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Forum Vormärz Forschung / Jahrbuch 2001, 7. Jahrgang

Theaterverhältnisse im Vormärz

von Hans P Bayerdörfer (Autor), Wolfgang Beutin (Autor), Michaela Giesing (Autor), Petra Hartmann (Autor), Bernd Kortländer (Autor), Birgit Pargner (Autor), Ekkehard Pluta (Autor), Frieder Reininghaus (Autor), Jörg Wiesel (Autor), Harald Zielske (Autor), Maria Porrmann (Herausgeber), Florian Vassen (Herausgeber), Forum Vormärz Forschung e.V. (Herausgeber)

AISTHESIS VERLAG (Februar 2002) 380 Seiten ISBN-10: 3895283509 ISBN-13: 978-3895283505

 

Theaterverhältnisse im Vormärz - ein „versunkener Kontinent“?

Die Verhältnisse waren nicht so.* Büchner und Grabbe schrieben Dramen, die für uns zur ästhetischen Moderne gehören, damals aber nicht gespielt wurden. Beide waren „Außenseiter“ wie auch Grillparzer und Kleist[1]. Die erfolgreichen Autoren des Vormärz suchten in Deutschland nicht mehr jenes Publikum mit den versinkenden Vorbildern der philosophischen und literarischen Aufklärung – Kant! Schiller! Kleist! Heine! -, das es nur noch in begrenzten Zirkeln gab. Der Unterhaltungsaspekt dominierte, man suchte „Events“ und fand sie im Musiktheater, in Ballett, Singspiel, Vaudeville und Volkstücken.

„Die Theaterverhältnisse“ befanden sich im Umbruch, schreiben M. Porrmann und F. Vaßen in ihrer Übersicht zum Theaterband des „Forum Vormärz Forschung“ (FVF) von 2001. Die zahlreichen „Reisenden Gesellschaften“ als dritte Form der „Theatermanie“ werden dort mehr am Rande gestreift; sie dienten der Versorgung der Provinz. Nicht nur im Buchtitel konkurriert hier ein 150 Jahre älteres Werk: Der spätere Hoftheaterdirektor Julius Steiner war mit seinem Wanderweg durch Deutschland - vom ersten Engagement bei einer Reisetruppe am Niederrhein bis zum Regisseur und Theaterdirektor in Lübeck - ein Zeitzeuge des Vormärz [2]. Sein praxisnahes Buch „Zur Reorganisation der Theater–Verhältnisse“ (Hampe, Bremen 1849) beruht auf diesen Erfahrungen, einschließlich seiner Freundschaft mit Eduard Devrient – und hilft so beim Einstieg in den „versunkenen Kontinent“ des Vormärz, wie ihn Bernd Kortländer nennt (S. 210).


Erst langsam begannen „moderne“ Wirtschaft und Bürgertum sich gegen eine höfische Politik zu formieren, welche die „ideologisch und ästhetisch erstarrten Hoftheater“ bevorzugte und das Aufschießen der Stadttheater - 1836-40 von ca. 50 auf 100 in Deutschland - mißtrauisch beobachtete. Im Vormärzbuch wird auch der Zusammenhang zwischen den Theaterverhältnissen und den politischen Gründen anschaulich, die „1848“ scheitern ließen: Die Revolution „blieb stecken, weil – neben anderem – die Sorge vor einem Aufstand der Massen das Bürgertum an den Staat zurückverwies“ (Reinhart Koselleck, zit. S. 37). Es kam zum „Bildungstheater“, in welchem massive Bevormundung von und Anpassung nach oben gegen die staatsgefährdende „Notlage der unteren Klassen“ halfen, beim „Ausschluß der Nichtbürger – Arbeiter, Frauen, Fremde, Ungläubige“ (Jörg Wiesel, S. 37). Nach Heinrich Theodor Rötscher’s Konzept trat Bildung „damit an die Stelle einer parlamentarischen Demokratie“ (J. Wiesel, S.27); Eduard Devrient (1849) sah zwar für sein Nationaltheater freie Wahlen zur „künstlerischen Selbstregierung“ vor, zugleich aber sollte es als „Opposition gegen das wandelbare Urteil der Massen“ wirken (S. 39).

Wer sich für den Vormärz interessiert und wissen möchte, warum noch heute so viele Bildungsbürger das Theaterpublikum dominieren und weder die Theaterbesucher aus niedrigeren Klassen noch die Stücke für sie goutieren, wird dieses Buch mit Spannung und Gewinn lesen.

Dr. Frank Praetorius
(2. März 2009)
[... auch bei amazon]

[1] 1830 schrieb Grabbe an Kettembeil: "Die jetzige Bühne verdient´s nicht - Lumpenhunde sind ihr willkommen, dafür soll sie aber wieder zu den Dichtern kommen."
[2] Clemens Alexander Wimmer: Aus den Memoiren des Theaterdirektors Julius Steiner (1816-89). Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins XXXV (1986), 45-69. Als Download: Teil II: Schauspielkarriere 1842-49 (http://www.frank-praetorius.gmxhome.de/download/steiner-memoiren.pdf).
Originaltext der „Theater-Verhältnisse“: https://archive.org/stream/zurreorganisatio00steiuoft#page/6/mode/2up.

*  Nach B. Brecht, 'Erstes Dreigroschen–Finale': "Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so".




Korrespondenzen: Theater – Ästhetik – Pädagogik

Florian Vaßen (Herausgeber)

Schibri-Verlag Berlin-Milow-Strasburg (2010) 256 Seiten ISBN-10: 978 3 86863 030 5


Korrespondenzen - Zeitschrift für Theaterpädagogik, 26. Jahrgang, Heft 57 (2010):81-82.

