DIE WELT    15. März 1966

Aus Briefen an die Redaktion

„Gefährliche Assistentenschaft“


Die Wurzel der Freien Universität ‑ das Berliner Modell ‑ will H.‑D. Sander in seinem Artikel „Das Ende einer Gelehrtenrepublik" in der WELT vom 5. März[1] getroffen wissen, und dabei haut er allenthalben tiefe Kerben in den Stamm der Alma mater. Er findet seine Opfer, wo er sie sucht: die „Linksfrak­tion" der Professoren, „Studentenzir­kel", die politische Ideen destillieren, und schließlich eine ‑ wie sich zeigen wird ‑ besonders perfide Gruppe, die Assistenten.

Bei deren Auswahl sieht Herr Sander einen verhängnisvollen ideologischen Mechanismus walten: Die „linke Basis" verbreitert sich dadurch „beinahe automatisch". Derart unwissenschaftlicher Auslesepraktiken will er nicht nur das Otto‑Suhr‑Institut, sondern ausdrücklich auch die beiden größten Fakultäten bezichtigen. Für alle, die nun noch nicht von der Gefährlichkeit dieser Assisten­ten überzeugt, sind, führt Herr Sander einen weiteren Hieb: Die angeprangerte politische Korruption finde sich "vor­züglich" in den genannten Fakultäten ‑ also muß doch wohl die ganze Uni­versität davon befallen sein.

Was für Chancen ergäben sich da für Bewerber um Assistentenstellen! Man engagiere sich rechtzeitig und für den Professor seiner Wahl augenfällig „links in der ganzen Breite des Begriffs" ‑ und schon ist man "beinahe automatisch" am Ziel seiner Wünsche. Welch irrige Vorstellung wäre es dann, man müsse sich eine Assistentenstelle durch erfolgreiches wissenschaftliches Bemühen erarbeiten! Ein paar geschickte Beiträge mit „Linksdrall" im Seminar über griechische Profanarchitektur oder im Auskultationskurs wären wertvoller als die beste Dissertation.

Will Herr Sander also seinen Lesern suggerieren, die Assistenten würden an der Freien Universität nicht ausschließlich nach ihrer wissenschaftlichen Qualifikation, sondern nach ihrer politischen Einstellung ausgewählt?

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Dann hätte er sicher die Assistentenschaft mit Erfolg verleumdet und in ihren beruflichen Interessen geschädigt. Aber es geht ihm ja wohl nicht darum, sondern um den Hieb gegen die Wurzel der „Gelehrten­republik" und um die Begründung für sein eigenes Rezept: die Preisgabe des Berliner Modells, die Zulassung aller Verbindungen und die erhoffte Ent­machtung der „linken" Studentengrup­pen, deren Repräsentanz im AStA und im Konvent ihm ungerechtfertigt groß erscheint.

Was aber haben in Herrn Sanders Vorstellung die Assistenten damit zu tun? Die Antwort wird ihm leicht: Er übernimmt die absurde Behauptung, daß neben den uralten Semestern die Assistenten „aus dem Hintergrund den Konvent und den AStA dirigieren". Da­mit hätte er dann freilich eine geradezu diabolische Verschwörung enthüllt; die Assistenten, von der wachsenden „Linksfraktion" der Professoren nach ihrer politischen Richtung ausgewählt, würden zu intellektuellen Urhebern der „zyklischen Konflikte zwischen Studen­tenvertretung und der akademischen Verwaltung", von denen „seit acht Jah­ren ... diese Alma mater... erschüttert" wird.

Hier ist der Punkt erreicht, an dem wir Herrn Sander nicht einmal mehr den journalistischen Ehrgeiz, „Draht­zieher" zu entdecken, zugute halten mögen. Vielmehr sehen sich die gewähl­ten Vertreter der Assistenten an der Freien Universität verpflichtet und ge­zwungen, Herrn Sanders groteske Unterstellungen im Namen und im In­teresse der gesamten Assistentenschaft auf das entschiedenste als unwahr zurückzuweisen.

