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Referat am 7.2.1965 im Rahmen einer Vortragsreihe der Evangelischen Studentengemeinde der Charlottenburger Hochschulen (Studentenpfarrer Reinhard Tietz) in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (Berlin). Thema der Gesamtreihe: "Menschsein im technischen Zeitalter ".

 

Aus der I. Medizinischen Universitätsklinik der Freien Universität Berlin (Chefarzt Prof. Dr. H. Frhr. von Kress)

ARZT UND PATIENT IM MODERNEN KRANKENHAUS

F. Praetorius

 

Über den großen Aufschwung, den die naturwissenschaftliche Medizin seit 1850 und erneut nach dem zweiten Weltkrieg genommen hat, wäre trotz der zu diesem Thema reichlich vorhandenen wissenschaftlichen und aufklärenden Literatur manches zu berichten. Vieles sogar, das nicht nur für den zum Patienten gewordenen Einzelnen, sondern für eine biologisch und anthropologisch interessierte Allgemeinheit von Bedeutung sein kann. Erwähnt seien die in jüngster Zeit Aufsehen erregenden Ergebnisse bei der Erforschung von submikroskopischer Struktur und Funktion der einzelnen Zelle, ein Gebiet, auf dem sich Biochemie, Elektronenmikroskopie, Histochemie und Immunologie zu einer neuen Einheit zusammengefunden haben.

Betrachtet man die Situation von diesen Zentren des naturwissenschaftlich-medizinischen Fortschritts aus, so hat die praktische und klinische Medizin in vielen Fällen "nur" den Rang einer anregenden Hilfswissenschaft. Sie liefert Modelle, etwa seltene Erbkrankheiten mit extremen Stoffwechselsituationen, deren detaillierte Aufklärung zu neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen führt [1]. Andererseits haben auch technische Fragestellungen der Medizin zu Fortschritten auf biologischem Gebiet geführt: So hat die moderne Herzchirurgie durch große Erfolge bei der Behandlung der angeborenen Herzfehler allgemeine Bewunderung erregt. Die hierfür notwendigen Untersuchungen erbrachten neue Erkenntnisse über die Hämodynamik. Das Vorkommen dieser Herzfehler ist jedoch, verglichen mit der Gesamtzahl aller Herzkranken, als selten zu bezeichnen.

"Seltene Krankheiten": wir wollen nicht den Wert solcher z. T. grandioser Forschungsergebnisse herabmindern. Für ihren allgemeinpraktischen Nutzen ließen sich zahlreiche Beispiele zitieren. Sie sind oft von hohem technischem und biologischem Interesse. Aber helfen sie dem Gros unserer Patienten?

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Wenden wir uns also einem "modernen" Patienten zu, wie er in der Sprechstunde des praktischen Arztes saß und nun - nicht als "seltener Fall" - vor uns im Krankenhausbett liegt. Er ist ‑ sagen wir ‑ 35 bis 45 Jahre alt, vielleicht auf dem Höhepunkt seines Lebens, wie es so schön heißt. Eben hat er eine weitere Sprosse auf der Stufenleiter seines Berufes erreicht, er ist Abteilungsleiter, Vorarbeiter, selbständiger Meister, vielleicht Dozent. Er ist verheiratet, hat eine wohlausgestattete Wohnung, ein Auto, ein Fernsehgerät und vielleicht 2 Kinder. Und nun hat er Beschwerden, ist seit Wochen krank‑geschrieben. Sein Hausarzt weist ihn ein: zur "Abklärung", zur Diagnosestellung; denn er hat nicht die Geräte, die dafür erforderlich sind.

Auf das unumgängliche Formular schreibt er: "z.B. Angina pectoris", das soll heißen: unser Patient hat Schmerzen in der Herzregion, vielleicht eine Verengerung seiner Herzkranzgefäße. Patient und Arzt haben eine Vorstellung von dem Leiden: der Mann hat viel gearbeitet, geraucht, wenig geschlafen. Womöglich ist es eine "Manager-Krankheit“, mit der Drohung den baldigen Herzinfarktes. Die Einweisung war berechtigt.

