Der verkürzte Blick

Frank Praetorius: Grenzen bildgebender Diagnostik. Zur Dominanz des Auges in der Medizin. Freiburger Universitätsblätter (1992) 117, 57–69, letzter Abschnitt (Literaturstellen siehe Originalarbeit).

Wir kehren noch einmal zu den Bildern zurück. Michel Foucault hat in der Entstehung des ärztlichen Blicks das Paradigma aller modernen Wissenschaft gesehen und seine Genese in »Geburt der Klinik« beschrieben [3]. Nicht zufällig heißt er sprichwörtlich sezierender Blick, der in der Bildermedizin als kühl-distanzierte Bildbetrachtung des Röntgenologen wiederkehrt. Auf Anhieb mag es dann als Widerspruch erscheinen, wenn dieselbe Aufklärung - die Foucault meint - als »Entbilderungsunternehmen« gekenn-zeichnet wird [1]. Doch Aufklärung meint in diesem Zusammenhang das Entlarven von Mythen und Trugbildern, mit Hilfe des - metaphorisch gemeint - ärztlichen Blicks. Dieser enthüllende Blick ist bei Foucault zugleich ein beredter, ein herrschender Blick. Wenn er schon Abbildungen benötigt, dann wird keine Aura, kein Zwischenraum der Deutung geduldet. »Entauratisierung« heißt bei W. Benjamin: der dargestellte Körper soll sich ohne Vermittlung ins Optisch-Unbewußte einnisten.* Es war ein Ziel dieser Darlegungen, mit Hilfe klinisch-wissenschaftlicher und hirnphysiologischer Erkenntnisse die Grenzen solchen Denkens in der bildgebenden Medizin aufzuzeigen. Der Hinweis auf Foucault macht deutlich, daß es nicht nur um uns Ärzte geht, sondern um eine Krise allgemeiner Paradigmen.

Foucault hat nur indirekt zur Entwicklung der Diskussion um die »Postmoderne« beigetragen, die dem Entbilderungsunternehmen der Moderne ein Ende setzen will. Plötzlich wird Simulation - beispielsweise Computersimulation - als kreativ, wird der Schein gleich-berechtigt gegenüber dem Sein gesehen, werden also Fragen der Ontologie mindestens gleich–gültig. Nach Bolz [1] ist neben der Entauratisierung eine zweite Überlegung Benjamins hochaktuell, die konkreter mit den Bildern der Medizin zu tun hat. Es ist das zuerst durch die Filmtechnik zutage getretene Prinzip der grundsätzlich unbegrenzten Perfektibilität, das a forteriori von der Computersimulation gelte. Denn die gespeicherten Informationen sind ja beliebig oft revidierbar - man denke nur an die digitale Bildverarbeitung in der Koronarangiographie! Nach Van den Boom (in [1]) ist so gesehen Simulation der Wirklichkeit in bezug auf visuelle Argumentation sogar überlegen, wo sie »vergrößert«, »heraushebt", »übertreibt«, »verdeutlicht«. Das genau hatten wir in unserem computerregulierten Koronarangiogramm: Zoomen, Konturierung, Kantenanhebung, wegwischen und übertreiben! Das digitale Bild funktioniert hier als Sonde, die tief in die Struktur der Wirklichkeit eindringt - Schein exploriert das Sein, und die Simulation selber ist »argumentativ« geworden [1].
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* Walter Benjamin (Gesammelte Schriften. 7 Bde. Frankfurt am Main 1980, Bd. I.2, S. 496): Beim Film kommt es auf dem Wege einer "intensivsten Durchdringung mit der Apparatur" zur Herstellung eines "apparatefreien Aspekts der Wirklichkeit" ["Das Optisch–Unbewußte ... Bilder, in deren Wahrnehmung die Voraussetzungen ihrer technischen Herstellung verschwinden, während deren mediale Struktur sich gleichzeitig in die Physis einschreibt." (zit. aus Sigrid Weigel 2004)]

Solch undurchsichtiger Durchdringung von Scheinwelt und Wirklichkeit wird oft hilflos ein aufklärerischer Appell »für« Wirklichkeit entgegengehalten, der freilich selbst nicht argumentativ ist. Tritt also unaufhaltsam die Argumentation durch Bilder, tritt tatsächlich digitale Ästhetik [1] an die Stelle diskursiven Denkens und Redens? Für die Medizin würde eine solche Revolution des Denkens zugleich das Ende jener noch geltenden Krankheitslehre (Nosologie) bedeuten, nach der definierte Krankheitseinheiten mit Beobachtungen verglichen und danach schlußfolgernd - nicht mehr nur Bilder betrachtend - eine Diagnose gestellt oder ausgeschlossen wird. Ist die Dominanz des Auges und die Vorherrschaft der Bilder ebenso wie das Verschwinden differentialdiagnostischen Denkens unaufhaltsam, wie Optimisten bildgebender Verfahren hoffen? Die Kombination von immer besserer digitaler Bildtechnik und postmoderner Aufklärungskritik könnte in dieser Richtung wirken.

Angesichts derart komplexen Entwicklungen dürfen bildgebende Mediziner auf etwas mehr Nachsicht mit ihren Unvollkommenheiten hoffen. Sie stehen im Schnitt- und Schmerzpunkt einer unkalkulierbaren kulturellen Entwicklung, zwischen Moderne und Postmoderne. Als Vertreter des »Entbilderungsunternehmens« Moderne sind sie Aufklärer und zugleich Bildermacher in eben dieser Funktion des Enthüllens der Wahrheit. Im Kontext der Postmoderne werden sie zur kreativen Darstellung bildhaft empfundener Krankheitsprozesse, zum stets neuen Bebildern zwar fiktiver, aber doch die Wirklichkeit simulierender Welten aufgefordert [15]. Dem entsprechen auch ihre zwei Fluchtwege aus dem Dilemma: in die letztlich entbilderte Abstraktion oder in die farbige Welt des »argumentativen« Scheins. Wer soll ihnen die Entscheidung zwischen Wirklichkeit und Deutung abnehmen, zwischen dem Universum der Spiegel und dem Universum der Zeichen, wie es der Semiotiker Umberto Eco** formuliert, wenn es keine zwingende Begründung dafür gibt? Im Interesse der Patienten muß man sich ja entscheiden, weil therapeutisches Handeln gefragt ist. Mache ich ein Bild oder mache ich mir Gedanken? Vorrangig noch wohl letzteres, in ständiger Rezirkulation und Optimierung - vor, während und nach den Bildern.


   KATROPTIK oder SEMIOSE
(U. Eco)

Standort der Untersucher

1. im "Universum der Spiegel"
– sehen wir noch?

2. im "Universum der Zeichen"
– oder deuten wir schon?

[Szene beim Herzkatheter. Vgl. Praetorius in 'Arnoldshainer Texte' 1993]

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** Umberto Eco (Über Spiegel - und andere Phänomene. München–Wien 1988, S. 61: "16. Das Experimentum crucis): Die beiden Universen, deren erstes die Schwelle zum zweiten ist, haben keine Übergangspunkte, die Grenzfälle der deformierenden Spiegel sind Katastrophenpunkte, in einem bestimmten Moment muß man sich entscheiden, entweder man ist hüben oder man ist drüben.
Das katroptische Universum ist eine Realität, die den Eindruck der Vitualität wecken kann. Das semiotische Universum ist eine Virtualität, die den Endruck der Realität wecken kann."
Typisch "katroptisch" ist auch die Idealisierung von Landschaftsbildern mit dem »Claude-Glas« (Landschaften à la Claude Lorrain).