Medizinethik
Berlin 1968 • Friedensbewegung • ÜberdiagnostikRegularisierungMenschenrechte
Bioethik siehe 'philosophica'. Niedergang der allgemeinen Moral in der praktischen Medizin?→ siehe Textprobe

Das öffentliche "Nachdenken über Medizin" jenseits des Klinikalltags begann mit meinem Vortrag in der Berliner Kaiser–Wilhelm–Gedächtniskirche (1965). Im zweigeteilten Berlin führte das Nachdenken genau in die politische Auseinandersetzung, in meinem Fall bis zum 1. Sprecher der Assistentenschaft der Freien Universität 1965–1966 (vgl. auch 1967) Nach dem Attentat auf R. Dutschke am 11.4.1968 leitete ich am 1. Mai die medizinische Betreuung der ersten Kreuzberger Demonstration (und verließ Berlin am 1.7.68).

In den achtziger Jahren engagierten sich viele Ärzte für den Kampf gegen die weltweite atomare Bedrohung. 1985 erhielt unsere IPPNW, die "International Physicians for the Prevention of Nuclear War" den Friedensnobelpreis (damals waren wir 40.000 Mitglieder, heute über 200.000). Nach dem so genannten NATO–Doppelbeschluss und dem nachfolgenden Rückgang der Atomaufrüstung (leider zu wenig Abrüstung) verlor die Friedensbewegung der Mediziner ihren "drive" (entsprechend der Voraussage meines Essays von 1984, siehe 1.).

Nach 1984 beschäftigten mich die Themen der Medizinethik im engeren Sinn – siehe die Arbeiten 2. bis 4. unten sowie die folgenden Seiten der Homepage.

Kreuzberg, 1. Mai 1968 (dpa; taz 30.4.2008)

Die Demonstration war sehr friedlich. "Die Stimmung der Demonstranten war fast heiter, ohne jede Aggressivität."
(Frankfurter Rundschau 3.5.68)

Unser einziges ärztliches Problem war die Behandlung von Laufblasen ...



Zur Friedensbewegung: Ist der Kampf gegen Resignation und Hoffnungslosigkeit eine ärztliche Aufgabe?

1. Praetorius F:
  Am Beispiel der Mediziner:
Agonie der Friedensbewegung.



Dtsch.Ärzteblatt 81/35 1–4 (1984)  PDF   [Article in German. Abstract und Zusammenfassung]

Ferner dokumentiert in:
Frankfurter Rundschau 248 (1984), S. 10: Resignation gibt dem Undenkbaren eine Chance.
anklicken: Homepage der deutschen IPPNW

Wie andere Nichtregierungsorganisationen (non-governmental organizations: NGO) neigen die Gruppierungen der Friedensbewegung zum Vereinfachen der Argumentation. "Diese Haltung fördert jenes Symptom, das ich die Monotonisierung der Grundfragendiskussion nenne. Denn bei einer großen Zahl von Friedensbewegten besteht eigentlich kein Interesse mehr, weiterzudenken; alles ist ja gesagt und braucht nur möglichst oft wiederholt zu werden. Das mag werbetechnisch gemeint sein, hat aber die Wirkung von Gebetsmühlen."   weiterlesen ...


Der Artikel löste erwartungsgemäß eine heftige Diskussion aus, vgl. mein Schlusswort.
Vgl. auch die vorausgegangene innerärztliche Diskussion über Katastrophenmedizin und meinen Brief ("Falsche Hoffnung auf ärztliche Hilfe", 1983). 1985 schließlich konnte man die "Koalition der Augenwischer" auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs deutlicher erkennen. Dazu passt der Leserbrief zur AKW-Diskussion (2007).
Kritisch war unser offener Brief an die IPPNW nach dem 11.09.2001: Wann besteht 'Schweigepflicht für Intellektuelle' (U. Eco), wann Redepflicht?
Der Kampf gegen Resignation und Hoffnungslosigkeit bleibt eine ärztliche Aufgabe (Horst-Eberhard Richter, 14.9.08, 25.10.07).

Leiden an invasiver Diagnostik und Therapie?

