Schwerer Sturm vor Anker, Schnorcheltechnik, Darwin
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NAUTISCHE NACHRICHTEN DER KREUZER-ABTEILUNG (NNKA)


Januar 2006

ERFAHRUNGSSCHATZKISTE

Schwerer Sturm vor Anker

(das kann auch dem vorsichtigsten Charterer drohen)

Von Frank Praetorius


Den Chartersegler, der auf die Wetterlage achtet, wird es selten draußen erwischen, schon weil er meist küstennah segelt. Wenn ein schwerer Sturm oder gar Hurrikan angesagt ist, liegt man etwas besser in einer so genannten Hurricane-sicheren Bucht als in einer Marina.

Aber auch vor Anker kann etliches passieren. Carolyn Shearlock hat kürzlich in CRUISING WORLD 6/2005 die Folgen des Hurrikans "Marty" vom September 2003 bei Ankerliegern im "hurricane hole" Puerto Escondido (Baja California) ausgewertet. Marty brachte dort 12 Stunden lang Wind über 70 Knoten, der in der etwa 1 sm großen (½ sm breiten) und praktisch abgeschlossenen Bucht noch Wellen von 2 - 3 Meter Höhe erzeugte.

Bei im Mittel 15 m Wassertiefe (Ankergrund Schlick) waren nach dem Durchgang von Marty von insgesamt 80 Yachten 17 gesunken und viele schwer beschädigt, am schlimmsten jene, die an den Grundgeschirren eines aufgelassenen Charterstützpunktes hingen.

Ausschließlich unbesetzte Boote gingen auf Drift, schlingerten vor dem Wind mit dem gefürchteten "10-pin-effect" - also wie die Kegel beim Bowling - und beschädigten viele andere Boote. Von den 24 Yachten mit einer Besatzung an Bord ging keine verloren. 18 von ihnen nahmen an der statistischen Auswertung der Ankertechnik teil:        


 von 5 Pflugscharankern gingen 3 auf Drift, zwei davon hielten danach mit Hilfe eines Zweitankers.

 von 6 Bruce- oder M-Ankern drifteten 2, zum Halten gebracht durch „reset“ oder einen Zweitanker.

 Bei 6 von 7 Booten, die vorsorglich einen Zweitanker ausbrachten, kamen die Anker unklar!

 Von sieben bemannten Booten, die an den vorhandenen Grundgeschirren festgemacht hatten, gerieten 3 gefährlich auf Drift.

 5 Yachten hatten schwere, fast alle geringere Probleme mit schamfielenden Ankerleinen; bei einer weiteren brach ein Ruckdämpfer ohne Vorwarnung.

Diese Ergebnisse sprechen für sich. Häufig wird für solche Extremsituationen das Motoren gegenan empfohlen, um die Ankergeschirre zu entlasten. Das hat sich im Hurrikan nicht bewährt, denn nach den erreichten kurzen Entlastungen kam es zum verstärkten Einrucken mit entsprechender Materialüberlastung. Dagegen hat das Motoren als Verzweiflungsakt bei bereits driftendem Anker einigen geholfen.

(F.P.)
[2] Ideale Befestigung des von der Kette (Stopperstek) kommenden Ruckdämpfers an der Basis eines Wasserstags.

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Konsequenzen und Empfehlungen:

– An Bord zu bleiben, vorausgesetzt die Crew ist auf die Situation vorbereitet, ist für das Schiff in jedem Fall besser.

– An Moorings sollte man bei schwerem Sturm möglichst nicht festmachen. Mindestens wird man sie - wie alle anderen Ankergeschirre - vorher per Schnorchel[1] genau inspizieren. (Bei einiger Übung haben wir das noch bis 8 Beaufort bei Meltemi in der Bucht praktiziert).

– Zweitanker sollten nicht ausgebracht und wenn vorhanden eingeholt werden

– Reitgewichte bzw. Reitanker haben sich bewährt: Am besten geeignet ist ein Dinghi-Anker an einem großen Schäkel, mit einer Kette umwickelt oder mit Tauchgewichten beschwert, in Position etwa auf der Mitte von Kette/Trosse. Wo sie verwendet wurden, funktionierten sie hervorragend.

