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Offenbach–Post, 17. Juli 2007

"Auf lange Sicht sind Betreiberfehler mit weniger Glück weitaus wahrscheinlicher"

Zu den Pannen und Kommunikationsproblemen im Atomkraftwerk Krümmel sowie Stellungnahmen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heißt es:

"Die schleswig-holsteinische Atomaufsicht wirft dem Betreiber des AKW Krümmel schlicht Inkompetenz vor. So habe zum Zeitpunkt des Brandes Ende Juni in Krümmel 'ein unglaubliches Gewusel stattgefunden' - wovon wir erst jetzt hören. Schon bei der Wasserstoffexplosion in Brunsbüttel im Jahre 2001 ging man wochenlang den Hinweisen auf einen Störfall nicht nach.

Am 11. Juli verbreiteten die Nachrichtenagenturen die Stellungnahme von Bundeskanzlerin Merkel: 'Mich ärgert es schon …, wenn solche Vorschriften im Alltag dann doch nicht so eingehalten werden.' Zugleich ist sie 'der Meinung, dass bei den sicheren Kernkraftwerken die Laufzeitbeschränkung ein Problem ist.'

'Sichere Kraftwerke', also nicht die altersschwachen wie das seit 30 Jahren laufende in Biblis. Davon mag die Physikerin und Kanzlerin mehr verstehen als die meisten von uns. Zu Recht ist sie über menschliches Versagen erbost, vergisst aber, dass dieser Faktor wenig mit 'Laufzeiten' zu tun hat, sondern wohl leider ewig–menschlich ist. Was nutzt es uns Bewohnern des Rhein–Main–Raumes, wenn es in Biblis eines Tages zur Kernschmelze kommt und das im politischen Nachhinein 'nur' menschliches Versagen war? Auf lange Sicht sind Betreiberfehler mit weniger Glück als bisher weitaus wahrscheinlicher als jeder Schutz durch eine optimal verbesserte Technik. Nein, es muss beim Ausstieg aus der Kernenergie bleiben!"

Dr. med. Frank Praetorius,
Internist und Kardiologe,
Mitglied der "Internationalen Ärzte für die
Verhütung des Atomkrieges"; Offenbach

[vgl. Restlaufzeiten Stand 2014!]

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Offenbach–Post, 2. Juni 2007

Ohnesorg – Tod: Studenten
wurden grob verunglimpft

Zum Bericht über den 40. Jahrestag der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration in Berlin:

"Die Analyse in Ihrer Zeitung über die Ereignisse vom 2. Juni 1967 in Berlin Charlottenburg kann ich als Zeitzeuge bestätigen. In der Tat war die Atmosphäre in der Stadt seit Jahren vergiftet, was mir als gewähltem Sprecher der Assistentenschaft der Freien Universität schon 1966 hautnah begegnete.

Als Ärzte des Klinikums der Universität (damals in der Nähe der Deutschen Oper gelegen) sprachen wir am 3. Juni über das Verhalten einiger Kollegen: Sie hatten in der Nacht eingelieferte Studenten grob

verunglimpft, weil einflussreiche Medien sie schon zuvor einseitig beeinflusst hatten.

Ein Oberarzt der Klinik bereute später seine Aufforderung, wir sollten 'unsere Freunde (die Studenten) gebündelt über die Mauer werfen'. Glücklicherweise haben die West–Berliner einschließlich ihres Oberbürgermeisters später aus jenen 'Verdrehungen der Tatsachen' (wie Sie schreiben) gelernt."

Dr. med. Frank Praetorius,
Offenbach

4 Monate vorher: Laut "Tagesspiegel" vom 3.2.1967 hat sich der für die Polizei zuständige Senatsrat Prill öffentlich zu folgender Äußerung bekannt: "Die wilden Demonstranten sollen ruhig kommen, die kriegen eines mit dem Knüppel auf den Hut. Das ist gleich ein gutes Übungsfeld für unsere Polizei."