Mit seinen Krankenhauseintritt hat sich der Mann der Medizin nun ganz ausgeliefert, könnte man sagen, aber er empfindet es nicht so. Er nimmt umgekehrt an, daß nun alle Einrichtungen und der Arzt für ihn zur Verfügung stehen. Vertrauen ist da und ein Autoritätsgefühl, das „wohltätig sein kann" (JASPERS, p. 673). Anders als beim praktischen Arzt besteht keinerlei direkte wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen beiden, sieht man von Privatpatienten und klinischen Gutachten einmal ab. Der Stationsarzt betreut eine begrenzte Patientenzahl, 2o oder 4o "Betten", er hat ein festes Gehalt, der Patient seine Krankenkasse und sehr häufig viel Zeit, sein Lohn wird weitergezahlt.

Der praktische Arzt dagegen braucht ein Existenzminimum von Krankenscheinen, also Patienten; der Seelsorger muß oft seine Gemeinde erst suchen, mindestens die Gemeindeglieder im Alter unseren Patienten. Dieser aber geht freiwillig und gerne in die Klinik. Hier wird es Klärung und Hilfe geben, so glaubt er. ‑ Offenbarung des eigenen Körpers bei der Untersuchung und der Biographie bei der Erhebung der Vorgeschichte schaffen eine Vertrautheit, die der Theologe, der Psychotherapeut und oft auch der praktische Arzt erst mühsam erringen müssen. Das hat freilich Grenzen, über die noch zu sprechen sein wird. Die Ausgangssituation jedoch ist günstig.

Was geschieht mit unserem Patienten? Ein Arzt ‑ meist ein jüngerer ‑ kommt zu ihm ans Bett. Er befragt den Kranken, wie er es gelernt hat: Wo die Schmerzen seien? Wir wissen es schon. Wir erfahren weiter, daß sie krampfartig sind und besonders gerne abends auftreten, nach der Arbeit. Vielleicht möchte unser Kranker noch mehr erzählen, aber der Fragende ist befriedigt; er hat sich noch nach Appetit, Nikotinverbrauch und den Großeltern erkundigt, seine Anamnese ist nun vollständig; auch Beruf und Familienstand wurden gestreift.

Die Untersuchung geht weiter. Bei kritischer Betrachtung, beim Tasten, Abhören usf.  läßt sich lediglich feststellen, daß unser Kranker zwar nicht ein typischer Pykniker, aber doch übergewichtig ist. An Herz und Lungen sind keine krankhaften Phänomene zu erkennen, die übrigen Organe sind ebenfalls unauffällig. Der Patient macht einen untrainierten Eindruck, seine Muskulatur ist schlaff. Früher, sagt er, als ich noch selbst mit zugreifen mußte, noch Zeit für den Sport hatte…. Jetzt bin ich froh, abends meine Zeitung und das Abendprogramm "in aller Ruhe" zu genießen.

Der Blutdruck wird gemessen, in den nächsten Tagen wird Blut entnommen, der Urin untersucht, ein Elektrokardiogramm, ein Röntgenbild angefertigt. Nach fünf Kniebeugen ist der Mann außer Atem, aber das Elektrokardiogramm bleibt wie alle anderen Befunde unauffällig. Jetzt muß er vom Arzt Schmerzen erdulden: Eingreifendere Untersuchungen sind erforderlich. Denn er ist ja wirklich krank, eine Krankheit muß doch dahinterstehen! Eine Woche ist vergangen, und fast bedeutet es für beide, Patient und Arzt, eine Enttäuschung, wenn wieder ein "negativer" Befund kommt. Negativ: das heißt in diesem Sprachgebrauch etwa "'normal", nichts Krankhaftes. Unzufriedenheit und Resignation greifen Platz.

Sagen Sie nun nicht, dies sei ein außergewöhnlicher Fall! Gewiß, zur Befriedigung der Ärzte gibt es so genannte "dankbare Krankheiten": eine Diagnose kann klar gestellt und das Leiden behandelt werden, oder noch wichtiger: Ein Patient kommt im schwersten Kreislaufschock und kann dank den Errungenschaften der modernen Medizin unter vielen Mühen und kraft logischen Handelns noch gerettet werden.