 

Theater - Ästhetik - Pädagogik

Durch badische Landstädte tingelten nach dem Zweiten Weltkrieg Wandertheater, die auf improvisierten "volksnahen" Bühnen klassisches Schauspiel und Unterhaltung - oft Operette - darboten. Die großen Stadttheater waren zerbombt oder außer Betrieb. Zu filmen gab es wenig, Fernseh-Engagements noch lange nicht. Erstklassige Schauspieler gingen dorthin, wo die Naturalienwährung mehr lockte als wertloses Geld. Wir Schüler fanden es toll, und die "Unterländer Volksbühne" wurde zum Vorbild vieler Laienspielgruppen - die nicht selten unter professioneller Anleitung agierten.

   Niemand sprach mit uns über das, was in den 12 Jahren davor geschehen war. So spielten wir sehr motiviert nach dem alten Modell "eines literarisch dominierten dramatischen Theaters, das auch von Kindern und Jugendlichen nachgeahmt werden soll", wie es Hans-Thies Lehmann in dem von Florian Vaßen herausgegebenen Band "Korrespondenzen" kritisch darstellt. Erst 1967 vernahmen wir, längst in anderen Berufen, vom "Muff unter den Talaren" und der Möglichkeit, wesentliche Ereignisse, auch sehr Persönliches, "mit dem darstellenden Vorführen und Aufführen in Ritual und Performance" spielend auszudrücken - statt es in ausformulierte Texte zu pressen und dem Publikum "als Werk zu servieren" (Lehmann).

   In "Korrespondenzen" werden Theaterformen vorgestellt, die nicht nach der Unterscheidung von Theaterpädagogik und Theater als Kunstform fragen. Beispiele sind Theater mit Kindern und Jugendlichen in Entwicklungsländern wie das Teatro Trono in Bolivien, das Theatre for Development im Gesundheitsbereich, die Jugendgruppe des Nationaltheaters Ghana (Autor: Klaus Hoffmann); ebenso das Projekt Perspektive Hamburg (Ute Pinkert), das Einsiedler Welttheater (ein Community Theatre: Manfred Schewe) und das professionelle Kinder- und Jugendlichentheater GRIPS in Berlin (Gerhard Fischer).

   "Stop Teaching! [...] Was könnte Lernen im Theater bedeuten, wenn der Anspruch auf Belehrung einmal ausgesetzt wird? [...] vielleicht nicht in erster Linie Urteilen lernen, sondern zuallererst Wahrnehmen lernen und reflektiertes Verhalten [...]", so Patrick Primavesi über "Theater der Verunsicherung", mit






einer eindrucksvollen Beschreibung der Inszenierung Tim Etchells mit dem Kindertheater in Gent: "That Night follows day" (Auschnitte in YouTube).

   Die überwältigende Präsenz der Medien hat fast jede Motivation zum Darstellen zugunsten des passiven Konsums erstickt. Als Gegenbewegung entsteht ein "Verlangen nach Gegenwartserfah-rung", in der Kunst als Wirklichkeitshunger (Ingrid Hentschel). Wir "scheinen die Kunst [...] zu brauchen, um uns das Leben nahe zu bringen", Theater kann spürbare Gegenwart sein (Martin Seel). Hentschel sieht den Einzug des Alltagslebens auf die Bühnen, nennt aber andererseits die Gefahren von reinem "Wirklichkeits- und Doku-Theater": Die Beschränkung der Phantasie auf das real Machbare, soziale Plastik statt spielerischer Entwürfe, Vergnügen an Selbstdarstellung statt Spielfreude bzw. eher Selbstinszenierung als Gemeinschaftserfahrung. Angesichts der Elogen auf Nicht-Professionelles in anderen Abschnitten des Buches ist diese kritische Haltung beruhigend.

   Florian Vaßen findet in einem lesenswerten Beitrag neue Perspektiven für den theatralen Arbeitsprozeß. Ausgehend von Differenzierungen Walter Benjamins - "Lernen und Üben" - wird die "Auflösung von intentionalem Handeln" zum Kern des Übens, mit der "Paradoxie, dass Selbst-Beherrschung Kontrollverlust voraussetzt" (veranschaulicht an Benjamins Figur des Jongleurs Rastelli¹). Auch Vaßen sieht eine Tendenz zu Performativen Verfahren, durch welche die Orientierung am Sinn und die Reduktion auf vorgegebene Lernvorgänge und ‚Kompetenzen' in den Hintergrund treten, zugunsten ihrer Materialität und Prozesshaftigkeit.

   Professionelle Artistik ist immer in Gefahr, in Ästhetik zu erstarren. Selbst brilliante revolutionäre Stücke erleiden das Schicksal, nur noch mit ihrer Virtuosität zu amüsieren: Ästhetik statt Leben, manchmal einfach Langeweile. In "That Night follows day" hingegen wird es spannend für beide Seiten, wenn im Sprechakt des Verneinens und Verbietens die "bloß zitierende Wiederholung bereits umschlägt in die Manifestation eines Widerstandes der Kinder gegen die Autorität der Eltern" (P. Primavesi).

   Wir Schüler der Nachkriegszeit jubelten, wenn die "Unterländer Volksbühne" auf ihrem Thespiskarren (siehe Bild) in unsere Städtchen kam. Heute konfrontiert sie im Projekt Premierenklassen die Schüler hautnah mit der Probenarbeit, und diese werden "selbst kreativ tätig, indem sie parallel zur Produktionsphase ein eigenes künstlerisches Projekt im Klassenverband verwirklichen." Beneidenswert: Premierenklassen gibt es inzwischen an zahlreichen Bühnen.

Frank Praetorius
[vgl. »Theater als spürbare Gegenwart« bei amazon]


Stand 27.12.2014
¹ Vergl. Zitat "Motorische Intelligenz"

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