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Der Anlass des Briefes: Die folgende Anzeige der IPPNW in der „Frankfurter Rundschau“ am 5. Oktober 2001

1.500 Ärztinnen und Ärzte der IPPNW appellieren an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages und die Bundesregierung:


Den Terror überwinden
Solidarität ja – Krieg nein

Sehr geehrte Mitglieder des Deutschen Bundestages
und der Bundesregierung,

wir Ärztinnen und Ärzte teilen Ihre tiefe Empörung über die grausamen und menschenverachtenden Terroranschläge in den USA.
Gleichzeitig appellieren wir an Sie, diese Krise mit Besonnenheit zu meistern.

Helfen Sie, dass die Täter aufgespürt und vor Gericht gestellt werden.  Aber bitte lassen Sie sich nicht auf einen militärischen Rachefeldzug ein, der sich gegen die Bevölkerung welchen Landes auch immer richtet.  Ein neuer Krieg vergrößert nur das Leid unschul­diger Menschen, bringt neuen Hass und neuen Terror hervor.

Wir Ärztinnen und Ärzte wissen aus unserer täglichen Arbeit: Gewalt kann nie Konflikte lösen.  Terrorismus lässt sich nicht durch Krieg bekämpfen, sondern nur durch die Beseitigung der Ursachen.

Wir möchten Sie bitten, innezuhalten.  Das weltweite Entsetzen über die Tat bietet die Chance, dem Terror und dem Hass, die sich hinter der Maske des religiösen Fundamentalismus ver­steckt haben, die Unterstützung zu entziehen.  Eine ehrliche internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Armut, sozialer Ungerechtigkeit, ökolo­gischer Zerstörung und regionalen Kriegen ist ein mühsamer, aber erfolg­versprechender Weg aus der Krise.  Kein Raketenabwehrsystem, keine noch so gut gerüstete Armee und keine noch so großen inneren Sicherheitsmaßnahmen werden uns vor solchen Anschlägen schützen kön­nen.  Sicherheit erreichen wir nur durch Abrüstung, die Stärkung des interna­tionalen Rechtes und soziale und wirt­schaftliche Gerechtigkeit.

Deshalb

Sagen Sie nein zu einem militä­rischen Einsatz der Bundeswehr bei einer Abstimmung im Bundestag
Sagen Sie nein zum geplanten Feldzug der USA. Unterstützen Sie diesen Krieg auch nicht durch Logistik oder Finanzmittel.

Beharren Sie auf zivilen Konflikt­bearbeitungsstrategien und verhindern Sie eine neue Spaltung der Welt.


Dr. Elisabeth und Dr. Frank Praetorius
63069 Offenbach a.M • Lauterbornweg 27 • Tel. 069-84 34 45  Fax-83 83 7803


8.10.01

Appell „Den Terror überwinden. Solidarität ja – Krieg nein“


Liebe Freunde,

an dem Appell „Den Terror überwinden. Solidarität ja – Krieg nein“  haben wir uns nicht beteiligt, obgleich wir altgediente IPPNW-Mitglieder sind (seit 1982) und viele Aktionen unterstützt haben.

Der Grundgedanke der Resolution ist in Ordnung: Auch wir sind gegen Rachefeldzüge, die Leid und Hass und Terror nur vermehren. Aber vieles ist uns zu ungenau formuliert. Wissen wir Ärzte so ganz allgemein, daß Gewalt nie Konflikte lösen kann? Welche Konflikte gemeint sind, bleibt unklar: Vor der Kriminalität, der wir ja auch in unseren Diensten begegnen, im Krankenhaus wie in der Praxis, muß uns schon mal die Staatsgewalt schützen dürfen – obwohl es selbstverständlich besser wäre, die sozialen oder psychischen Wurzeln vorher gewaltlos bekämpft zu haben. Und läßt  sich Terrorismus nur durch Beseitigung der Ursachen bekämpfen (bei den Nazis zum Beispiel ging das bestimmt nicht mehr, nachdem sie einmal an der Macht waren)? Das alles ist Euch natürlich genau so klar wie uns – und wahrscheinlich auch der Mehrheit unserer Landsleute. Die Frage ist:  Warum müssen wir es dann zu diesem Zeitpunkt sagen?

