minima philosophica

Europa in sprachlicher Hinsicht

Philosophisches Zitat des Monats Juni 2017

»Die größte und wichtigste Herausforderung für Europa in sprachlicher Hinsicht ist die Versöhnung der politischen Programmatik mit der sprachlichen Realität und den kulturellen und kommunikativen Bedürfnissen.«

Dylan-Projekt (Olivier Moliner) http://neon.niederlandistik.fu-berlin.de/static/dylan/schaubild/index.html


Klinische Forschung und Medizinethik, sogar Segeln und Musik funktionieren auf philosophischer Basis (siehe Links). Dazu aktuelle Themen und eine Auswahl von "minima philosophica" aus eigenen Arbeiten.
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•••  Meine Sicht aktueller philosophischer Probleme    

  Gibt es eine "freie" geistige und psychische Realität?

Als Ärzte setzen wir eine "objektive" Entscheidungsfähigkeit bei uns wie beim Patienten voraus. Die freie Entscheidung über Diagnose und Therapie und ebenso deren unabhängige Akzeptanz oder Ablehnung durch die Kranken werden nicht in Frage gestellt. Der somatisch-naturwissenschaftliche Aspekt des Patienten wird gleichberechtigt mit seiner Psyche und dem personalen Selbstverständnis gesehen.

Zunehmend gibt es im klinischen Alltag Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wann freie Entscheidungen - durch differenzierendes Nachdenken - oder vorgeformte Abläufe ('Kochbuch', Leitlinien) angebracht sind. Dabei wird schon mal angeführt, dass "geistige Freiheit" dem Postulat kausaler Geschlossenheit widerspreche und als illusionäres Relikt der Aufklärung zu sehen sei - und die Gegenseite wirft "seelenloses" materialistisches Denken ins Gespräch. [weiterlesen ...]

Auf dieser Ebene verläuft ein alter Streit zwischen kognitiver Neurologie und Psychoanalyse, der die konkreten Entscheidungen der Fakultäten formt. So wurde schon 1956 in Frankfurt das politische Geschenk 'Psychosomatik' abgelehnt (vgl. G.-A. Zinn). Im Jahre 2005 (und 2011) kam es erneut zu einer 'Frankfurter Lösung' des Dualismus-Problems (... weg mit Goethe!). Der medizinische Dekan hält die kognitive Psychologie als wissenschaftliche Methodik für aktueller als jeden psychoanalytischen Ansatz.siehe unten 1)

Willensfreiheit ist nach Auffassung der Neurobiologie wegen der grundsätzlichen Reduzierbarkeit mentaler Zustände auf natürliche oder physikalische Zustände eine Illusion. Anatomie und Funktion des Gehirns stellen sich als im Erbgut festgelegte Zustände dar, ein Bewusstsein als unabhängige Instanz wird negiert. Erstaunlich ist dabei die Nonchalance, mit welcher man bis in jüngste Zeit basale Weisheiten der Naturwissenschaft auf den einfachsten neurobiologischen Nenner zu bringen versuchte. Die Versuchsanordnungen von Benjamin Libet über bewusste Willensakte oder von Eric Kandel über Kurz- und Langzeitgedächtnis sind überzeugend, doch der Weg von einfachen neuronalen Verschaltungen zur funktionalen Architektur komplexer neuronaler Schaltkreise ist noch weit; bis zum Verstehen dessen, was das Ich, was Bewusstsein ist, rechnet sogar Eric Kandel (2006) mit 70-100 Jahren. Schnelle Schlüsse bringen da ebenso wenig wie der fragwürdige Versuch der Gegenseite, den Leib-Seele-Dualismus als psychologisch oder philosophisch auf der Hand liegend zu proklamieren (vgl. Nagel's Fledermaus). Der Biologe Hubert Markl sprach angesichts mancher kühnen Behauptungen vom Fluch der Wahrheitsanmaßung: ... der Mensch und die Grundlagen seines Verhaltens [haben sich] bei aller Verankerung in genetischer Veranlagung bei unseren Tiervorfahren buchstäblich himmelweit von diesen entfernt und die Erbzwänge weitgehend abgeschüttelt. [vgl. unten zu Genealogie]