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Aber diese "ärztlichen Ursituationen", wie sie die Kliniker KORTH und SCHMIDT bezeichneten, finden sich im modernen Krankenhaus immer seltener realisiert (SCHAEFER, p. 236). Stattdessen überwiegen die "Eingewiesenen". Unter diesen läßt sich bei einer großen Zahl, wahrscheinlich der Mehrzahl, ein schwerwiegender meßbarer Befund nicht erheben. Nach einer Zusammenstellung von JORES (zitiert nach SCHAEFER) beläuft sich die Zahl der nicht ernsthaft somatisch Kranken zwischen 25 und 8o% aller Patienten, je nach Einstellung der Klinikleiter zu diesem Thema. Nach vorsichtiger eigener Schätzung dürfte die Wahrheit in der Mitte liegen, in der Altersklasse unseres Patienten vermutlich über 50%.*

Bedenken Sie nun ferner, daß auch unsere zahlreichen somatisch Kranken den Anforderungen des technischen Zeitalters ausgesetzt sind. Selten ‑ außer bei akuten Ereignissen - erlebt man heute ein Krankheitsbild in lehrbuchmäßiger Klarheit. Die Überlagerung durch "'nervöse" Symptome ist immer häufiger und leitet oft irre. Denken Sie bitte auch an die Situation des nach schwerer Erkrankung, z. B. nach dem Herzinfarkt, nach der Magenoperation mit einem Defekt genesenden Menschen. In solcher Situation isoliert, vielleicht zuvor ausschließlich im Beruf und in seiner Familie "aufgegangen", sieht er mit Sorge seiner Rehabilitation entgegen. Wird es wieder gehen? Aber der Arzt sagte doch, er solle sich schonen, Diät einhalten, nicht rauchen. Und wenn "es geht",  wenn also seine Kräfte die frühere Tätigkeit wieder zulassen wie werden die Kollegen, die Familie reagieren? Kann er seinen Posten halten?

Diese Sorgen bleiben schon auf den klinischen Verlauf nicht ohne Einfluß: Fieberzacken, Blutdruckschwankungen sind die Antwort. Sie sehen, die so breit diskutierte Rehabilitation unserer Kranken hat nicht nur eine gewissermaßen "sportliche" Seite. Es ist Ihnen nicht übel zu nehmen. wenn sie den bequemeren Ausweg in die Rente oder Pension suchen.

Die Haltung, die "Wertung des Menschen nach seiner Gebrauchsfähigkeit" (v. KRESS) vorzunehmen, ist allgemein verbreitet. Wie wir eben sahen, wird sie auch vom Betroffenen auf sich selbst angewendet. Entsprechendes gilt bei unseren alten Menschen: Die natürliche Altersentwicklung - medizinisch die Biomorphose BÜRGERs ‑ wird weder von den zu schematischen Rentengesetzen noch allgemein von der heutigen Gesellschaft anerkannt oder überhaupt bedacht. Für den Rentner ist sein Alter nicht mehr so häufig "gesegnet", sondern er fühlt sich abgeschrieben, nutzlos. Wir sollten frühzeitig darüber nachdenken, und sei es im eigenen Interesse.

So ist eines der vordringlichsten Probleme die Unterbringung und Versorgung der vielen alleinstehenden Alten: Bei der Neubauplanung hat man sie oft einfach vergessen. Eine Folge davon ist, daß viele unserer klinischen Stationen heute zu Altersheimen oder Hospitälern geworden sind. Der zur Aufnahme führende Zustand ist oft durchaus im Rahmen der physiologischen Biomorphose, also als typischer Alterszustand anzusehen: Das moderne Krankenhaus kann hier nichts mehr ändern. Unsere Zeit ist dem Alter nicht freundlich gesonnen, aber wir müssen dieses so wichtige Problem jetzt beiseitelassen.

"Die Wertung des Menschen nach seiner Gebrauchsfähigkeit": Diese Einstellung erklärte uns manche psychische Fehlleistung, vieles vom Renten‑ und Altersproblem. Sie macht es auch nicht verwunderlich, daß Staat und Medizin auf die erschreckende körperliche Untüchtigkeit der Jugend erst aufmerksam wurden, als regelmäßige Musterungsuntersuchungen diesen Zustand aufdeckten. Wir werden in naher Zukunft mit einer Zunahme von Haltungsschäden des Bewegungsapparates zu rechnen haben, ebenso wie mit zahlreichen so genannten funktionellen Störungen des Herzens und der Kreislauforgane. Daß bei solchen Zuständen eine medikamentöse oder chirurgische Therapie nutzlos ist und vom eigentlichen Problem ablenken kann. braucht wohl nicht näher erläutert zu werden. Die Bemühungen der Sportverbände sind anerkennenswert, dürften aber wegen mangelnder Beteiligung und noch zu geringer staatlicher Unterstützung wenig allgemeinen Nutzen bringen.