Und bitte, was ist eine ehrliche internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Armut … (etc.)? Auch zu diesem Punkt hat vermutlich die Mehrheit – auch die an den Stammtischen – ein ganz ähnliches Gefühl („wenn nur alle mitmachen würden …“). Sagt uns: Wie ist „ehrliche“ präzise und vor allem praktikabel von „unehrlicher“ Zusammenarbeit abzugrenzen? Was begründet diesen als „erfolgversprechenden Weg aus der Krise“?

Auf das neue Raketenabwehrsystem Bush’s kann man in der Tat verzichten (hoffentlich). Zum Thema Sicherheit unterschreiben wir den zweiten Satz über Abrüstung, internationales Recht und soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Bis auf das „nur“: Helfen wirklich „keine“ inneren Sicherheitsmaßnahmen, „keine“ Armee? Sicherlich gibt es keinen absoluten Schutz gegen Anschläge – aber etwas wohl doch.

Die Schlußfolgerungen der IPPNW („Sagen Sie nein …“) stehen aus diesen Gründen leider nicht auf sehr starken Füßen. Die vordergründige Argumentation hilft jener großen Zahl von Abgeordneten nicht, deren Gewissen aus Mangel an zukunftssicherer Information über die Vorgänge zwischen „nein“ und „ja“ schwankt - denn zu einfach können und wollen sie es sich nicht machen. Und wir glauben, so sieht es auch die von Euch vielleicht unterschätzte Mehrheit der Bevölkerung, die einfach Angst hat und nicht weiß, was besser ist.

Einig sind wir beim letzten Satz: Ja, zivile Konfliktbearbeitungsstrategien sollen Vorrang haben, -  und ja, eine neue Spaltung der Welt sollte verhindert werden. Bekanntlich sehen das mittlerweile auch die agierenden Top-Politiker inklusive jener der islamischen Staaten. Hoffentlich sagen sie es nicht nur.

Ihr werdet fragen, wann wenn nicht bei solcher „Gelegenheit“ sollen wir uns denn zu Wort melden? Eine Antwort gab kürzlich Umberto Eco: Er forderte eine Art öffentlicher Schweigepflicht für Intellektuelle bei aktuellen Ereignissen - solange sie nichts Außergewöhnliches zu sagen haben. Eco präzisiert auch das Gegenteil, die Redepflicht: Dann, wenn die ganze Welt zu einem Ereignis schweigt. Das hatten wir beispielsweise, als die Hintergründe des Vietnamkrieges in unseren Medien nicht vorkamen, oder die alten Nazis immer noch das Nachdenken über Auschwitz zu torpedieren suchten, und auch in den Jahren des Kampfes gegen die Raketennachrüstung. Zugegeben, Eco’s elitäres Verdikt kann man nicht einfach auf politische Öffentlichkeitsarbeit übertragen. Aber es scheint uns schon eine Frage wert, ob wir uns unbedingt immer melden müssen mit unseren guten Gedanken, die wir auf diese Weise manchmal nur dem Medienmüll anheimgeben.

Dr. med. Elisabeth Praetorius (Ärztliche Psychotherapeutin)
Dr. med. Frank Praetorius (Internist/Kardiologe)

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Die Antwort der IPPNW  (unsere Kommentare in [ ] ):

Berlin, den 17.  Oktober 2001

Sehr geehrte Frau und sehr geehrter Herr Praetorius,

vielen Dank für ihren Brief vom 8. 10.01. Wir freuen uns über jede Stimme, die unsere Arbeit kritisch begleitet.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, etwas zu sagen? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Sie argumentieren mit Umberto Ecco. Ich habe das Interview gelesen. Und Ecco bezog sich ­meiner Erinnerung folgend - unter anderem darauf, dass er als Schriftsteller zu allen möglichen und unmöglichen Ereignissen dieser Welt gefragt wird. Sei es der Tod von Mutter Theresa oder der Krieg. Nicht immer fühlt er sich kompentent auf dem Gebiet - und sagt lieber nichts. Eine sicherlich richtige Entscheidung.

