Polytonalität, Klarheit


F. Praetorius (1991)


STICHWORTE ZU ARTHUR HONEGGER: POLYTONALITÄT, KLARHEIT


1. Unser Beispiel:   (Notenbeispiel)

SONATINE 1932 pour Violon et Violoncelle*: sie „wäre Hausmusik, wenn sie dafür nicht recht Schwieriges verlangte. Der wohlgebildete Liebhaber mag ein wenig schockiert reagieren, wenn es im letzten Satz etwas jazzhaft zugeht.” (Hans Renner)

(gespielt 1989-1990: Elisabeth und Frank Praetorius)

Hörproben: 1. Satz Takt 39–56; 2. Satz Takt 23-33; 3. Satz Takt 62–84.

2. Historisches:

HONEGGER (1892 Le Havre-1955 Paris), ein Verehrer von BACH, einer der vielseitigsten und zugleich formstrengsten modernen Komponisten. Bekannt: Le Roi David, Johanna auf dem Scheiterhaufen, Pacific 231. Er gehört zu der Gruppe

LES SIX (1918) [1] mit D. MILHAUD, F. POULENC, G. TAILLEFERRE, G. AURIC, L. DUREY. Gemeinsames Programm ist nur die Abkehr von der Romantik, insbesondere von WAGNERs und César FRANCKs „Sauerkrautpathos” - politisch ist das 1918 zu verstehen. Musikalische Vorbilder sind HAYDN und COUPERIN. Künstlerisch formuliert JEAN COCTEAU für die Gruppe: Schluß mit den Wolken, den Wellen, den Aquarien, den Undinen und den nächtlichen Düften. Wir brauchen eine Musik, die auf der Erde steht, eine Alltagsmusik. ... eine vom Individuum abgelöste, objektive Kunst, die den Hörer bei klarem Bewusstsein lässt...

Die Groupe des Six baute im Anschluss an Strawinsky die Polytonalität zum System aus (s. Milhauds Kammersymphonien), um eine reine, unbildliche Musik im Sinne eines Neoklassizismus zu erreichen (DAHLHAUS und EGGEBRECHT). Das sind unsere


3. Musiktheoretischen Stichworte:

3.1   POLYTONALITÄT ( =  mehrere Tonarten erklingen gleichzeitig) tritt oft - wie auch in HONEGGERs Sonatine - als Bitonalität auf. Für mich als Hörer und Spieler ist es der Versuch, trotz eines völlig freien Klangbildes, das durchaus atonal = tonart-frei anmuten kann, dennoch das Prinzip der Tonalität zu erhalten. Moderne dissonante Klangtechnik wird realisiert, und wie zufällig kehrt man hin und da zu tonalen Szenen zurück. Besonders im dritten Satz unserer Sonatine wird eine für die französische Moderne typische Mischung von freien, oft schrill dissonanten Klängen und klarer Struktur und Form erreicht.

Vorläufer der modernen Polytonalität war übrigens der Orgelpunkt (frz.= pédale inférieure): gewolltes Spannungsverhältnis zwischen dem festen Ton der Bass-Stimme und den in entfernten Tonarten wandelnden Oberstimmen (vgl. den Bordun = Halteton).


3.2 NEOKLASSIZISMUS: Vermeiden des emotionalen Hochdrucks der Spätromantik und des Expressionismus, des Selbstausdrucks der Komponisten, des opulenten Orchestersatzes etc. [2], dafür Gesinnung des „Musik-Machens” (Giselher Schubert), der Überschaubarkeit. Eine geistreiche, witzige, „entbeinte” Musik (musique dépouillé - nach Erik SATIE). Man will (Ulrich Michels) durch Verfremdung und Parodie stumpf gewordene Schaffens- und Hörgewohnheiten brechen. Solche Musik mag gelegentlich unverbindlich, kühl wirken; uns hat sie bei jeder Probe elektrisiert.


* (von Elisabeth und Frank Praetorius zum 50. Geburtstag von Karl-Martin Schönhals 1991 vorgetragen)



[1] sie dominierten bis etwa 1951, als POULENC an MILHAUD von jungen Komponisten schrieb, die „oft ziemlich desorientiert zwischen Messiaen und der verspäteten Zwölftontechnik” schwankten. Doch es war der Beginn der Seriellen Musik, vor allem Pierre BOULEZ', der keineswegs desorientiert - mit anderen- das rhythmische System Messiaens mit der Zwölftonmusik zu verbinden suchte (nach Giselher SCHUBERT 1988,12.45)
[2] Gegen Dodekaphonie ist man (MILHAUD: „weil ich Systeme nicht mag”).

Ergänzt am 19.12.2007, Aktualisiert 22.12.2014

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