Auch die Enttarnung von Kurras als Stasi-Spitzel (2009) kann nicht von der brutal geplanten West-Berliner Aktion ablenken. Karl Heinz Bohrer kritisierte den Polizeieinsatz scharf (FAZ 12.7.1967): Die Polizei habe "...ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung, einer Brutalität Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde… Dieselbe Polizei, die am Nachmittag einer [...] persischen Prügelgarde zusah, wie sie mit Latten und Totschlägern deutsche Demonstranten anging, sah am gleichen Abend offensichtlich die Stunde gekommen, ihr Mütchen an jenen zu kühlen, die nicht aufhören wollten, den hohen Staatsgästen ihre unroyalistischen Ansichten zu zeigen. Was der Einsatzleiter befohlen hatte, kommt dem gleich, in einem Kino ein Feuer anzuzünden und die Ausgänge zu verschließen."
Der Polizeipräsident bestätigte diese Taktik auf seine Weise: "Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in der Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzen."


Zur 'vergifteten Atmosphäre'

20.11.1967: Brief an den Rektor der Cäcilien–Grundschule (1-Berlin-31, Nikolsburger Platz)

Sehr geehrter Herr Hirschmann !

Am Abend des 17.11.1967 war ich Gast einer Veranstaltung Ihrer Schule und der meines Kindes Gerd Jochen. Von Schülern und Schülerinnen der 6. Klasse wurde ein Stück mit Vorspiel aufgeführt: "Der Teufel im Schachspiel" (Autorin Frl. Sagitza aus Ihrer Schule). Ich darf meiner ästhetischen Freude an der intelligenten Inszenierung und dem begabten Spiel einer großen Anzahl von Kindern dadurch Ausdruck geben, daß ich darauf hoffe, bald ein anderes Stück, eine neue Inszenierung von solch erstaunlicher Präzision in der Cäcilienschule zu sehen.

Als wissenschaftlicher Assistent an der FU Berlin, der 1965–66 Sprecher der Assistentenschaft dieser Universität war und deshalb über eine gewisse Übersicht zu verfügen hofft, darf ich mir jedoch erlauben, zum Inhalt des Stückes einige Bemerkungen zu machen. Ich fühle mich dazu verpflichtet, an die Tatsache zu erinnern, daß der Protest unserer studentischem Jugend, ob er sich in Kleidung, Demonstration oder rationalen Argumenten ausdrückt, bisher von keiner Seite zu Ende gedacht ist. So heißt es beispielsweise: "Wir kämpfen gegen Schulen und Universitäten, die den Typ des Angepaßten produzieren, die Opportunisten belohnen und die Entfaltung kritischen Bewußtseins verhindern." (Knut Nevermann).

Ich bitte Sie sehr herzlich, zu bedenken, ob es richtig ist, Probleme, die uns Erwachsenen lange Zeit von einer Informationsquelle (Springer–Presse) vorgedacht wurden, von Kindern unreflektiert nach – denken zu lassen. Sie hatten Recht mit Ihren Vorspruch: Die Dinge müßten uns weiter beschäftigen. Da aber die Schule – neben anderen Aufgaben – eben zu einem kritischen Bewußtsein erziehen soll, müssen Sie mir erlauben, die wohl eindeutige Tendenz dieses Stückes wegen dieser Eindeutigkeit abzulehnen. Ich bin im übrigen nicht davon überzeugt, daß die im Vorspiel gewählte Darstellung von "Gammlern", "Demonstranten" und "Polizei" die Kinder davor bewahrt, sich einige Jahre später vielleicht auch so zu verhalten. Das gilt auch für den "teuflischen" Twist.

Für die Bemühung, den Kindern nicht nur unverbindliche Stückchen, sondern Probleme darzubieten, bin ich durchaus dankbar und verkenne nicht die große Schwierigkeit, hierfür etwas ausgewogenes zu finden. Dieser Abend, so meine ich, war eine unglückliche Lösung dieser demokratischen Aufgabe.

Mit vorzüglicher Hochachtung!