In unserem Punkt verhält es sich aber etwas anders. Wir sind seit zwanzig Jahren Friedensorganisation, haben viele Kriege mitverfolgt, Stellung bezogen und an friedlichen Konfliktlösungsstrategien gearbeitet. Wer, wenn nicht wir, die Friedensorganisationen mit ihrer großen Fülle an Wissen, sollten ihre Stimme erheben? Gorbatschow hat 1989 bezogen auf das SED-Regime 'gesagt: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." [Auch so kann man argumentieren; wirklich beliebig?]

Die überwältigende Flut der positiven Rückmeldungen bestätigt uns in unserer Entscheidung, schnell zu reagieren. Über 1600 Mitglieder haben den Appell unterschrieben. Etliche haben zurückgemeldet, wie erleichtert sie waren, ihr Unbehagen schriftlich formuliert zu sehen und in der Zeit der emotionalen Unsicherheit eine klare Stimme von uns zu vernehmen.

Eine Stimme, die ihrer Ansicht nach nicht klar bzw. präzise genug war. Und an diesem Punkt möchte ich ihnen - zumindest teilweise - zustimmen. Ein Appell ist immer eine schwierige Sache. Er soll konkret sein und möglichst viele Ansichten vereinen. Er soll die Menschen ansprechen, den Angesprochenen keine Schuld zuweisen - und am Tag nach dem Anschlag geschrieben auch noch Wochen später Gültigkeit haben. Ein Unterfangen, bei dem die Schärfe leicht droht, verloren zu gehen.

Ich lege Ihnen das Berliner Signal bei, in der wir genau unsere Position diesbezüglich konkretisiert haben [dito zu allgemein – am 8.10.!]. Zusätzlich muss das internationale Recht gestärkt werden - auch hier sind die Maßnahmen im Berliner Signal ausgeführt.

Ehrliche Zusammenarbeit meint knapp gefasst, eine neue Außenpolitik des Westens, speziell der USA. Es kann nicht sein, dass vordergründig von Menschenrechten und Menschenwürde geredet wird, aber leider viel zu häufig menschenverachtende Regime aus geopolitischen und wirtschaftlichen Erwägungen gestützt werden. Überlegungen, die der Platz so nicht zuließ.

Ja, ich glaube sie haben Recht. Viele Menschen haben Angst und wollen, dass etwas passiert. Doch Angst und Ungeduld leiten in eine Falle, weil sie zu emotionalem, irrationalem und letztlich kontraproduktivem Handeln fuhren. Damit spielen sie den Terroristen in die Hände.

Es gibt Alternativen zwischen Krieg und Nichts-Tun. Und es ist unserer Aufgabe, darauf hinzuweisen. Wir hoffen, dass der Friedensnobelpreis für Kofi Annan ein Zeichen dafür setzt, die Vereinten Nationen wieder zu stärken und nicht zuzulassen, dass einzelne Länder oder Verteidigungsallianzen die Weltfriedensaufgaben übernehmen. Nur die UNO kann den Kampf gegen den Terror auf lange Sicht legitimieren und auf Dauer zusammenhalten. Dazu muss die Uno Herr des Verfahrens sein - und nicht nur Anhängsel [einverstanden]. In diese Richtung sollten die Bundestagsabgeordneten wirken. Solidarität bedeutet nicht, kritiklos zu sein.

Ich freue mich über Ihr Interesse und verbleibe mit herzlichen Grüßen,

Dr. Ute Watermann (Sprecherin der IPPNW)

[statt einer erneuten Antwort noch ein privater Kommentar: Zu Ecco gesellte sich mittlerweile Habermas über die Versuchung, "mit den John Waynes »unter uns Intellektuellen« um den schnellsten Schuss aus der Hüfte zu konkurrieren").
Interessant ist der Übergang zum strengen „Sie“]

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Stand 23.12.2014