Carolyn Shearlock empfiehlt (Schiff: eine 37-Fuß "Tayana") drei 10 - 12 Meter lange 3fach geschlagene Nylon-Taue (1/2 inch Ø ), von denen eines als primärer Ruckdämpfer arbeitet, die anderen in Reserve, falls einer bricht. Auf der Kette sind alle drei mit Stoppersteks angeschlagen. Zwei werden über Lippklampen (oder Trossenklüsen) zu den beiderseitigen Decksklampen geführt. Die mittlere (dritte) Leine wird unter Schonung der Bugbeschläge an einem festen Punkt am Steven angeschlagen (bei Schiffen mit Bugspriet ideal an der Basis des Wasserstags[2]), nur ersatzweise am Ankerspill oder Babystag (falls während des Sturms an den beiden anderen Tauen Reparaturen notwendig sind). Auf jeden Fall muss eine Beschädigung der Bugplattform durch die Kette verhindert werden.

– Anti-Schamfil: Gebrauchter Feuerwehrschlauch oder verstärkte Gummischläuche. Zur Vorbereitung den Schlauch längs spalten, eine Halteleine an einer Seite anbringen. Den geschlitzten Schlauch über die Leine führen und mit Kabelband befestigen. Beim schweren Sturm die kritischen Stellen alle 15 - 30 Minuten kontrollieren; gegebenenfalls nachbessern bzw. erneuern.

– Routinemäßiges Motoren zum Entlasten der Kette wird nicht empfohlen. Nur im Falle des Driftens kann es helfen (auch beim erneuten Ankersetzen).


Und in der Marina?

In den umliegenden Marinas führte der Durchgang von Marty zu weit schlimmeren Zerstörungen. In La Paz wurden zwei Marinas praktisch zerstört, mit schwersten Schäden an über 80 Yachten. Dennoch lohnen sich allgemeine Sturmvorbereitungen auch dort. So sind extra lange Festmacherleinen (zum Teil über Bootslänge!) sehr sinnvoll, denn das Boot soll sich nicht seitwärts bewegen, vor allem aber ungehindert auf und nieder. Das geht natürlich nur in Abstimmung mit den Nachbarn. Und natürlich muss man sich überlegen, was man für den schlimmsten Fall an Hab und Gut schon vorher im Trockenen haben sollte ….

NAUTISCHE NACHRICHTEN 1/2006              WWW.KREUZER-ABTEILUNG.ORG Seite 50-51

Mexiko, mit der Baja California und der Zugbahn von Marty

Puerto Escondido liegt in der Mitte, bei dem letzten blassgelben Punkt auf der Zugbahn von Hurrikan "Marty" nach Norden.

Allgemeine Informationen über Hurricanes

In Wikipedia finden sich viele Informationen über die Hurrikans des Pazifik (jeweils Jahreszahl in der URL ändern!), ebenso für die Hurrikans des Atlantik. Leider gab es 2007 je einen viel zu frühen (Andrea ab 9. Mai) und zu späten (Olga ab 10. Dezember) Tropischen Sturm. Eine weitere Folge des des Klimawandels ...
Aktuelle Warnungen gibt es vom "National Hurricane Center"!

Eine anderen, ebenfalls ungewöhnlichen Kurs nahm Hurrikan "Lenny" auf der karibischen Seite (siehe meine Dokumentation in Virgin Gorda 1999).
In der Karibik rät Don Street (CRUISING WORLD 5/2007) von allen traditionellen Hurricane–Holes ab, weil es dort in der Hurricanesaison (ab 1.6.) von bare–boat–"bombs" wimmelt, die ja kaum jemand alle überwachen kann (ohne Vorwurf). Auch die lokalen Commercial Boats haben meist schlechtes Ankergeschirr – mit denselben Folgen. Generell empfiehlt er, mit dem Bug am Ende kleiner Buchten (creeks) voll in Mangroven hineinzufahren und sich dort festzuzurren (lieber ein paar Schrammen als Strukturschäden!).