Da der derzeitige Wohlstand und die verbreitete Abneigung gegen körperliche und geistige Askese eine spontane Änderung somit unwahrscheinlich machen, ist wohl auf lange Sicht mit eingreifenden staatlichen Maßnahmen zu rechnen, die freilich unvermeidlich auch eine erneute Einschränkung der persönlichen Freiheit mit sich bringen dürften. Die Volksgesundheit ist ja nicht nur ein militärisches Problem, sondern ein Wirtschaftsfaktor ersten Ranges, wenn man etwa bedenkt, daß von 22 Mill. Versicherten im Mittel 5%, also 1,1 Mill. krank sind.

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* Diese Situation hat sich durch die technischen Fortschritte der ambulanten Medizin und die zahlreichen 'Gesundheitsreformen' fundamental geändert (Stand 2010).

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Aber kehren wir noch einmal zu unserem Patienten zurück! Mittlerweile ist seine Halswirbelsäule untersucht worden, der ersehnte "pathologische" Befund ist da: die in die Herzgegend ausstrahlenden Schmerzen können mit dem Befund von Muskelverhärtungen und degenerativen Veränderungen der Halswirbelsäule selbst erklärt werden. Auch die nebenbei geklagten Rückenschmerzen finden in diesem Rahmen ihre Deutung. Es wird mit Massagen, Bädern, Bestrahlungen behandelt. Wir erinnern uns des untrainierten Zustandes unseren Patienten: so wird ihm empfohlen, einen Ausgleichssport zu betreiben, seinen Bewegungsapparat gleichmäßig zu üben.

Leicht gesagt, denkt er, aber immerhin läßt er sich behandeln, fühlt eine gewisse Besserung und treibt zu Hause Gymnastik. Die Maßnahmen waren richtig. Aber trafen sie das Ganze?

Unser Mann kehrtzur Arbeitsstätte und in die Familie zurück, doch bald darauf sucht er von neuem den Arzt auf. Die alten Beschwerden sind wieder da, auch Blutdruckschwankungen haben sich eingestellt. Aufs neue wird er eingewiesen: wurde nicht doch etwas übersehen? Genügte die Behandlung des Bewegungsapparates nicht, weil sie nur diesen einen Faktor betonte?

Ersparen wir uns den weiteren Verlauf der apparativen Diagnostik: Sie hat für diesen Kranken keine weiteren Erkenntnisse "geliefert". ‑ Eines Tages ist der Stationsarzt am Abend in der Klinik, er hat Nachtdienst. Sie treffen sich zu später Stunde auf dem Flur der Station, der eine wegen seiner Arbeit, der andere aus Sorgen schlaflos. Und nun kommt das seit dem ersten Tag ‑ seit der Erhebung der medizinischen Vorgeschichte ‑ stockende Gespräch noch einmal in Gang. Man spricht über den Beruf, und es zeigt sich, daß die glatte Karriere unseres Mannes ihre Schattenseiten hat. Die Ehe, die Familie haben gelitten, der Umgang mit Untergebenen und dem Chef ist immer schwieriger geworden. Neider sind da und harte Konkurrenz: 'Ich bin an Ende, ich kann nicht mehr', so sagt er.

Verlangen wir nun nicht zuviel von dem Arzt: er ist kein geübter Seelsorger, dazu läßt ihm die Krankenhausroutine zu wenig Zeit und Ruhe. Er ist auch kein ausgebildeter Psychotherapeut. Er versucht dem Kranken klarzumachen, warum in seinem Fall "die Apparate" versagen mußten. Wir wollen ihn an dieser Stelle nicht mehr bemühen, sein Dienst geht weiter. Unserem Kranken wollen wir wünschen, daß das klärende Gespräch und einige besonnene Ratschläge der Anfang einer Wandlung seiner Situation sein mögen.

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Aber können wir uns damit begnügen? Die Medizin, von der wir nun mehr verlangen, hat doch unbestreitbar große Erfolge zu verzeichnen, So betrug 1870 die Lebenserwartung eines Neugeborenen 38 ‑ 40 Jahre, heute liegt sie bei 72 Jahren (HARMSEN). Man ist auf dem besten Wege, dies auch in den so genannten unterentwickelten Ländern zu erreichen.