Seit etwa 2005 - ein halbes Jahrzehnt nach dem Erfolg des Human Genome Project - wird immer deutlicher, dass unser Genom keineswegs ein stabiler Text ist, der das Individuum starr determiniert. Seit 2010 gibt es ein "neues Drehbuch des Darwinismus" (Wieser), Terrence Deacon spricht vom »lazy gene effect«.

"Das Denken sieht man nicht und wird es nie sehen, weil es

keinen Ort hat" (Michael Hampe). Selbst wenn man auf die Annahme einer unsterblichen Seelensubstanz verzichtet, zumindest als wissenschaftliches Konzept, bleibt ein Dualismus bestehen, nämlich der von Hirnphysiologie und Erleben (Wolfgang Marx, Merkur 12/2007, 1176).

• Zur Determinismus–Diskussion in der Medizin siehe auch Punkt 8. dieser Seite.
• Zu Kultureller Determinismus und Kulturdarwinismus siehe unter Marvin Harris

  Gibt es einen Zusammenhang zwischen spiritueller Leere und geistfreiem Determinismus?

Besteht ein Zusammenhang zwischen der heißen Diskussion der Philosophen und Neurobiologen um Freiheit oder Determinismus einerseits und dem radikal feindschaftlichen Verhalten von vielen Jugendlichen – nicht nur aus "Randgruppen"? Eine erstes Nachdenken wird diese Möglichkeit verneinen.

Die Interpretation der Unruhen und Verwüstungen in Frankreich (seit 2005!) durch Alain Finkielkraut ist umstritten (vgl. die Diskussion des "déclin français" und die Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung). Zwei seiner Gedanken fand ich wichtig:
Es seien Gründe, "die in uns selbst liegen. Sie nisten in der spirituellen Leere unserer Gesellschaften. Die Jugendlichen, die unserer Welt mit Feindschaft begegnen, liefern dafür die eindrücklichste Karikatur." Und:
"Man wird niemals Leute, die Frankreich nicht lieben, in ein Frankreich integrieren können, das sich selbst nicht liebt." (Le Monde, entnommen der "Süddeutschen Zeitung" vom 28.11.05)

Das offizielle Frankreich versucht seit 2008 unter dem Titel "Espoir Banlieue" eine Entgettoisierung seiner 751 zones urbaines sensibles - eine 2010 und 2013 noch unlösbar scheinende Aufgabe. Werden auch in Deutschland Schulen brennen, weil sie den Randgruppenkindern keine Inhalte vermitteln, mit denen sie ihre soziale Diskriminierung beenden könnten? Die "Subkultur" hat ihre Rap-Texte – ohne jede positive Vision. Ihre Weigerung, sich irgendeiner Moral zu unterwerfen, korrespondiert mit der moralischen Indifferenz vieler Intellektuellen (die oft vordergründig neurobiologisch argumentieren). In der Hartz-IV-Zone entsteht "eine Massenkultur der Niederlage, in der die Verlierer den Gewinnern mit ultimativer Rache drohen: der Zerstörung unserer Welt." (Evelyn Finger). Gibt es also doch einen Zusammenhang zwischen spiritueller Leere und geistfreiem Determinismus? – Vgl. die Diskussion von 2008: Multikulturalismus oder Aufklärungsfundamentalismus. Seit 2014 bestätigt sich in Deutschland: Gescheiterte Bildungskarrieren führen zum IS-Terrorismus und zu Anschlägen in Deutschland.