2. Praetorius F:
  Überdiagnostik – Leiden durch Bilder.
Ethik Med (1990),2:56–67

[Article in German. Abstract]  PDF

Vordergründig scheint medizinische Diagnostik nur die Voraussetzungen für eine Handlungsentscheidung zu schaffen. Erst wenn die Diagnose vorliegt, kommen für viele die entscheidenden ethischen Fragen: ist überhaupt eine eingreifende ärztliche Therapie erforderlich; welches therapeutische Handeln kann dem Patienten zugemutet werden, und auch: wie kann er in die Lage versetzt werden, im Sinne des informed consent mitzuentscheiden? Nach dieser weit verbreiteten Auffassung wäre es vertretbar, sich in der Diagnostik auf die juristisch zwingende Aufklärung über die Risiken der Untersuchung und das Prinzip des nil nocere zu beschränken. Dementsprechend könnte es genügen, während der Diagnostik einer malignen Erkrankung - noch ist sie ja nicht "sicher" - eher im Sinne eines milden Paternalismus [19] auf den Patienten einzuwirken, d.h. in der Praxis die Zustimmung zur jeweiligen Untersuchung durch Überredung zu erreichen.
Diese Form der Verdinglichung des Patienten wird - überraschend - durch Thure v. Uexküll unterstützt, der in seinem monistischen Kreismodell die somatischen Diagnostikverfahren degradierend als "stereotype Programme" einstuft. Zur Kritik der Theorie v. Uexkülls siehe Seite 60-62 der Arbeit.
Siehe auch die Textprobe 'Philosophie und Praxis' in "Minima philosophica"

3. Praetorius F:
  Selbstbegrenzung als Modell? Ethische Konsequenzen einer Qualitätskontrolle der Ballonangioplastie (Percutane Transluminäre Coronare Angioplastie, PTCA)*.
Ethik Med (1999) 11:89–102    PDF

Zusammenfassung [Article in German. Abstract, Preview]

* heute "PCI" = percutane Coronar-Intervention. Vgl. die Darstellung einer eigenen PCI (PTCA) in Offenbach,

Kritik 1: [Zitat] »... zunehmende Unsicherheit über den Vorrang entweder modernster medikamentöser Therapie (vor allem der "aggressiven" Cholesterinsenkung) oder invasiver ("mechanischer") Kardiologie in Form der PTCA.«

2007 zeigt das COURAGE Trial: Kein Unterschied. Und die Druckdrahttechnik (FAME study 2009) begrenzt die angiographische indizierte PCI und klärt die Differential-Indikation 'Stent vs medikamentöse Therapie'.
Kritik 2: Ist die PCI für den Patienten besser als der Bypass? Keineswegs! Seit dem 16. März 2015 ist eine Differenzierung zwingend (siehe → →)

    Steigende Zahl der Ballonerweiterungen (PCI, PTCA) 1996 bis 2002. www.bruckenberger.de/pdf/kardio01_2005.pdf (dort S. 10).
    Die Zahl der PCI stieg weiter: 2010 waren es 338.744, 2013 342.749. Der Kardiochirurg Mohr stellte fest, »dass in Deutschland zum Nachteil der Patienten zu häufig die Entscheidung für einen Stent statt für die Bypass-Operation getroffen wird«, obgleich bei Mehrgefäßerkrankung die Mortalität nach 4 Jahren 3 Mal so hoch ist! (2011). Seit dem 16.03.2015 gilt das auch für die modernsten Everolimus–Stents.
Aus Kritik 1 und 2 ergibt sich:
Kritik 3: Ist die primäre invasive Koronarangiographie außer beim akuten Koronarsyndrom noch gerechtfertigt? Sollte sie durch PET/CT-Technik ersetzt werden?

Zur Geschichte der perkutanen Koronarintervention:
Die Erstvorstellung seiner Experimente ('Hundeposter') durch Andreas Grüntzig (1939-1985) in Miami blieb unbeachtet. 1976 staunten wir in Bad Nauheim über seine tierexperimentellen Voruntersuchungen. 1977 begann der Siegeszug der Ballonerweiterungen und Gefäßstützen (der "Stents"), der nach 1996 zunehmend kritisch gesehen wurde (siehe Abbildung).

Eine kritische Darstellung der Zusammenhänge von Ethik und Ökonomie gibt Siegmund Drexler (früher Oberarzt bei F. Praetorius) in FAZ 2007, 194, N2: Ärztlicher Rohrreinigungsdienst. Ethik und Monetik in der Kardiologie.
»Es gibt keinen objektiven tatsächlichen medizinischen Bedarf. Er ist weithin ein Kampfbegriff, um je nach Interessenlage einen Fehlbedarf oder einen Überhang zu begründen.« (Ernst Bruckenberger, intervention lab 05.2011:17). Bruckenberger kritisiert korrekt, aus einer modernen nominalistischen Position.