Die Medizin kann sich darauf berufen, mit großen Problemen wie der hohen Sterblichkeit an Krebs und Gefäßerkrankungen vollauf beschäftigt zu nein. Andererseits läßt sich bei Berücksichtigung der effektiven Zahlen ein erheblicher allgemeiner Ärztemangel errechnen (SCHAEFER, p. 222, 311),  den der Laie auch ohne Zahlen erfährt, wenn er einen Arzt sucht oder beim ihm wartet. Für die Krankenhäuser gilt ähnliches, nur Universitätskliniken sind in der Regel optimal ‑ in Bezug auf die Ärztezahl - besetzt. Die komplizierter gewordene Diagnostik und Therapie, aber auch die Ausweitung der Schreibtischarbeit durch immer neue Formulare und Amtswege haben alte "Bettenschlüssel" illusorisch gemacht. Noch vor etwa 10 Jahren, während meinen Studiums, bekam ich zu hören, daß ein Arzt ohne weiteres 40 Betten "versorgen" könne. Heute kann er ohne Assistenz mit der Hälfte kaum zurechtkommen, will er im Sinne der Patienten, der Behörden und nicht zuletzt mit ruhigem Gewissen arbeiten. Der Stationsarzt unseres Beispiels hat schon mehr getan als üblich. Vielleicht empfand er sein abendlichen Gespräch mit dem Patienten als Privatvergnügen: zu seinen Dienstobliegenheiten gehört das normalerweise nicht.

Nun werden Sie sich an den bemerkenswerten Vortrag erinnern, den Herr Dr. SCHARFENBERG als Psychotherapeut am 8.11.1964 an dieser Stelle hielt: "Psychologie als Lebenshilfe?" Die Forderung einer engen Zusammenarbeit beider Disziplinen ‑ Medizin und Psychotherapie ‑ liegt zu nahe, als daß sie nicht schon lange gestellt worden wäre. Es ist das Verdienst von KARL JASPERS, von der Psychiatrie her eine neue Form psychopathologischen Begreifens in die Medizin eingeführt zu haben, die etwa mit  einem Wort DILTHEYS zu umreißen ist: "Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“. Ein weiterer Einfluß kommt aus der Psychoanalyse FREUDs,  aus der Viktor v. WEIZSÄCKER ‑ ursprünglich Physiologe und Internist ‑ eine psychosomatische Medizin entwickelte. [2] Es gibt bereits einige psycho-somatische Kliniken in Deutschland,  in Berlin haben wir die in ihrem Rahmen einzig dastehende Einrichtung einen "Zentralinstituts für psychogene Erkrankungen" der Allgemeinen Ortskrankenkasse, die damit zeigt, daß sie diese Erkrankungen anerkennt. [3]

Leider ist das Problem damit noch nicht einmal quantitativ gelöst: Wenn SCHARFENBERG an dieser Stelle von 200‑400 nötigen Behandlungsstunden für eine Neurose sprach, so läßt sich die Überlastung des Zentralinstituts und der zu wenigen niedergelassenen Psychotherapeuten leicht ver­stehen, denkt man nur an die oben genannten Zahlen über nicht organisch Kranke in unserer Disziplin. Wir werden Schwierigkeiten haben, unseren Patienten zur fachgemäßen Behandlung zu bringen. So ist die Forderung nach Anstel­lung von Psychotherapeuten in jedem Krankenhaus nicht un­berechtigt. Dies wäre zumindest billiger als der Bau zusätz­licher Spezialkliniken, in denen außerdem die Gefahr be­steht, daß organisch schwerwiegende Krankheiten übersehen werden.

Ein naturwissenschaftlich ausgebildeter und so arbeitender Arzt kann Ihnen nicht die Probleme und Methoden der allgemeinen und medizinischen Psychotherapie darlegen, sondern nur auf die Bedeutung dieser Dinge auch in seinem Gebiet hinweisen. In seien ihm hierzu lediglich noch zwei Bemerkungen gestattet:

1.) Die Vielzahl der psychotherapeutischen und psychosomatischen "Schulen" und Richtungen ist für  den Außenstehenden verwirrend und fordert einige Naturwissenschaftler zum Spott heraus. Zu Unrecht, möchte ich meinen. Folgen wir Hans SCHAEFER, dem engagierten Elektrophysiologen (also Naturwissenschaftler), der den Unterschied zwischen naturwissenschaftlichen und psychosomatischen Theorien darin sieht ( p.161 ), "daß naturwissenschaftliche Theorien prinzipiell durch Erfahrung widerlegbar sind, wenn Fakten bekannt werden, die nicht zu ihnen passen, während eine dogmatische Behauptung der Psychosomatik eine solche "faktische" Widerlegbarkeit nicht besitzen kann, da diese Dogmen ja auch nicht aus Fakten, sondern aus dem Selbstverständnis des Menschen abgeleitet sind". Wir können nur ahnen, welche Schwierigkeiten der so wünschenswerten Integration beider medizinischer Denkweisen noch im Wege stehen werden.

