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Leserbrief zu: "Scheinheilig" (Dr. Bernd Hontschik, FR-Wissen und Bildung vom 12. April 2008)

Frankfurter Rundschau, Sonnabend, 19. April 2008

Scheinheiligkeit auf allen Seiten?

Dr. Hontschik setzt in seiner Schlussfolgerung voraus, dass zu einem wesentlichen Teil "Medizin zu einem Geschäft verkommen" ist und weiter zu verkommen droht. Für ihn gilt "Caritas war gestern, heute herrscht Konkurrenz."

   Er hat nicht Unrecht. Beispielsweise hat die Deutsche Bank erkannt, dass die Ärzte "durch den Strukturwandel im Gesundheitswesen immer mehr zu Unternehmern" werden, und will deshalb ihre Kundenzahl "in diesem Segment in den nächsten fünf Jahren von derzeit 30.000 verdoppeln" (Cristof Reiser, Leiter Business Banking 13.1.2008). Dennoch bleiben Fragen:

   1. War gestern wirklich "Caritas"?

   2. War nur gestern "Ethik in der Medizin" und kein Primat des Geschäftes?

   3. Haben die Ärzte mit "Geschäften" angefangen oder hat die Gesundheitspolitik die Ärzte auf diesen Weg gebracht?

   4. Wer hat wen auf den Weg zum Geschäftsdenken gezwungen: die Politik die Ärzte oder die Ärzte die Gesundheitspolitik.

   5.  Sind "Geschäfte" grundsätzlich etwas "Verkommenes" und "Caritas" das Gegenteil von "Konkurrenz"?

   Scheinheiligkeit auf allen Seiten? Die Fragen sind durchaus ernst gemeint.


Dr. Frank Praetorius, Chefarzt i. R., Offenbach




Leserbrief zu: Mafiöse Beziehung - Marburger Bund greift im Ärztestreik Verdi an (FR Nachrichten vom 2. August 2006)

Frankfurter Rundschau, Freitag, 4. August 2006

Partner der Zukunft¹

Der Marburger Bund wehrt sich. "Die Gewerkschaft der Kulissenschieber kann doch nicht für die Schauspieler die Tarife aushandeln." Das klingt einleuchtend - allerdings nicht nett über die Pflegedienste. Doch der Satz geht an einer zentralen Tatsache vorbei, die beide Seiten bisher nicht offen diskutieren: Nach der aktuellen Gesundheitsreform - wie immer sie in anderen Fragen ausgeht - werden die Grenzen zwischen der ambulanten und der Krankenhaus-Medizin ihre Bedeutung weiter verlieren. Die Ärzte werden zugleich in der Klinik und in der Praxis arbeiten, so wie es fast im gesamten westlichen Ausland üblich ist. Schon aus strukturellen Gründen kann deshalb Ver.di nicht mehr Verhandlungspartner sein, sondern eher die Krankenkassen  (oder die neuen "Gesundheitsfonds")

bzw. die Kassenärztlichen Vereinigungen. Der Marburger Bund verließ den Ver.di-Verband im Herbst 2005 - und erlebte in den folgenden Wochen eine beispiellose Beitrittswelle (von 81.000 auf 96.000 Mitglieder). Offensichtlich war diese Scheidung nicht nur tariflich, sondern strukturell weise. Die Krankenschwestern und -Pfleger sehen einer ähnlichen Entwicklung entgegen. Immer weniger Betten in den Krankenhäusern und der steigende Seniorenanteil "draußen" führen zu einer Explosion der privaten ambulanten Pflegeeinrichtungen - nichts für Ver.di

DR. MED. FRANK PRAETORIUS
OFFENBACH
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¹ meine Überschrift war: "Enttäuschte Liebe - Ver.di als Ex-Partner"
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Stand 27.12.2014