Leiden durch Über–Regulierung? Hilft das "Futility"–Konzept?


4. Praetorius F, Sahm S:
    Ethische Aspekte der Regularisierung ärztlichen Handelns
Ethik Med (2001) 13:221–242  PDF  

[Article in German. Abstract and Preview. Zusammenfassung]

Leseproben siehe in 'Minima philosophica (u. a. zur 'Allokationsethik')'



Unbehandeltes Leiden in der "Dritten Welt" - wer verantwortet die medizinische Unterversorgung?

Der Ethiker Thomas Pogge sieht die Veränderung der globalen Ressourcenverteilung als zwingende Pflicht der Reichen dieser Welt:

»Die Mitwirkung beim Aufstellen gesellschaftlicher Regeln begründet einen Verstoß gegen die Menschenrechte -

  • nur dann, wenn diese Regeln vorhersehbar und vermeidbar den Menschen den sicheren Zugang zum eigentlichen Gegenstand ihrer Menschenrechte vorenthalten -
  • nur wenn diejenigen, welche die Regeln aufstellen, vernünftigerweise wissen konnten und sollten, dass diese Regeln bei der Realisierung der Menschenrechte versagen,
  • wenn sie wissen konnten und sollten, dass es realisierbare und praktikable Reformen dieser Regelvorschriften gibt, durch welche ein substanzieller Teil der bestehenden Mängel vermieden werden kann.

  • Ich glaube, dass diese Bedingung in der heutigen Welt erfüllt wird.«*
              Pogge TW: Human Rights And Global Health. A Research Program. METAPHILOSOPHY 36, 1/2, 2005. (Dtsch.: F. Praetorius)

    Der Züricher Ethiker Peter Schaber empfiehlt, vor der Diagnose einer Menschenrechtsverletzung ("was ja doch ein schwerer Vorwurf ist") zu klären, ob es sich um eine direkte Verursachung handelt – oder vielmehr um Ermöglichungsbedingungen von Missständen, mit einer weniger schwerwiegenden moralischen Bewertung als bei Pogge. Im Falle der globalen ökonomischen Ordnung mit ihren Folgen für die Dritte Welt kann man wohl kaum von einer direkten Verursachung sprechen. Bei der Planung und Durchführung von ethisch nicht zulässigen Pharmastudien an der Bevölkerung solcher Länder scheint mir jedoch die Diagnose "Menschenrechtsverletzung" unmittelbar zuzutreffen (siehe folgenden Absatz "aktuell: 2009").

    * Mehr über Globalisierte Forschung, Export des Risikos: Ethisch problematische Studien, die in reicheren Ländern nicht erlaubt würden, werden zunehmend in der dritten Welt und in osteuropäischen Ländern durchgeführt (New England Journal of Med. Nr. 8/Februar 2009)

    * 2008 kam es zur 'Wiederkehr der Brotrevolten' (Haiti, Indonesien etc.), verursacht durch den drastischen Anstieg der Getreidepreise - laut FAO 57 % seit März 2007 -, vor allem durch die Nachfrage nach Bioethanol ('Biosprit'). Gordon Brown forderte von der G8: "The international community needs a fully co-ordinated response" - nicht nur "spontane" Nahrungsmittel-Nothilfe!
    Nach Thomas Pogge (2014) waren die Hungerzahlen seit 1990 gestiegen, "sinken" aber seit 2012: Durch eine Manipulation der Statistiken durch die Welternährungsorganisation (FAO), die einfach einen niedrigeren Kalorienbedarf der Menschen in Entwicklungsländern zugrunde legte! (FR 11.10.2014). Laut FAO 2014 ist die Zahl seit 1990 um 170 Millionen Menschen zurückgegangen - es bleiben immer noch 1.842 Millionen Hungernde.
    Brotrevolten (food riots) bildeten sich als so genannte Subsistenzproteste bereits in den 1790er Jahren in Deutschland heraus (vgl. Seite 85 der Familienhistorie Praetorius).

    Zur Vorgeschichte der 'Kosten der Moderne' vgl. meinen Essay "Kurs West" (1992) [Leseproben].

    Zuletzt aktualisiert am 13.07.2015

    Liste weiterer Veröffentlichungen unter Publikationen.

     
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