1) Bei klinischen Psychiatern und Psychotherapeuten stehen heute die Anhänger biologischer, insbesondere hirnstruktureller und genetischer Modelle denen gegenüber, die biographisch-psychodynamische Ursachenkomplexe vertreten. Erstere glauben, nach einer an humanistischen Idealen orientierten Aufbauphase sei die gesundheitsökonomische Wertung und Rechtfertigung der Versorgungsstrukturen an der Zeit. Sie finden, Pharmaka seien wirtschaftlicher als personalaufwendige Psychotherapien.

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'Minima philosophica' aus eigenen Veröffentlichungen (Nr. 1-13)

  Klinische Medizin

Bei der Auswahl von wissenschaftlichen Arbeiten aus früheren Jahren gibt es zwei philosophische Argumente: Erstens können ältere Theorien dann "brauchbar" erscheinen, wenn ihr Beitrag zum Fortschritt der Wissenschaft noch nicht erschöpft ist. Dieses Argument Karl Poppers leitete die Auswahl in den Seiten unter "Klinische Forschung".

Zweitens kann der philosophische, insbesondere der wissenschaftstheoretische Gehalt der Arbeit für die heutige Forschung von Bedeutung sein. Davon handelt die vorliegende Seite.

Über 'endgültige Diagnosen' und medizinische Wahrheiten

Der statistische Fachausdruck Bias wird manchmal für ein Akronym gehalten, bedeutet aber wie in der Alltagssprache »Voreingenommenheit« oder »Verzerrung«. So etwas kann während und nach einer Untersuchung oder schon bei ihrer Planung auftreten. Diese Formen von Bias sind im Text über die 'Dominanz des Auges in der Medizin' (s. u. 3.) nachzulesen. Der am schwersten wiegende Bias ist grundsätzlicher Art: Es ist jener Glaube an die zeitlich unbegrenzte Wahrheit von "endgültigen"

Diagnosen, der das Selbstbewusstsein von Ärzten aufrecht erhält - und sie am Weiterdenken hindert. Doch selbst die Wahrheit einer 'unbegrenzten Forschergemeinschaft' im Sinne von Charles S. Peirce ist zeitlich begrenzt, weil die Forscher der Zukunft andere sein und anders denken werden: Heutige 'Gesetze' und 'Ausgangs-Bedingungen' im Hempel-Oppenheim-Modell gelten dann nicht mehr.

Man kann das an den kryotechnisch aufbewahrten Präparaten der pathologischen Anatomie demonstrieren: Nach hundert Jahren werden die technischen Methoden ebenso wie die Krankheitseinheiten grundlegend anders sein; es wird am identischen Substrat andere Diagnosen geben, mit vermutlich besseren therapeutischen Konsequenzen. Den heutigen Ärzten und Patienten wird das nichts mehr nützen. Oder vielleicht doch, indem es eine nachdenkliche Bescheidenheit fördert, die für die Patienten sicher besser ist die sture Selbstsicherheit mancher Arztkollegen (vgl. meinen Text 'Kryobanken' über die Grenzen einer deduktiv-nomologischen Diagnoselogik). Solche Bescheidenheit ermöglicht - neben vielem anderen - die selbstkritische Einbeziehung der jeweiligen Position des "Diagnoseführenden Arztes", wie wir ihn in "Bayesstadt" (siehe 4.) definiert haben.

1. Ärztliche Diagnose: Bilder machen oder Gedanken   
    Frank Praetorius, in: Merkur, Nr. 493, 1990, S. 206–217. (Medizinphilosophischer Essay; Texte zur Ästhetik, insbesondere zu "wissenschaftlicher" Ikonenbildung versus Kunstbetrachtung siehe in Bilder & Kritik)