Aus: NHC Archive of Hurricane Seasons
Zugbahnenhttp://www.nhc.noaa.gov/tracks/2006atl.gif">Hurrikan-Bahnen 2006
Zugbahnen 2006
Hurrikan-Bahnen 2007
Zugbahnen 2007

  [Nicht in 'Nautische Nachrichten':]
Kontrolle mit Schnorchel und/oder Taucherbrille[1]

Schon der historische Vorgänger der Taucherbrille war für eine ähnliche Kontrolle gedacht: Wenn der Anker festsaß, half den Seeleuten ein Holzfässchen mit Glasscheibe. Charles Darwin setzte 1836 ein solches Faß zum Studium des Korallenriffs ein - und ist insofern der Erfinder auch unseres Schnorchelvergnügens am Riff. Mit der Taucherbrille (oder dem Holzfäßchen) allein ist das natürlich nur ein Blick "von oben": Man sieht die meisten wichtigen Details, aber ohne seitlichen Blick auf die Struktur der Korallenriffe.

Etwas Tauchpraxis beim Schnorcheln    (aus "Charter Segeln" S. 191)

1. Flossen und Füße befeuchten. Spucken auf die Innenseite des Maskenglases, verreiben, ausschwenken (gegen das Beschlagen).

2. Leerblasen des Schnorchels: Nach oben gekippt auspusten, nicht abnehmen!

3. Ausblasen der Maske/Brille: eine Hand flach am oberen Maskenrand, Kopf in den Nacken. Jetzt kräftig durch die Nase auspusten: Das Wasser strömt am unteren Rand aus. Oder: Den unteren Brillenrand leicht anheben, ebenso mit der Nase ausblasen. Übrigens: Wassereintritt passiert auch durch ein zu straffes Maskenband!

4. Flossenschwimmen: Beine langgestreckt (nicht ganz, sonst Bänderüberdehnung), Hauptbewegung aus dem Hüftgelenk. Nur beim Abwärtsschlagen Kraft ausüben! Die Knie sind dabei nur leicht angewinkelt, so daß das Bein als "Gerade" empfunden wird, der Fuß bleibt gestreckt. Für längere Strecken ist es bequem und schnell, in Rückenlage die Flossen nur mit Fuß und Unterschenkel zu schlagen; das lohnt besonders beim Zurückschwimmen zur Yacht.

5. Abtauchen: Nach einigen ruhigen Atemzügen - normal einatmen* - Kinn auf die Brust - Hüfte rechtwinklig abknicken - Unter Wasser die Beine strecken und - Rasch mit den Flossen arbeiten (Luft sparen!); - Eine Hand zeigt nach unten, eine geht zur Nase zum Druckausgleich: Sofort bei 2-3 m, bei 5-6 m wiederholen.
*Tief Luft holen hieße viel Auftrieb. Damit wird zuviel Kraft zum Untenbleiben nötig, und der Sauerstoffverbrauch steigt .

aus 'Charter Segeln', S. 192

6. Auftauchen: Vorher 1x um die eigene Achse drehen, um Hindernisse an der Oberfläche nicht zu übersehen - vor allem nicht Boote mit Außenbordern!

Der Druckausgleich: Damit der Innendruck von Tauchmaske, Nase und Nebenhöhlen dem umgebenden Wasserdruck angeglichen wird:
- Zuerst Luft aus der Nase in die Maske blasen (wobei überschüssige Luft über die Maskenränder entweicht): Die Maske schneidet sonst ab etwa 5 m sehr schmerzhaft ein!
- Dann zum Druckausgleich im Mittelohr die Nase zudrücken und weiter blasen: Es muß im Ohr "knacken". So vermeidet man eine unangenehm schmerzende Vorwölbung des Trommelfells durch den Wasserdruck nach innen und - schon ab 3 m - den möglichen Trommelfellriss mit nachfolgend gefährlichen Gleichgewichtsstörungen! (Bei Schnupfen nie abtauchen!)

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