Dr. med. F. Praetorius


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Offenbach–Post, 17.12.2011

STANDPUNKT

Der Herzspezialist Dr. med. Frank Praetorius war 25 Jahre lang Chefarzt am Offenbacher Klinikum. 1998 hat er freiwillig und vorzeitig den Dienst quittiert, auch weil er immer unzufriedener mit dem System und seinen Auswirkungen auf die Patienten wurde. Die Entwicklung des Krankenhauses begleitet er mit Sorge. Als einen zentralen Punkt unter vielen Nöten sieht er die Beziehung zu den niedergelassenen Ärzten und zu deren Patienten:

Mehr Freundlichkeit hilft

Woher sollen mehr Patienten in Offenbach kommen? Leider ist der normale Vorgang anders, als dass er mit einem "Einweiserbindungsprogramm" zu beeinflussen wäre. Wie man hören muss, stoßen auch in der Nähe des Klinikums arbeitende Ärzte bei manchem Patienten auf Widerstand. Er will "bitte nicht ins Klinikum". Warum? Weil dort niemand mit ihm spreche - oder wenn, dann unhöflich bis grob -, weil er überall stundenlang warten müsse, und überhaupt, weil vieles nicht klappe oder gar schiefgehe. Der altgediente Chefarzt wusste natürlich, dass so etwas in einem großen Dorf wie dem Klinikum schon mal vorkommt. Selten, wie er hoffte. Doch in den letzten Jahren nahmen die Klagen derart zu, dass er sich nun Sorgen um den Bestand der Klinik macht.

Die Chefs sollen auf die niedergelassenen Ärzte zugehen - sicher kein schlechter Gedanke. Zumal Hochmut dieser Profession heute noch weniger zusteht als früher. Es gibt ,,draußen" immer mehr erstklassige Spezialisten, deren Können viele Krankenhaus-Aufenthalte überflüssig macht. Diesen Trend

kann man nicht umkehren. In einer Klinik im Niedergang könnte es sein, dass in naher Zukunft - umgekehrt! - eher gute Allgemeinärzte oder "Generalisten" gefragt sein werden.

Es gibt den "Ärzteverein Offenbach" der Kassenärzte. Dort habe ich Jahrzehnte lang die Probleme der Kollegen erfahren und mit der K1inik abzustimmen versucht. Warum sind so wenige Chefärzte Mitglieder des Ärztevereins? Man kann das akut wieder empfehlen. Vor allen Versuchen der Beeinflussung von Hausärzten gilt jedoch aus meiner Sicht: Mehr Freundlichkeit im Umgang mit den Patienten, und echte Zuwendung im Krankenhaus - dann gibt es auch kein Problem mehr mit den ,,Einweisern". Die privaten Klinikbetreiber, die man hier so fürchtet, machen uns das vor, mit weniger und nicht etwa mehr Personal. Woher bei denen die überraschend gute Stimmung von Personal und Patienten kommt, das sollten sich die Reformer des Klinikums auch einmal fragen.

[Die "Offenbach-Post" berichtet am 15.12.2011 ausführlich über "Brach liegende Kapazitäten" des Klinikums.
"Mehr Freundlichkeit" ist ein vergleichsweise einfaches Mittel gegen die Krise des Klinikums. Vergl. dagegen "Schmerzhafte Operationen"]

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Offenbach–Post, 08.05.06

Streit um Klausel im Tarifvertrag:
Am Klinikum Unmut bei Oberärzten

Drohen Prozesse oder Kündigungswelle? / Geschäftsführer Schmidt will "vernünftige Lösung" für alle

Von Claudia Bechthold

Offenbach Der Unmut unter den mehr als 50 Oberärzten am Klinikum Offenbach wächst. Der Freude über den ersten eigenen Tarifvertrag für Ärzte, den deren Gewerkschaft Marburger Bund (MB) mit der Vereinigung Kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) vor einem knappen Jahr ausgehandelt haben, folgt nun Enttäuschung. So mancher Mediziner verliere die Geduld, ist aus Oberarzt-Kreisen zu erfahren. Man trage mehr Verantwortung, solle aber genauso bezahlt werden wie Facharztkollegen ohne Oberarzt-Funktion.