    Daraus zum Einfluss von Marktmechanismen auf das Denken in der Medizin: Die ursprünglich methodisch begründete Aufsplitterung der Medizin in Spezialgebiete ist starr geworden, nicht zuletzt weil Strukturen und wirtschaftliche Interessen eng ineinander verschlungen sind. So kann ohne "Drittmittelstellen" (d.h. industriefinanzierte Assistenten) kaum eine Universitätsklinik noch forschen - oder glaubt es wenigstens. Solche Einflüsse fördern in der wissenschftlichen wie praktischen Medizin "einfache" (lineare) Modelle, z.B. "die" Tablette gegen erhöhtes Blutfett anstelle komplexerer Modelle der Risikokontrolle: Interessenten bevorzugen Monokausalität (das heißt Superspezialisten) - von mehr Komplexität durch fachliche Einheit werden sie eher behindert.   [weiterlesen ...]
2. Die Anamnese, Anfang und Prüfstein der Diagnostik.
    Frank Praetorius, in: DKZ 43, 2/1990 (93–96)

    Daraus: Die "Stichwort–Anamnese" als Kurzform der Arzt–Patienten–Beziehung ist zwar zeitsparend, kann aber zu Fehldiagnosen und falschen Indikationen führen und ist deshalb in den meisten Bereichen der Medizin nach wie vor kein Ersatz für das Anamnesegespräch.... In Polikliniken und ambulanten Fachpraxen erfragt nicht selten eine Pflegekraft die Stichworte – und der Patient begegnet am Ende der durch solche Leit–Symptome programmierten Untersuchungsserie einem freundlichen Herrn hinter dem Sonographen: seinem Arzt. Das klingt ironisch, ist aber beobachtete Praxis. Und es könnte in naher Zukunft durch Diagnose–Computer weiter verfeinert werden. Dann würde am Ende – der Anfang war die auf ein computerfähiges Stichwort reduzierte Anamnese – ein "Ausdruck" mit vollständiger Diagnose und Therapieempfehlung stehen. Derzeit muss jedoch ein solches Konzept der künstlichen Intelligenz – statt Experten Expertensysteme, d.h. von subjektiven und emotionalen Anteilen gereinigte Computersysteme – als gescheitert angesehen werden.


3. Grenzen bildgebender Diagnostik. Zur Dominanz des Auges in der Medizin.
    Frank Praetorius, in: Freiburger Universitätsblätter 117,57–69 (1992)

    7. Der verkürzte Blick (Schlussteil) [Zitat]
    Wir kehren noch einmal zu den Bildern zurück. Michel Foucault hat in der Entstehung des ärztlichen Blicks das Paradigma aller modernen Wissenschaft gesehen und seine Genese in "Geburt der Klinik" beschrieben [3].
    weiterlesen ... (Vergl. auch das "Spiegel–Denken" in anderen Bereichen der Medizin.)
4. Bayes–Stadt: Zur Objektivität von Indikationen.
     Ein Plädoyer für den diagnoseführenden Arzt.
    Frank Praetorius, in: Deutsches Ärzteblatt 89, A1 2113–2120 (1992)

    Von der unbewussten Einwirkung der Statistik auf unsere Köpfe:
    So wird, wie man intuitiv gut formuliert, die Diagnose eingeengt, was statistisch nichts anderes bedeutet als: die Stichprobe verändert sich im Kopf des Arztes. Was geschieht da konkret? Er scheidet einige Punkte aufgrund seiner Informationen aus, andere werden seinem Nachdenken ergänzend zugeführt – und die statistische Grundgesamtheit ist nicht mehr dieselbe, bevor irgendeine weitere technische Untersuchung angeordnet wird.   [weiterlesen ...]
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  Medizinethik und evidenzbasierte Medizin

5. Überdiagnostik – Leiden durch Bilder.
    Frank Praetorius, in: Ethik Med (1990),2:56–67.      [Abstract]

    Daraus Seite 57: Diagnostik als Gegenstand ethischer Reflexion? und
    Seite 65, Philosophie und Praxis:
    Man kann Nelly Tsouyopoulos (1930-2005) folgen ['Wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig']: Immer wenn sich die Medizin in einer Krise befindet (oder dies glaubt), zeigt sie eine größere Offenheit gegenüber der Philosophie. Was aber, fragt die Autorin weiter, kann diese beitragen: Soll sie die Sprache der Medizin ändern oder die Moral oder das Paradigma der eigentlichen Denk– und Handlungsweisen? Darüber herrscht keinesfalls Klarheit. Nach Wieland (zit. n. [12]) besteht die Gefahr, den Bereich des Ethischen ungebührlich auszudehnen; andererseits beklagt Ritschl [23] den Mangel, dass man immer noch nicht über die schlichte Gleichsetzung von Ethik mit ethischer "Grundüberzeugung" hinweggekommen sei.   weiterlesen ...


