Hausmusik - noch aktuell?


Gespielt 2005-06, E. und F. Praetorius

A gli Amatori

Paganini meinte mit "Amatori" ganz wörtlich die Liebhaber der Hausmusik. Er schrieb diese Stücke technisch so einfach, dass sie auch für uns (E. und F. Praetorius) aktuell spielbar sind – anders als seine nur für Profis geeigneten Violinkonzerte oder die 24 Capriccios. Auch der Begriff des Dilettanten ("dilettante") meint ursprünglich jemanden, der aus Liebhaberei und zu seinem Vergnügen spielt.
Hauptsächlich ist wohl der Sport daran schuld, dass sich die Bedeutung der Worte verändert hat. Erst heute spricht man negativ vom Amateurhaften, vom Dilettantismus (italienisch "dilettantismo"). Das Ergebnis ist für viele leider Mutlosigkeit: So wie sich in einigen Sportarten keine Amateure mehr zur Olympiade trauen können – sie erfüllen ja die "Olympianorm" nicht – hat es sich auch in der Musik entwickelt. Wer als Jugendliche(r) gut ist, entscheidet sich für die Profi–Ausbildung – oder er lässt das Praktizieren von Musik ganz sein.
Da zudem die heute berühmten Komponisten sehr selten für Dilettanten schreiben, verschärft sich das Nachwuchs–Problem in der gesamten Hausmusik: Kaum ein Kind ist noch am Erlernen eines "klassischen" Instruments interessiert, um "bloß Bach und Beethoven zu spielen". Zunehmend erleben nur die Kinder von Profi–Musikern bei ihrem Vorbild, dass so etwas "Sinn macht". Ein Traditionsabbruch in der Hausmusik kann letztlich zum "Ende der klassischen Musik" führen – und der "modernen" dazu. Und er dürfte vermutlich irreparabel werden (weiteres siehe unten und unter "Musik machen und Hören").

AKTUELLE TEXTE ZUR LAGE DER KLASSISCHEN MUSIK

Thomas Steinfeld, Die Kunst der verlorenen Zeit. Zur Lage der klassischen Musik.
Merkur 674, 6/2005
(Setzt nicht) die klassische Musik , um halbwegs angemessen verstanden zu werden, ein technisches Wissen auch bei ihren Rezipienten voraus, im Unterschied zu allen anderen Künsten, eine Kenntnis der elementaren Strukturen, der Tonarten, Zeitmaße und wichtigsten Akkordfolgen, der Traditionen und Anforderungen? ... die leichte Verfügbarkeit von großer Meisterschaft in getreuen Aufnahmen (wurde) dem musikalischen Dilettanten und Amateur zuerst zum Hindernis und dann zur unüberwindlichen Qual.
"Vielmehr scheint die klassische Musik überhaupt aufzuhören, eine allgemeine Kunst zu sein. Falls sie das je war. Ihre Demokratisierung, die im späten 18. Jahrhundert mit dem öffentlichen Konzert begann und gut hundertfünfzig Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg, in den technischen Medien ihren Höhepunkt erlebte, ist jedenfalls an ihre Grenzen gestoßen und wird allmählich revidiert."

Seit 20 Jahren ist ein Rückgang des Klassik-Publikums festzustellen. Alarmierend ist der zunehmende Wegfall von Besuchergruppen mittleren Alters und jüngeren Senioren. Als Folge davon wird die Jugend wesentlich seltener über das Elternhaus an die Klassik herangeführt: Von den 18-24-jährigen besuchten 1993/94 noch 32% E-Musikkonzerte, 2010/11 nur noch 15%. Der Anteil der 50-64 jährigen lag fast konstant bei 35%. Die Jugendlichen besuchten Rock-/Pop-/Jazzkonzerte fast konstant zu 60% (aus "Aktuelles Kulturbarometer" 2011, und Jugend-KulturBarometer 2013).
"Die Gesellschaft spaltet sich zunehmend in die Mehrheit, die ohne Hochkultur auskommt, und eine Minderheit, die das Angebot in ihrer ganzen Breite nutzt." (R. J. Brembeck, SZ vom 26.11.05)


Richtig mag sein, dass die klassische Hausmusik sich quantitativ im Rückgang befindet. Noch 1955 ironisierte das bekannte Kabarett 'Die Amnestierten' "Der ist kein Arzt, der nie 'ne Saite strich", und Theodor W. Adorno gab 1968 für die Liebe und Fähigkeit der Ärzte zur Musik eine Begründung – doch das sind sicherlich tempi passati. Der damals schon spätromantisch überhitzte Musikmarkt wurde in den folgenden Jahrzehnten von der Popmusik abgelöst. Aber ist Pessimismus angezeigt, bloß weil der Markt für Schallplatten mit klassischer Musik anscheinend unwiderruflich zusammengebrochen ist, wie Thomas Steinfeld (siehe oben) feststellt? Noch wird Hausmusik betrieben, klassisch oder Pop oder – warum nicht – beides. Und vielleicht ist es gar nicht so wenig, denn diese Gruppen machen sich ja nicht öffentlich bemerkbar. Deshalb wird zum Trost auf unser aktuelles Beispiel verwiesen, auch wenn nur die Teilnehmer aus dem Rhein-Main-Raum wissen, wie das sich anhört.