"Wenn das so bleibt, wie es derzeit aussieht, wird das Klinikum bald zur oberarztfreien Zone", kündigt einer der Betroffenen an. Es geht um die Eingruppierung der Beschäftigten. Vier Gruppen sieht der Tarifvertrag vor: Arzt (1), Facharzt (2), Oberarzt (3) und Leitender Oberarzt (4). Was auf den ersten Blick einfach aussieht, birgt Fallen im Detail. Eine Protokollnotiz regelt: Oberarzt ist, "wem die medizinische Verantwortung für selbstständige Teil- oder Funktionsbereiche der Klinik beziehungsweise der Abteilung vom Arbeitgeber ausdrücklich übertragen worden ist". Diese Definition wird unterschiedlich ausgelegt. Die Differenz beim Bruttogehalt zwischen den Gruppen 2 und 3 kann bis zu 1200 Euro betragen.

Die Oberärzte meinen, alle Mediziner in dieser Funktion erfüllen die Vorgaben für Gruppe 3. Die Klinikleitung dagegen wertet die Notiz so, dass sie nur auf ganz wenige Mitarbeiter zutrifft, etwa wenn ein Oberarzt einer Klinik über eine Fachausbildung verfügt, die der zuständige Chefarzt nicht hat. Lediglich für 17 der insgesamt etwa 70 Oberärzte am Klinikum gibt es keine Schwierigkeiten: Als offizielle Vertreter der Chefärzte ist ihre Einteilung in Gruppe 4 eindeutig.

Zusätzlichen Arger gab es am Klinikum, weil ein Teil der Oberärzte bereits in Gruppe 3 eingeteilt war, die Klinikleitung dann aber eine "Überprüfung" der Eingruppierung angekündigt und alle Festlegungen wieder zurückgenommen hat. "Wirtschaftliche Nachteile sind damit niemanden entstanden, denn die Betroffenen werden ja weiterhin nach dem vorher geltenden Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt", betont Klinikgeschäftsführer Hans Ulrich Schmidt.

Schmidt selbst hat in dieser Frage keine leichte Aufgabe. Denn er sitzt für die Arbeitgeber in der Tarifkommission und hat den Tarifvertrag für Ärzte mit ausgehandelt.* Und der Konflikt zwischen Oberärzten und Klinikleitungen schwelt nicht nur in Offenbach. Auch an anderen kommunalen Krankenhäusern streitet man sich über die Auslegung jener Protokollnotiz. Eine Einigung in Offenbach würde daher auch überregional beachtet.

Der zum Sparen gezwungene Geschäftsführer sieht dies aber eher gelassen: "Ich habe die Unternehmensinteressen im Fokus. Und ich denke, der Tarifvertrag bietet genug Spielraum, um eine für alle Seiten vernünftige Lösung zu finden." In der zweiten Monatshälfte soll eine Arbeitsgruppe tagen, in der Oberärzte, Betriebsrat und Klinikleitung vertreten sind. Aufgabe werde sein, die Eingruppierung genauer festzulegen.

Sollte den Oberärzten kein Angebot gemacht werden, das sie akzeptieren wollen, könnten Prozesse oder sogar Kündigungen auf die Klinik zu kommen. Andreas Wagner, Verbandsjurist beim Marburger Bund: "Es gibt erste Klagen beim Arbeitsgericht. Und der Ärztemangel macht es den Betroffenen leicht, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen."

[Unterstreichungen von mir (Praetorius)]

[Die "Offenbach-Post" berichtet am 19.06.07 kurz über einen Zwischenstand. Den bundesweiten Stand der juristischen Auseinandersetzung zeigt das "Deutsche Ärzteblatt" am 30.03., 18.04. und 30.11.2007 ("Der Oberarzt, das unbekannte Wesen").
Am 12.10.2007 erschien eine Veröffentlichung des ärztlichen Direktors (bgu) Prof. Reinhard Hoffmann mit Hinweisen auf mögliche Kompromisslösungen. Auch dort wird wird die innerärztliche Konfliktlinie zwischen Oberarztspezialisten und Chefärzten deutlich, wenn letztere ihr Liquidations- und Weisungsrecht unverändert beibehalten wollen.]
* Für den Pflegebereich suchte man auch in Offenbach 2009 Personal im Rahmen der "Arbeitnehmerüberlassung" – ein anderes Wort für Leiharbeit (2010: Zahl seit 2004 bundesweit verfünffacht)

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Offenbach–Post, 19.12.05
[Was aus einem Leserbrief alles werden kann ...]

