[ Homepage ] [ Zurück ]  

B‑2746 (6) Dt. Ärztebl. 88, Heft 48, 28. November 1991


MULTIPLE‑CHOICE

 

Zu dem Kurzbericht "Multiple-choice-­Prüfung ist besser als ihr Ruf" von Prof. Dr. Vogt, Prof. Dr. Wagener und Prof. Dr. Neumeier in Heft 43/1991 und zu den dazu veröffentlichten Leserbriefen:

Stadium der Polemik

 

Die Diskussion um die Multiple­-choice‑Prüfung ist leider in das Stadium der Polemik eingetreten. In diesen Sog geraten auch veritable Sachverständige des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP), im vorliegenden Fall drei bekannte Laboratoriumsmediziner.

   Für das Institut ist die Stimmungslage seit dem im Deutschen Ärzteblatt (Heft 20/1991) veröffentlichten Beschluß, „ . . . die Multiple-Choice-Prüfungen als prägenden Bestandteil ärztlicher Staatsexamina abzuschaffen", nicht mehr sehr günstig. Diese prekäre Situation erklärt vielleicht wissenschaftlich problematische Schnellschüsse à la Palmström: "Das kann aufgrund der Definition der Notenstufen nicht sein" ‑ gemeint ist die Tatsache, daß die klinisch‑mündlichen Prüfer 1990 zu besseren Ergebnissen als der gleichzeitige MC kamen. Und gleich weiter: "Wir glauben, daß hiermit klar gezeigt ist, daß die mündlichen Noten ... deutlich positiv überschätzen." Das ist etwa so stringent wie die Behauptung, der Prozentsatz der Kirchensteuerzahler beweise geringe Glaubensqualität.

   Aus dem Vergleich der Prüfungsarten könnte ebenso abgeleitet werden, daß die von den Fakultäten kontrollierten Prüfungskommissionen aus erfahrenen Klinikern und Laborärzten offenbar mehr Wert auf Praxisnähe legen. Und dabei zu dem Ergebnis kommen, daß dieser wichtige Teil der Prüfung anders zu bewerten ist als die MC‑Inhalte. Letztere werden übrigens durchaus häufiger von Klinikern ‑ oft freilich mit steigendem Unmut – zur Kenntnis genommen, als die IMPP-Sachverständigen in ihrem Beitrag zu wissen behaupten.

   Sicherlich werden auch in mündlichen Prüfungen "Fragen mangelhaft formuliert“. Aber bei Anwesenheit von je drei weiteren Prüfern und Studenten besteht hier eine kommunikative Korrekturchance ‑ anders als in der strikten Isolierung des Ankreuzens oder der computer-strukturierten Auswertung des MC‑Verfahrens. Mündliche Prüfungen seien "nicht in der Öffentlichkeit“? Eine praktisch unrichtige und in der Prüfungsordnung nicht belegbare Behauptung, deren polemischer Gehalt unfreiwillig genau die verteidigte Methode charakterisiert.

   Man bedauert: "Bei der schriftlichen Prüfung hingegen fühlt sich eine ganze Nation zur Diskussion aufgerufen." Abgesehen davon, daß ein Volk von potentiellen Patienten dazu ein gutes Recht hätte, ist mit "Nation" wohl der Deutsche Ärztetag gemeint, der den obengenannten Beschluß im Mai 1991 gefaßt hat. Die Labormediziner gönnen sich abschließend eine weitere statistische (wissenschaftliche?) Aussage: "Aber sicherlich sind mehr als 99 Prozent der Fragen sinnvoll, angemessen und relevant." Man muß schon Politiker fragen, wo es zuletzt solche Resultate gab ...


Dr. Frank Praetorius, Städtische Kliniken Offenbach/Main, Starkenburgring 66, W‑6050 Offenbach/M.

 


Dazu ein Briefwechsel mit Prof. Dr. Gotthard Schettler, früher Ordinarius für Innere Medizin in Berlin und Heidelberg, Lehrbuch der Inneren Medizin in zahlreichen Auflagen.


Herrn
Prof. Dr. med. Gotthart Schettler
Bergheimer Straße 58
6900 Heidelberg

Dr. Praetorius/MT     30.10.1991


Betr.: Ihre Rede auf dem Deutschen Ärztetag

Sehr verehrter Professor Schettler,

vielleicht werden Sie sich an gemeinsame Erlebnisse in Südamerika und Ihren konsiliarischen Besuch in unserer Offenbacher Intensivstation (1975) erinnern.

Mit großer Zustimmung habe, ich (im DÄ) den Bericht über Ihre Rede und den nachfolgenden Beschluß des Deutschen Ärztetages zur Multiple-Choice-Prüfung gelesen. Die jetzige Reaktion einiger Theoretiker [1] hat mich veranlaßt, die beiliegende Stellungnahme an das Deutsche Ärzteblatt zu senden. Ich hoffe natürlich, daß Sie ihrem Inhalt zustimmen können!

Mit der Hoffnung auf noch viele Zeichen Ihrer Aktivität für unseren Beruf und den besten Wünschen für Sie persönlich verbleibe ich

Ihr


-----------------------------------------------------------------------------------------------------------

Prof. Dr Dres. h. c. G. Schettler

em. o. Professor für Innere Medizin

6900 Heidelberg, den 05.11.91

Ludolf‑Krehl‑Klinik

Bergheimer Straße 58

 

06221/56‑8830

 

Herrn Chefarzt

Dr. med. F. Praetorius

Städtische Kliniken

Postfach 10 19 64

6050 Offenbach/M.



Lieber Herr Praetorius,

vielen Dank für Ihren freundlichen Brief. Natürlich erinnere ich mich noch gerne an unsere gemeinsamen Erlebnisse in Südamerika und auch an den konsiliarischen Besuch auf Ihrer Intensivstation. Ich glaube, ich hatte ein prominentes Mitglied einer Sinti‑Familie zu besuchen.

Ich hoffe, es geht Ihnen gut, und bedanke mich sehr für Ihre engagierte Zuschrift. Die Herren Vogt, Wagener und Neumeier hatten sich auch an mich gewandt, und ich hatte ihnen eine entsprechende Antwort gegeben. Es ist eigentlich schon grotesk, daß ausgerechnet die Labormediziner in dieser Angelegenheit das Sagen haben und uns das Fürchten lehren wollen. Ich habe mir die Fragenkataloge der letzten Jahre noch einmal durchgesehen, die wirklich ganz grotesk sind. So ist Ihre Zuschrift zweifellos angebracht gewesen. Es wundert mich nur, daß diese drei Herren sich über die mündliche Prüfung äußern, die sie offenbar nie in ausreichendem Maße durchgeführt haben.

Alle guten Wünsche und freundliche Grüße

Ihr
Prof. Dr. G. Schettler
[1917-1996]

N/Prof. Dr. E. Doppelfeld, Deutsches Ärzteblatt, Köln



[1] Multiple-choice-­Prüfung ist besser als ihr Ruf. (W. Vogt, C. Wagener und D. Neumeier.- Dtsch. Ärztbl. 43/91, B-2398-2399)

Seitenanfang
Stand 26.12.2014