Dr. med. F. Praetorius, 1. Sprecher,
Dr. phil. I. Pommerening, 2. Sprecher
Dr. rer. pol. W. Skuhr [2],
die Sprecher der Assistentenschaft der Freien Universität Berlin.



Ein Jahr später mußten wir nochmals an DIE WELT schreiben ...[3]

[1] Original-Textteile von Sander in "uebergebuehr" 2012: "Von 1948 bis 1957 konzentrierte sich die politische Kritik im Wesentlichen auf den Osten, in den Jahren 1958 bis 1966 wurde fast nur noch der Westen unter die Lupe genommen, wobei die Konkordanz mit kommunistischen antiwestlichen Propagandawellen überraschte. Ein gewisser Rutsch war unverkennbar. [...] So entwickelte sich die Freie Universität zu einem merkwürdigen politischen Laboratorium, in dem Studenten-Zirkel ihre Ideen destillieren, erhärten und popularisieren konnten. Die Konzepte der linken Gruppe pendelten sich sukzessive auf 'Entspannung', Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, Aufnahme offizieller Beziehungen zur Regierung der 'DDR', politische 'Säuberung' der Bundesrepublik; 'innerbetriebliche Mitbestimmung' und Verstärkung planwirtschaftlicher Elemente ein."
[Nachtrag 2006] Es ist schon interessant: Hans-Dietrich Sander, noch 1986 Redakteur der rechtsstehenden "Deutschen Monatshefte" (der auch weiterhin in der Tageszeitung "Die Welt" zu Wort kam), forderte beispielsweise 1983 eine "selbstverständlich revisionistische, wenn es sein muß, auch revanchistische Politik"; der Weg dorthin führe über "die anschwellende soziale Not der kommenden Jahre", die eine "neue politische Elite" hervorbringen werde, die "auch über die Kraft und den Elan zur militärischen Remedur gebietet".
[2] Dr. Werner Skuhr, emeritierter Professor für Politikwissenschaft, ist am 26. Januar 2003 gestorben. Prof. Skuhr war von 1965 bis zu seiner Pensionierung 1989 Mitglied des Otto-Suhr-Instituts. Er hat in den 60er Jahren entscheidend zur demokratischen Reform der Universität beigetragen. Darüberhinaus war er einer der ersten Hochschullehrer, die politikdidaktische Fragestellungen in die universitäre Lehrerausbildung eingeführt haben.(FU-Nachrichten 3-4/2003 und Ancestry)

[3] DIE WELT, 7.2.1967: »Situation hat sich geändert. Zu der Meldung "Mißachtung der Grundrechte an [!!]* der FU" (WELT vom 3 Februar 1967), die auf Nachrichtenmaterial der Deutschen Presse-Agentur basierte, erhielt die Redaktion ein Schreiben, das von Dr. Dietrich Herzog, Dr. Helmut Lenzing, Dr. Günter Petermann, Dr. Frank Praetorius, Dr. Ludwig Schmugge und Dr. Werner Skuhr unterzeichnet ist. "Wir distanzieren uns von der in Ihrem Artikel ausgedrückten Unterstellung, an der Freien Universität Berlin würden undemokratische Zustände herrschen. Ganz im Gegenteil wurde in dem offenen Brief betont, daß sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Professoren und Studenten an der Freien Universität anbahnt." Am 30. Januar hatten 113 Dozenten und Assistenten der FU einen offenen Brief an den Präsidenten des Abgeordnetenhauses gerichtet, in dem die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses wegen des Vorgehens der Polizei gegen Demonstranten und der Vorgänge bei der Durchsuchung der SDS Räume gefordert wurde.«
[* Zu "an der FU" vgl. "Tagesspiegel" vom 3.2.68: Aus Anlaß der jüngsten Studentendemonstrationen, des Vorgehens der Polizei und der Beschlagnahme der Mitgliederkartei des SDS zeigen sich die Unterzeichner bestürzt darüber, "wie unter Mißachtung demokratischer Grundrechte versucht wird, die freie Meinungsäußerung einzuschränken und die politische Arbeit studentischer Gruppen zu behindern".]
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Stand 27.12.2014