Ex–Chefarzt sieht Klinik auf dem Holzweg

Dr. Frank Praetorius beklagt Versäumnisse

Offenbach (alk) Der Internist und frühere Klinik–Chefarzt, Dr. Frank Praetorius, wirft Stadt und Klinikleitung Versäumnisse vor. In einem Brief an unsere Zeitung beklagt er, in Offenbach werde die Gelegenheit versäumt, "den sinnlosen und teuren Gegensatz zwischen Klinik und Praxis" zu beenden. Dabei biete die Gesundheitsreform den Kliniken diese Möglichkeit.

Die Neubau–Planung könnte nach Einschätzung Dr. Praetorius' genutzt werden, ambulante und stationäre Versorgung zu verbinden. Es sei "nicht zu fassen", dass die Verantwortlichen diese Chance verstreichen ließen. Unverständlich ist dem 1998 in den Ruhestand verabschiedeten Chefarzt, dass im neuen Zentralbau kein Zentrum für Fachmedizin integriert werde. Das würde ambulante und stationäre Versorgung in einem Haus vereinen. Auch beim Generationenwechsel der Chefärzte werde – etwa bei der Vertragsgestaltung – nicht darauf geachtet, den ambulanten Zweig in der notwendigen Weise zu stärken.



Verwaltungsdirektor Hans Ulrich Schmidt wies die Kritik als "Einzelmeinung" zurück. In Offenbach gebe es eine gut funktionierende Versorgung mit Fachärzten, mit denen die Klinik eng zusammenarbeite. Es bestehe keine Notwendigkeit, den bewährten Strukturen im Zuge des Neubaus Konkurrenz zu machen. Die Situation in einer Großstadt sei mit dem Landkreis nicht vergleichbar. Neben der Langener Asklepiosklinik entsteht gerade ein Neubau für zehn Facharztpraxen.

Schmidt betonte, als Klinik der Maximalversorgung lege Offenbach den Schwerpunkt nicht auf ambulantes Operieren. "Unser besonderes Augenmerk muss den Schwerstkranken gelten." Generell gehe es darum, "Netzwerkstrukturen zu schaffen, um die Sektionen Ambulanz und Station intelligent zu überbrücken." Das sei im "Normengestrüpp" der Gesundheitspolitik nicht leicht. Unzufrieden ist Schmidt etwa, dass die Klinik nur Krebspatienten mit Chemotherapie behandeln darf, die wegen ihrer Grunderkrankung ohnehin stationär aufgenommen worden sind. Aktuell bemühe man sich um eine Ermächtigung auch für ambulante Chemotherapien. Alternativ sei es denkbar, einen niedergelassenen Arzt anzusiedeln, der die Behandlung abdecke.

[Unterstreichungen von mir (Praetorius)]

Professionelle Vernetzung mit anderen medizinischen Leistungsträgern?

Nachbemerkungen zu "Einzelmeinung" - [man vergleiche mit der Situation 2010, siehe meinern Leserbrief in der "Frankfurter Rundschau" vom 18.2.2010 und die Diskussion im Mai 2011]

Schon auf dem Deutschen Krankenhaustag (11/05) wurde vom Verband der Krankenhausdirektoren beklagt, dass die Integration der ambulanten und stationären Versorgung trotz besserer Gesetzeslage nur langsam vorankommt. – Am 9.12.05 erläuterte die Kassenärztliche Bundesvereinigung die vereinbarte Zusammenarbeit mit einer der größten Klinikketten (Sana) als Beginn einer neuen Form der Versorgung.
Allerdings muss man genau hinsehen: Es geht nicht um die umstandslose Realisierung des § 116b Absatz zwei des fünften Sozialgesetzbuches, der nach einem Gutachten für den Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Internistischen Onkologen (BNHO 2007) verfassungswidrig sei. Im Interesse der Patienten darf man darauf hoffen, dass es weitergeht.