2.) Es soll nicht vergessen werden, daß die Lösung aus "verfahrenen" Lebenssituationen nicht allein Aufgabe von psychologisch geschulten Kräften sein kann. Ein Gespräch unter Freunden, der Rat des Vaters, des Lehrers, des Seelsorgers und auch des Arztes vermag sicher vieles. Es gehört zu den schönsten Erlebnissen in unserem Beruf, wenn man einmal von der Bewährung eines solchen Rates draußen zu hören Gelegenheit hat. SCHARFENBERG, als Theologe und Psychotherapeut, trennte ja seine beiden Gebiete scharf. Wir dürfen den seelsorgerischen Bereich ‑ im weitesten Sinne ‑ ein wenig auch für uns Ärzte in Anspruch nehmen. Etwa so wie SCHAEFER es formuliert ( p.162 ), daß man z. B. eine Hochdruckkrankheit bekämpfen kann, "indem man die Menschen vor bestimmten Lebenssituationen bewahrt, ihnen mehr Liebe und Sicherheit gibt. Da Korrelationen dieser Art immer und notwendigerweise Krankheit auf Lebenssituationen, nämlich Einflüsse beziehen, welche allgemein, häufig und definierbar sind, münden alle diese Untersuchungen therapeutisch (aber) in eine soziale Medizin ein, fordern, daß man die Welt ändert, in der wir leben".

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Eine soziale Medizin: Wir haben uns aus der selbstgewählten Beschränkung auf das moderne Krankenhaus weit herausgewagt. Aber die Dinge sind auch in praxi nicht zu trennen. Wir haben ja einsehen müssen, daß die Klinik kein isoliertes diagnostisch‑therapeutischen Laboratorium sein kann. Organische Befunde und deren therapeutische Beeinflussung sind unter Ärzten meist rasch mitgeteilt. Aber Kliniker und praktischer Arzt müssen sich häufig gemeinsam überlegen, wie sie einerseits dem chronisch-­organisch, Kranken seine körperliche Belastungen nehmen, andererseits aber sowohl diesem als auch dem überwiegend seelisch Erkrankten die Umwelt erträglich gestalten können; eine Umwelt, die im Einzelfall zwar meist nicht zu ändern ist, aber dem Kranken etwa durch eine neue Interpretation wieder ­"zugänglich" worden kann.

Das moderne Krankenhaus: unterscheidet es sich denn nur durch die veränderte soziale und psychische Situation den heutigen Patienten vom früheren? Sahen wir nicht vielmehr in ihm eine Klinik "im technischen Zeitalter", und den Menschen darin, Arzt wie Patient, beschäftigt mit modernsten Apparaturen der Diagnostik und Therapie? Gewiß, so steht es vor uns, im Idealfall etwa jener architektonisch und medizinisch‑technisch hochinteressante Neubau, der hier in Steglitz z. Zt. entsteht. Aber sein ärztlicher Direktor (Prof. L. v. MANGER­-KÖNIG) ist kein Kliniker im herkömmlichen Sinne, sondern kommt aus einer neuen Fachrichtung, der S o z i a 1 h y g i e n e, die sich u. a. mit soziologischen und sozialpsychologischen Problemen befaßt.