•••  Aktuelle Themen

Über das Hören von Musik: Profis gegen Laien?

  1. "Musik ... stets mit Geräusch verbunden" (Wilhelm Busch). Wer sich Sorgen über eventuelle juristische Auseinandersetzungen macht, kann darüber aktuelles nachlesen.

  2. Eine lesenswerte Kritik an den teilweise abgehobenen sieben Hörertypen Adorno's findet sich bei Tobias Plebuch in Merkur 640, 675-687 (2002). Zwar forderte auch Milton Babbitt 1958 esoterisches Komponieren, "voluntary withdrawal from this public world", und perfektes Hören: "Ein inkorrekt gespielter oder wahrgenommener Lautstärkewert führt zur Zerstörung des dynamischen Schemas des Werkes, aber auch zur falschen Identifizierung anderer Teilmomente des Klanges ...".
    Aber die musikalische Realität sieht oft anders aus, stellt Tobias Plebuch dagegen: Selbst ein so überragender Musiker wie Arnold Schönberg mußte schockiert die Beichte eines Klarinettisten abnehmen, der ihm gestand, in einer Probe des "Pierrot lunaire" den gesamten "Mondfleck" auf der A– statt auf der B–Klarinette, also einen halben Ton zu tief, gespielt zu haben. Die Tatsache, daß der "Pierrot" keine serielle Musik ist, kann nicht darüber hinwegtrösten, daß selbst der Komponist eine so gravierende und anhaltende Abweichung vom Text überhört hatte.
    Weiterlesen? Im "Merkur" siehe oben oder in einem Interview mit Plebuch - spannend: Über Adorno und über das Musikhören!.

    Die Merkur–Herausgeber schreiben: Der in Stanford lehrende Musikwissenschaftler Tobias Plebuch erzählt die Musikgeschichte der letzten vierzig Jahre als Geschichte des Hörens, seines Hörens; daß dabei die Ideologie der (nun auch schon ziemlich alten) Neuen Musik freundlich, aber bestimmt verabschiedet wird, muß nicht überall auf Beifall stoßen (in Donaueschingen zum Beispiel), ist aber unumgänglich, soll die musikalische Moderne nicht zur komischen Sekte werden.

    Soll man nun selbst Hausmusik machen oder sich – resignierend – auf das Leben als Konzertbesucher (und CD-Hörer) beschränken? Das Problem machen Adorno und Horkheimer in der "Dialektik der Aufklärung (S. 40)" sehr anschaulich. Odysseus ließ sich bekanntlich an den Mast binden, um den gefürchteten Gesang der Sirenen hören zu können: »Das Gehörte bleibt für ihn folgenlos Die Bande, mit denen er sich unwiderruflich an die Praxis gefesselt hat, halten zugleich die Sirenen aus der Praxis fern; ihre Lockung wird zum bloßen Gegenstand der Kontemplation neutralisiert, zur Kunst. Der Gefesselte wohnt einem Konzert bei, reglos lauschend wie später die Konzertbesucher, und sein begeisterter Ruf nach Befreiung verhallt schon als Applaus. So treten Kunstgenuß und Handarbeit im Abschied von der Vorwelt auseinander.«

    In der Dialektik der Aufklärung wird die Möglichkeit von Laienmusik nicht erörtert, obwohl in der Odyssee (12.Gesang, Vers 155-200) nur vom Fesseln, nicht vom Knebeln des Odysseus die Rede ist: Er hätte den Sirenen ("Komm, besungner Odysseus ...") durchaus auch singend antworten können. Ob er – angesichts der Profi–Sirenen – etwas von Adornos Laien–Verdikt vorausahnte?
    Allerdings muss man Adorno zugute halten, dass er zwar gegen 'musikpädagogische Musik' war, aber "Pädagogische Musik, also Musik, an der man sich bildet" für legitim hielt (nicht aber das Blockflötenspiel). Bei aller Überheblichkeit – es ist seinem "konsequenten Bestehen auf hohen künstlerischen Anspruch zu danken, dass – etwa bei der Erarbeitung großer Musik durch Jugendorchester – das Gemeinschaftserlebnis seine Qualität gerade durch die Orientierung am Werk gewinnt" (Reinhard Seiffert). Übrigens, mit dem Geigen-Schulwerk von Erich und Elma Doflein habe ich die Anfänge des Violinspiels erlernt (F. P.).

  3. Was Laien möglich sein kann, mag man am Beispiel von Schuberts letztem Streichquartett nachlesen (siehe dort Adorno über Schuberts Musik - und wie man sie hört).
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Stand 22.12.2014
 
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