Frank Praetorius

Heilsversprechen der Hypermedizin1
Hat sich bis 2009 irgendetwas verbessert?

Rezension zu:

Andreas Kuhlmann: Politik des Lebens – Politik des Sterbens2
(1959-2009)       Biomedizin in der liberalen Demokratie

Als wichtigste moralische Errungenschaft der Medizin des 20. Jahrhunderts gilt die Patientenautonomie mit dem Grundsatz des "Informed Consent". Wie aber soll sich menschliche Autonomie verwirklichen, wenn es um den Anfang und das Ende des Lebens geht, wenn Selbstbestimmung abstrakt wird und stattdessen ethische oder religiöse Vorstellungen anderer über das Individuum entscheiden? Kann man sich eher dem Credo einer liberalen Demokratie anvertrauen mit ihrer Tendenz, möglichst wenig zu verbieten - und das hieße möglichst viel zu erlauben?

Welche Experimente kann die Politik zulassen? Die Sache mit dem Klon-Schaf Dolly passierte 1996: Ein Lebewesen wurde aus dem identischen Erbgut eines erwachsenen Tieres hergestellt. Bei dieser Technik der "Zellkern-Transplantation" wird einer Körperzelle des Spendertieres der Zellkern entnommen und unter dem Mikroskop einer entkernten Eizelle eingesetzt. Das hat inzwischen mit anderen Säugetieren geklappt und ist zur Routine geworden, während die Klonierung beim Menschen strafrechtlich verboten ist. Die Probleme am Ende des Lebens haben für Kuhlmann eine vergleichbare ethische Wertigkeit. Sterbehilfe, Hirntoddiagnose und Organtransplantation finden sich in seinen Kapiteln über "Die totale Therapie", "Der Mensch als Ressource", "Behandlungsverzicht und Sterbehilfe".

Wer entscheidet über Gesetze? Es ist nur eine Handvoll Politiker, die sich auf diesem brisanten Feld auskennt. Unterstützt wird sie von ein paar Dutzend Spezialisten aus der Wissenschaft und den wichtigen religiösen, philosophischen und juristischen Lagern, die sich mit vielen Zungen und ebenso unversöhnlich wie medial wirksam streiten. Längst kennen sie alle Argumente der Gegenseite. Neue Fakten aus der Biowissenschaft werden in einer vertrauten Rang- und Hackordnung weltanschaulicher Positionen und Loyalitäten rasch verortet und entschärft, indem man sie in die alten Begriffsschemata einpaßt, beispielsweise die des Embryonenschutzgesetzes von 1990 [vgl. 2009]. Neue Lösungen werden vermieden, weil die Fundamentalismen das nicht erlauben. So kommen statt Zukunftsprojekten eher Verbote heraus. Andreas Kuhlmann warnt, "daß sie ganze therapeutische Entwicklungsstränge durch staatliche Order einfach kappen."

Den Spezialisten steht eine Mehrzahl von Politikern gegenüber, die schließlich über jene Fragen um Leben und Tod entscheiden sollen. Sie und fast die gesamte Bevölkerung einschließlich ihrer Ärzte befinden sich in dem gleichen bioethischen Wissensnotstand: Wir alle ahnen, daß etwas geschieht, das uns Angst machen muß; doch wir können es nicht näher bestimmen. Warum kommt kein "vernünftiger" Diskurs zustande? Weil - so formuliert der Philosoph Jürgen Habermas - der unvermittelte Wissenstransfer aus Wissenschaft, Recht und politischer Ethik in die privaten und öffentlichen Sphären des Alltags schiefgeht. Als unterkomplexer Eingriff führt er nur zur Moralisierung und ruft expressivistische Gegenkulturen, technokratisch durchgesetzte Reformen oder fundamentalistische Bewegungen hervor. Mit anderen Worten: Es drohen Radikalisierung und Fundamentalismus; sogar Gewalt ist nicht mehr auszuschließen, schon wurden Forscher unter Polizeischutz gestellt.

Die Unübersichtlichkeit ist nicht unsere Schuld, tröstet Kuhlmann: "Künstliche Befruchtung und Transplantationsmedizin, Gendiagnostik und Gentherapie sind ohne Zweifel Innovationen, die von der Medizin weitgehend unbefragt auf den Weg gebracht wurden." An diesem Punkt stimmen wir nicht ganz zu: Denn was heißt "unbefragt", wenn im Jahr der Gen-Entzifferung plötzlich die verwegensten Wünsche nach ewigem oder wenigstens sehr langem Leben aufschießen. Vielleicht nicht bewußt - aber wirksam waren diese Hoffnungen des naturwissenschaftlichen Zeitalters schon lange und stimulierten eine nur scheinbar unbefragte Forschung.

Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung sind die Schlüsselwörter der aktuellen Diskussion, in der sich die Lager unversöhnlich gegenüberstehen. Kuhlmann erläutert: "Die Sterilitätsbehandlung mittels Laborbefruchtung hat frei verfügbare Embryonen entstehen lassen " Mit Hilfe der aus solchen "überzähligen" Embryonen gewonnenen embryonalen Stammzellen lassen sich menschliche Gewebe und vielleicht einmal ganze Organe herstellen. Das könnte in Zukunft eine Lösung des Problems der Organspenden ermöglichen und dadurch die medizinethische Diskussion um das Ende des Lebens grundlegend verändern. ... Kuhlmann weist jedoch auf die mörderische Praxis der Nationalsozialisten hin und fährt fort: "Menschliches Leben wird in 'entwicklungsfähiges' und 'überzähliges', in 'wertvolles' und 'unwertes' eingeteilt. Der 'Ausschuß' wird ohne Hemmungen wissenschaftlichen und therapeutischen Zielen nutzbar gemacht." Im Umkehrschluß werde dann gefordert: "Allem biologischen Menschenleben soll Menschenwürde zukommen "

Der Streit um den Begriff der Menschenwürde wird von Kuhlmann ausführlich dargestellt. Er kommt letztlich zu der Empfehlung, das Embryonenschutzgesetzes von 1991 mit dem Ziel zu ändern, die Forschung an embryonalen Stammzellen zu ermöglichen. Allerdings unter konsequenter staatlicher Kontrolle, wie er an dem funktionierenden Beispiel Großbritanniens darlegt. Kuhlmann selbst glaubt nicht, daß Embryonen um ihrer selbst willen unbedingten moralischen Schutz verdienen. Hier dürfte die Mehrheit der Bevölkerung seine Meinung teilen.

Der Wunsch nach mehr Gesundheit ist legitim. Dagegen wird das Forschungsziel eines fehlerfreien "Designer-Babys" und erst recht die Suche des modernen Ego nach einer perfekt geklonten Kopie seiner selbst bisher abgelehnt. Man stelle sich die Probleme eines solchen Wesens vor, das die Differenz von genetischer Identität und tatsächlich entwickelter Persönlichkeit gegenüber den Wünschen seiner Erzeuger als Versagen erleben dürfte - schlechte Bedingungen für eine autonome Lebensführung [vgl. Habermas3]. Kuhlmann entlarvt das Heilsversprechen der Hypermedizin: "All das wird dazu führen, daß Abweichungen vom Normalbefund und Normalbefinden auffälliger und aufdringlicher werden - von Makellosigkeit also keine Spur!"

Man kann allen Beteiligten die Lektüre des Buches von Andreas Kuhlmann wünschen - auch den Spezialisten, die sich ihre im Hinblick auf Medien und Wähler gestutzten Argumente aufsagen und kaum noch zuhören. Bei Kuhlmann könnten sie das nachholen, denn angesichts einer aufgeheizten Atmosphäre ist ihm etwas Seltenes gelungen: Die ebenso neutrale wie spannende Darstellung einer höchst komplexen Thematik.

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1  Gekürzte Fassung eines Radioessays im Deutschlandfunk ("Politische Literatur") vom 6. August 2001.
2  Alexander Fest Verlag, Berlin. 2001, 234 Seiten, 18,41 EUR
3  Jürgen Habermas 2001(Zitate): "Die hadernde Auseinandersetzung mit der genetisch fixierten Absicht einer dritten Person ist ohne Ausweg." "Denn die Überzeugung, dass alle Personen den gleichen normativen Status einnehmen und einander reziproksymmetrische Anerkennung schulden, geht von einer grundsätzlichen Reversibilität zwischen-menschlicher Beziehungen aus. Keiner darf vom anderen in einer prinzipiell unumkehrbaren Weise abhängig sein." "Damit sich die Person mit ihrem Leib eins fühlen kann, scheint er als naturwüchsig erfahren werden zu müssen." "Recht auf ein genetisches Erbe, in das nicht künstlich eingegriffen worden ist".

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