Moderne technische Medizin: wir wollen nicht verhehlen,  daß hier manches dringende Problem zu diskutieren wäre. So zum Beispiel das Faktum, daß mehr Apparate und eine immer "gezieltere" Therapie unweigerlich höhere Risiken für den so Behandelten mit sich bringen. Solange der Arzt etwa einen Herzklappenfehler nur "allgemein" behandeln konnte, war die Gefahr einer ungenauen Dosierung nicht allzu groß. Das Leiden war letztlich inkurabel und kaum zu verschlechtern.[4] Die so genannte "kausale" Therapie, in diesem Falle die Herzoperation, hat aber eine eigene Mortalität. Sollte man sie deshalb unterlassen, wenn diese Gefahr ‑ sagen wir unter 10% der Operierten liegend ‑ in Grenzen gehalten ist und in keinem Vergleich zu den Erfolgen steht? Der immer wiederkehrende Vorwurf gegen die apparative Medizin, wird er so allgemein gehalten, hält der Kritik nicht stand: er verblaßt vor der Vielzahl der auf diese Weise geretteten Menschen, und in dem Augenblick, in dem der Kritiker in die Situation kommt, sich so oder gar nicht helfen zu lassen. Freilich gehört das vielberufene Vertrauen in die Person des Arztes dazu, und dieser sollte es nicht verscherzen, indem er seine Maßnahmen in den wärmsten Farben anbietet und die Gefahren verschweigt.

Die Aufklärung der Kranken über ihr Leiden hat natürlich Grenzen, das wird jedermann zugeben. Aber diese Grenzen sind nicht starr. Sie sind z. T. in der seelischen Struktur der einzelnen Patienten zu finden, die der Arzt jeweils kennen lernen muß. Sie sind auch weiter, als man gemeinhin glaubt. Es ist eine persönliche Erfahrung, daß Klarheit über die Möglichkeiten und Grenzen der Diagnosen und Therapie den Kranken oft mehr erleichtert als sinnlose Maßnahmen nach den Prinzip "ut aliquid fiat''. Wir stimmen hierbei wenigstens mit Eugen BLEULER (p.181) überein, der den scherzhaft geprägten Begriff der "Udenotherapie" ‑ gemeint ist ein Unterlassen sinnloser Behandlung ‑ dem fatalistischen therapeutischen Nihilismus mancher Ärzte gegenüberstellt.

BLEULER, der gegen unsachliche Verhaltensweisen [vgl. philosophisches Zitat 2/2010] nicht nur in der Therapie seiner Zeit kämpfte, war zugleich derjenige Psychiater, der in weitem Umfang die Thesen FREUDs in seinem Fach zur Anwendung brachte. Wir haben gesehen, daß bedeutende Physiologen, interne Kliniker, Psychiater und Psychotherapeuten sich den Beziehungen zwischen körperlicher Erkrankung und psychischer sowie sozialer Situation mit großer Aufmerksamkeit zuwenden. Die überwiegend naturwissenschaftliche so genannte Schulmedizin unserer Tage wird sich in zunehmendem Maße auf diese Dinge einstellen müssen. Wir sollten aber nachsichtig mit ihr sein. Denn von welcher Disziplin wird sonst verlangt  daß sie sich gleichermaßen in beiden Bereichen, den mit Hilfe kausalanalytischer Methoden "erklärenden" Naturwissenschaften und den "verstehenden" Bereichen der Hermeneutik, also den Geisteswissenschaften auskennt?

Karl JASPERS sagt in seiner "Allgemeinen Psychopathologie" ( p.188 ): "Die Einheit von Leib und Seele als des lebendigen Ganzen scheint jedem Menschen gegenwärtig.... Aber diese zweifellose Leib‑Seele‑Einheit ist darum nicht als erkennbarer Gegenstand vor Augen. Was wir sehen, denken, begreifen, ist stets schon ein aus der Einheit herausgelöstes, Besonderes, das zu befragen ist, wie es sich zur Einheit des Ganzen verhält.... Die Einheit ist entweder in ihrer Unmittelbarkeit dumpf und unbegriffen oder sie ist als Erkennungsgegenstand nicht erreichbar, vielmehr nur die Idee, die das partikuläre und nur als solches bestimmte Erkennen des Lebendigen führen kann".

Medizin im technischen Zeitalter: wir haben gesehen, daß sie mehr als nur technische Probleme zu bewältigen hat. Die Erfolge ihrer großen Forscher haben uns tiefe Einblicke in biologische Zusammenhänge gebracht. Ein weites Feld liegt noch vor uns, viele Krankheiten geben Rätsel auf, deren Lösung zahllosen Leidenden Hilfe bringen würde. Solange noch unzählige und oft junge Krebskranke einem sicheren und häufig schmerzhaften Ende entgegengehen, kann sich die naturwissenschaftliche Medizin nicht zufrieden geben.

