu verstehen – auch weil er die Leichtigkeit der Stimmung des ersten Satzes wieder aufnimmt.
Grab Schostakowitschs in Moskau mit dem Motiv D-Es-C-H, mit welchem er das Streichquartett Nr. 8 einleitet (das wir 2001-02 spielten). Zur Bildvergößerung klicken →

Fußnoten:

[1] was dem Betroffenen die Wahl zwischen Schauprozess mit tödlichem Ausgang oder Unterwerfung = "Selbstkritik" ließ. Vgl. Funkkoll.Musikgesch. 11,115 f

[2] Albrecht Dümling, Peter Girth: Entartete Musik. Düsseldorf 1988, S.16 (das Beispiel zeigt den Gleichklang roter und brauner Kunstkritik).

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Ergänzt am 19.12.2007. Aktualisiert 23.12.2014