Ansätze finden sich in einer Vergleichsstudie über 80 europäische Krankenhäuser, durchgeführt von Booz Allen Hamilton: Vor allem wegen der markanten Schwächen bei der "strategischen Führung", der "Optimierung von medizinischen und administrativen Abläufen" und in der "professionellen Vernetzung mit anderen medizinischen Leistungsträgern" dürften in den nächsten 15 Jahren 25% der Kliniken schließen, laut "Deutsche Krankenhausgesellschaft" (DKG) die ersten 250 Krankenhäuser der BRD bereits in den kommenden fünf Jahren. "Die meisten Kliniken stellen keine strategische, langfristige Planung auf", wird kritisiert (Studie von Booz Allen Hamilton). Manche doch: Integrierte Versorgung in Lübeck! 2008. Im provinziellen Offenbach wagt man sich mal gerade zu einem MVZ im "Nischenbereich" von Röntgen und Nuklearmedizin vor – gezwungen durch die "Einschränkungen bei den Ermächtigungen einzelner Klinikärzte" (derselbe Hans–Ulrich Schmidt 4.10.08)

Wie geht es weiter im Kreis Offenbach? Laut Frankfurter Rundschau am 07.06.2006 sagt Landrat Walter bei der Einweihung: Der Kreis Offenbach habe 2001 richtig entschieden, seine Krankenhäuser dem privaten Träger Asklepios zu übertragen. Anderswo würden Kliniken geschlossen. Hier werde gebaut und erweitert. Laut Offenbach–Post werden 24 Fachärzte im neuen Zentrum arbeiten.




Offenbach–Post, 13. November 1985

Merkwürdige Koalition

Zu dem Artikel "Mediziner fordern in Mainz Test Stop" in der OP vom 4.11.1985: Die objektive und ausführliche Darstellung des Ärztekongresses gegen Atomkrieg an dem ich als Mitglied der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) teilgenommen habe hat mich sehr gefreut. Ich sage dies, obwohl der Hintergrund wahrlich kein Grund zur Freude ist: Wir leben in dem Land mit der höchsten Atomwaffendichte der Welt, in einer Region, die zum Schlachtfeld der primären Auseinandersetzung ("taktische Waffen") prädestiniert und deren totale Zerstörung damit von beiden Seiten programmiert ist. Diese Logik zwingt uns, mehr zu tun, als Appelle an die Großmächte zu richten. Denn diese werden kaum auf uns hören. Unser eigenes Bewußtsein und unsere Regierung müssen angesprochen werden: Es ist genügend bekannt und wurde auch auf dem Mainzer Kongreß wieder gezeigt, daß im Atomkrieg ziviler Bunkerbau nutzlos und medizinische Hilfe nicht denkbar ist. Wenn es in Zentraleuropa (vor allem also in beiden deutschen, Ländern) überhaupt Überlebende gibt, dann werden diese die Toten beneiden. Nichts wird da sein, wofür zu leben sich lohnt.

Deshalb ist es eine spezifisch deutsche Aussage, wenn wir Ärzte den "Zivilschutz" in der Form von Bunkerbauten oder Katastrophenmedizin ablehnen. Wir brauchen das nicht und wollen vor niemandem den Eindruck erwecken, daß wir zum Führen eines Atomkriegs "zivil" vorbereitet sind, d. h. auch: psychologisch eingestimmt. Wir Ärzte wollen keine Hilfe vorspielen, die wir nie werden leisten können. Das einzige was wir können: Präventiv-Medizin gegen den Atomtod betreiben, z. B. indem wir die Augenwischerei des Zivilschutzgesetzes und der "Katastrophenmedizin" ablehnen. Auf der anderen Seite – in der DDR – werden Zivilschutzmaßnahmen von der staatsoffiziellen Friedensbewegung als "Friedenssicherung" deklariert. Die Absurdität der Formulierung gibt uns die Möglichkeit, diese falschen Freunde von der unabhängigen und deshalb brutal unterdrückten Friedensbewegung in der DDR zu unterscheiden (wie kann ein atomsicherer "Schutzraum" ausgerechnet den Frieden sichern?) Es gibt eine merkwürdige Koalition der Augenwischer auf beiden Seiten. So lohnt es sich, über Spiegelbilder nachzudenken.

