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 DEUTSCHES ÄRZTEBLATT ( 1984) 81, 35: 1-4    (vollständiger Text: PDF)

Am Beispiel der Mediziner: Agonie der Friedensbewegung

[Peace movement in agony?]


Frank Praetorius
Chefarzt der Medizinischen Klinik I, 63069 Offenbach, Germany


Abstract

The protests against the deployment of US cruise missiles and Pershing II missiles in Western Europe decision (German "Doppelbeschluss") had failed in 1983. The following agony of the peace movement has a symptomatology which reminds of the years after 1968: Retreat in the individual and severe sectarianism, the appearance of "cadres" and fractions, the accentuation of the antiauthoritarian impulse, actionism and an increasing monotony of the basic questions discussion. There is no more interest to think it out - everything is said and needs to be only very often repeated.

After the atomic bombing of Hiroshima, Einstein demanded for a substantially new kind of thinking to prevent the doom of humankind. Also the pacifism cannot extrapolate his present definition and his self-image naively. The mixture of dimensions is especially doubtful in this context: One should not discuss at the same time Stone Age clubs or machine guns and megaton bombs - and also not mix the purposes of the anti-nuclear war movement with other political contents.

An end of the anti-nuclear war movement would entail, in the end, the increase of the hopelessness and the feeling of complete faint - and make thereby the nuclear war more likely (H. E. Richter). Resignation gives a chance to the inconceivable.

Doctors can float on this field prophylaxis, while they make the medical results of a nuclear war clear and warn about the illusion that medical help can be hope in this last epidemic (nuclear war). Fortunately, the president of the federal medical association had confirmed this when he described very clearly the hopelessness of medical measures during every nuclear war and expressed himself publicly against a "disaster medicine" as a preparation on the possibility of a nuclear war.

Even if the slogans of the peace movement seem to be worn out, the real danger of an atomic world disaster remains unchanged.

Supplement in 2007: The 1982 action of American and Soviet members of the "International physicians against nuclear war" (IPPNW) culminated in the peace Nobel prize for the IPPNW in 1985 - and has an unforgettable interest at the end of the atomic confrontation after 1989.


Zusammenfassung    ["Resignation gibt dem Undenkbaren eine Chance" *]


Die Verhinderung der Raketennachrüstung war 1983 gescheitert. Die nachfolgende Agonie der Friedensbewegung hat eine Symptomatik, die an die Jahre nach 1968 erinnert: Rückzug ins Individuelle und rigoroses Sektierertum, das Auftreten von "Kadern" und Fraktionen, die Akzentuierung des antiautoritären Ausgangsimpulses, Aktionismus und eine Monotonisierung der Grundfragendiskussion. Es besteht kein Interesse mehr weiterzudenken - alles ist ja gesagt und braucht nur möglichst oft wiederholt zu werden.

Einstein forderte nach Hiroshima " eine wesentlich neue Art zu denken, wenn die Menschheit am Leben bleiben soll". Das heißt, dass auch der Pazifismus seine bisherige Definition und sein Selbstverständnis nicht naiv fortschreiben kann. Besonders bedenklich ist in diesem Zusammenhang die gedankenlose Vermischung von Dimensionen: Man sollte nicht gleichzeitig über Steinzeitkeulen oder Maschinengewehre und über Megatonnen-Bomben diskutieren - und auch nicht die Ziele der Anti-Atomkriegsbewegung mit anderen politischen Inhalten vermischen. Sonst läuft man Gefahr, sich in immer engeren Zirkeln sinnlos zu stimulieren.

Ein Ende der Anti-Atomkriegsbewegung würde letztlich die Zunahme der Hoffnungslosigkeit und das Gefühl totaler Ohnmacht zur Folge haben - und dadurch den Atomkrieg wahrscheinlicher machen (H. E. Richter). Resignation gibt dem Undenkbaren eine Chance.

Ärzte können auf diesem Feld Prophylaxe treiben, indem sie die medizinischen Folgen eines Atomkriegs deutlich machen und vor der Illusion warnen, dass ärztliche Hilfe in dieser letzten Epidemie (des Atomkriegs) eine Hoffnung auch nur Weniger sein könne. Erfreulicherweise hatte der Präsident der Bundesärztekammer dies bestätigt, als er sehr klar die Aussichtslosigkeit medizinischer Maßnahmen in jedem Atomkrieg beschrieb und sich öffentlich gegen eine "Katastrophenmedizin" als Vorbereitung auf die Möglichkeit eines Atomkriegs aussprach.

Auch wenn die Parolen der Friedensbewegung abgegriffen scheinen, bleibt die reale Gefahr einer atomaren Weltkatastrophe unverändert.

* Überschrift der Dokumentation des vollständigen Textes in der "Frankfurter Rundschau" Nr 284/1984

Nachtrag 2007: Die im Text beschriebene Aktion amerikanischer und sowjetischer Mitglieder der internationalen Ärzte gegen Atomkrieg" (IPPNW) von 1982 gipfelte im Friedens-Nobelpreis für die IPPNW 1985 - und hat einen unvergesslichen Anteil am Ende der atomaren Konfrontation nach 1989.

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