"Arzt und Patient in modernen Krankenhauses"; unentrinnbar sind beide den Anforderungen diesen technischen Zeitalters unterworfen. Die Gebiete den Gesellschaftlichen, der medizinischen Technik, der Biologie, den Sports mußten uns beschäftigen. Im Vordergrund die Frage nach der Einheit von Leib und Seele. Vergessen wir nicht: auch der Arzt ist ein Mensch im technischen Zeitalter, mit den Waffen der modernen Wissenschaft, aber auch mit allen Anfechtungen und Schwächen seiner Zeit.

-         ENDE –

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[Anmerkung: Bibeltext vor dem Vortrag: Matth. 9, 1-8, danach folgende Vorbemerkung von Reinhard Tietz:
In dem Schriftwort, das wir soeben gehört haben, ist von einer Heilung, also gewissermaßen einer medizinischen Tat die Rede, aber auch von theologischen Dingen: Sündenvergebung, der Sohn Gottes als Menschensohn kommen darin vor. Es wird schwerfallen, hier eine Verbindung zur modernen Medizin zu finden. So soll von vielleicht ganz anderen Dingen die Rede sein, der theologische Zusammenhang mag uns in der Diskussion beschäftigen.]

 

L i t e r a t u r

BLEULER, E.                       Das autistisch‑undisziplinierte Denken in der Medizin und
                                               seine Überwindung.

                                               4. Auflage, Springer, Berlin ( 1927 )

 

BÜRGER,  M.                   1. Altern und Krankheit.

                                                Verh.dtsch.Ges.inn.Med., 6o: 849 ( 1954 )

                                           2. Altern

                                                Fischer‑Lexikon, Medizin 1 ( 1959 )

 

HAFTER, E.                           Praktische Gastroenterologie.

                                               2. Auflage, Thieme, Stuttgart ( 1962 )

 

HARMSEN,  H.                    Sozialhygiene.

                                               Fischer‑Lexikon, Medizin 1 ( 1959 )

 

JASPERS, K.                        Allgemeine Psychopathologie

                                               5. Auflage, Springer, Berlin‑Heidelberg ( 1948  )

 

JORES,  A.                             Vom kranken Menschen

                                                Stuttgart 1961, zitiert nach SCHAEFER

KORTH und                           in: Der Krankenhausarzt, 33,  Heft 3 ( 196o )

SCHMIDT                             zitiert nach SCHAEFER

v. KRESS, H.                         Einführung zu E. MAY ( 1956 )

 

v. KRESS, H.                         Psychosomatische Aspekte bei einigen internen Erkrankungen.

                                               Münch. Med. Wschr. 107: 161 ( 1965 )

 

KÜTEMEYER, W.               Viktor v. WEIZSÄCKER zum Gedächtnis

                                               Frankfurter Hefte, Mai 1957

 

MAY, E.                                 Heilen und Denken

                                               Verlag Lüttke, Berlin ( 1956 )

 

SCHAEFER,  H.                    Die Medizin in unserer Zeit. Theorie, Forschung, Lehre.

                                               Piper, München ( 1963 ), 2. Auflage

 

SCHARFENBERG, J.          Psychologie als Lebenshilfe?

                                               Vortrag am 8.11.64 vor der Studentengemeinde der

                                               Charlottenburger Hochschulen.




[1] z. B. die MEULENGRACHT'sche "Krankheit" (heute 'Syndrom'), von HAFTER ein dominant vererbter "biochemischer Schönheitsfehler" genannt: Erkenntnisse über den Bilirubinstoffwechsel. [2008: Die Prävalenz liegt bei mehr als acht Prozent der Bevölkerung! (Fauci AS et al]

[2] Wobei allerdings festgestellt werden muß, daß "die Psychosomatik ein mixtum compositum von Tendenzen in der zeitgenössischen Medizin darstellt,  die das Hergebrachte unter dem Gesichtspunkt des Psychischen zu korrigieren trachten". (KÜTEMEYER 1957, p.12 ).

[3] nach v. KRESS ( 1965 ) gelten als psychosomatische Krankheiten im engeren Sinne Neurosen mit gleichzeitig in Erscheinung tretenden Organstörungen. Sie sind von den psychoreaktiven körperlichen Krankheitserscheinungen abzutrennen.

[4] Daß eine falsche Behandlung z. B. der Mitralstenose mit Glykosiden auch vor der Ära der Klappensprengungen fatal sein konnte, darf natürlich nicht unterschätzt werden.

 

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