Dr. med. F. Praetorius
Chefarzt d. Med. Klinik I
Offenbach

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Offenbach–Post, 30. März 1983

Falsche Hoffnung

Ihr Artikel über das Bad Nauheimer Ärzte-Seminar macht das Mediziner Problem deutlich: Kann und darf man "zivile" Katastrophen (Flugzeug–Kollision auf Rhein–Main) mit einem Atomschlag auf unsere Region vergleichen und Ärzte entsprechend "schulen"?. Im ersteren Fall funktionieren 6 Großkrankenhäuser in Offenbach und Frankfurt mit ihren Spezialisten, Notarztwagen, Rettungshubschraubern sowie einem Heer von Ärzten und Schwestern; und das Problem wäre weniger die umstrittene "Triage" (praktisch: Blitzentscheidung über Hoffnungslosigkeit) als die sinnvolle Zuordnung der vielen Helfer. Dagegen wären unmittelbar nach einem Atomschlag – amerikanische Forscher haben das berechnet – nur noch etwa 10% der Ärzte am Leben, d. h. zum Beispiel in Offenbach 35 von 350 Ärzten. Kein Krankenhaus wäre funktionsfähig, Rettungsfahrzeuge, Praxen, Labors und Medikamente

nicht mehr vorhanden. Und diese selbst meist schwerverletzten Ärzte sollen die vielleicht noch lebenden 20 000 Opfer behandeln. Womit? Mit welcher Hoffnung?
    Deshalb sind erfahrene Ärzte wie mein Kollege Prof. Gottstein gegen derartige Übungen, wie sie jetzt in Bad Nauheim veranstaltet werden. Und weil es in dieser Sache keine sinnvolle Therapie mehr gibt, ist Vorbeugung die zentrale ärztliche Aufgabe. Vorbeugung sollte heißen: daß Ärzte gegen den Wahnsinn des atomaren Rüstungswettlaufs auftreten (ohne sich dabei in die Kämpfe der politischen Parteien ziehen zu lassen) oder wenigstens nicht helfen, das Problem zu verschleiern: durch falsche Hoffnung auf ärztliche Hilfe.

Dr. med. F. Praetorius
Chefarzt d. Med. Klinik I
Offenbach

Vorausgegangen war ein Artikel in der "OP" vom 13.11.1983: Ärzte als Kriegstreiber? Großer Krach bei Fortbildungs–Seminar wegen Notfallübung.*
Bad Nauheim/Frankfurt – Zu einem Eklat kam es am vergangenen Wochenende bei einem medizinischen Fortbildungs–Seminar In Bad Nauheim. Nach einer heftigen Diskussion verließen die Hälfte der rund 50 Ärzte die Veranstaltung, die "Übung zum Rettungsdienstlichen Notfalleinsatz bei Massenanfall von Verletzten und Kranken" getauft worden war. Ein großer Teil der anwesenden Arzte hegten den Verdacht, diese Übung sei als Vorbereitung auf einen Atomkrieg zu verstehen. Teilnehmer berichteten, die sogenannte Triage, die grobe Unterteilung von Verwundeten in drei Kategorien (keine Behandlung, weil zwecklos / spätere Behandlung / sofortige Behandlung), habe im Mittelpunkt der Katastrophenschutz–Übung gestanden. ...

* Wenige Monate später, beim so genannten "Krankenhausbrand" in Offenbach (1984) – es war nur ein Archivbrand)** – hat allein die nicht beherrschbare Rauchausbreitung eine Räumung der Hauses mit etwa 900 Patienten erforderlich gemacht. Die von einem Amateurfilmer dokumentierte Aktion der Ärzte und Krankenschwestern verlief ohne Panik und war erfolgreich (kein Patient kam zu Schaden). Es ist sehr zu bezweifeln, ob vorherige Triage-Übungen dazu auch nur einen geringen Beitrag geleistet hätten.

** Literatur: B. Knepper und Rolf Büssem (1990) Brandschadenverhütung im Krankenhaus und Altenheim. Seiten 52-73 (Jürgen Endreß)

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Stand 27.12.2014