6. Ethische Aspekte der Regularisierung ärztlichen Handelns
    Frank Praetorius und Stephan Sahm: Ethik in der Medizin, Vol 13, No 4, December 2001, p. 221–242    [Abstract, Preview] [PDF]

    Die Ressourcenknappheit hat zu einer progredienten Regularisierung ärztlichen Handelns geführt, überwiegend durch staatliche und institutionelle Richt– und Leitlinien. Aber nicht nur der Spardruck, sondern ebenso “offiziell” instrumentierte Wissenschaft kann ärztliches Denken und damit ethische Reflexion behindern – selbst wenn sie in der optimalen Form evidenzbasierter Leitlinien auftritt. ...
    Die ethischen Folgeprobleme von Rationalisierung oder Rationierung haben bisher zu kaum mehr als der Namengebung einer Unterdisziplin der Ethik geführt. Man spricht von "Allokationsethik" (aktuell 2009), um das brisante Thema von den Standardthemen der Bioethik* (Klonen – Abtreibung – Sterbehilfe – Embryonenforschung – Bioethikkonvention) abzugrenzen. ...
    Wachsamkeit ist notwendig, denn die professionelle ärztliche Autonomie und damit das individuelle Arzt–Patienten–Verhältnis wird nicht unbeeinflusst bleiben.
* Um  Bioethik  geht es in
7. Heilsversprechen der Hypermedizin
    F. Praetorius: Radioessay (DLF 06.08.2001) zu Andreas Kuhlmann, "Politik des Lebens - Politik des Sterbens - Biomedizin in der liberalen Demokratie".

    • Die Gefahr eines unvermittelten Wissenstransfers aus Wissenschaft, Recht und politischer Ethik in die Sphären des Alltags, der (nach Habermas) als unterkomplexer Eingriff nur zur Moralisierung führt und expressivistische Gegenkulturen, technokratisch durchgesetzte Reformen oder fundamentalistische Bewegungen hervorruft.
    • Die Problematik eines fehlerfreien "Designer-Babys" oder der Suche des modernen Ego nach der perfekt geklonten Kopie seiner selbst [vgl. Habermas 2001].
8. Leitlinien und ärztliche Entscheidungsspielräume   [PDF].
     Eine kritische Bestandsaufnahme unter ethischem Aspekt
    Frank Praetorius, in: Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, Volume 99, Issue 1, 02–2005, pp. 15–23.

    Determinismus pur oder gibt es Chancen für nicht–lineare Prozesse? Das Problem der notwendig starren Exklusionsregeln von Randomisierten Kontrollierten Studien (RCT).   weiterlesen ...

    ... in der postmodernen Ärztegeneration (ist) oft schon die Warum-Frage verpönt. Muss man alles hinterfragen – klagen manche – wo doch der unabhängig urteilende Geist nur noch ein Relikt aus jener Zeit ist, in welcher noch der Dualismus galt.
        weiterlesen ... (vgl. auch die Visitenszene zu "Vermeide jeden scharfen Gedanken ..." und die Differenzierung zu "postfaktisch")
9. Evidenz-basierte Medizin und Leitlinien in der Kardiologie . Fördern sie Wissenschaft oder bürokratische Strangulierung?
    Frank Praetorius, in: R. ter Meulen, N. Biller–Andorno, C. Lenk, R. Lie (Eds.): Evidence–Based Practice in Medicine and Health Care. A discussion of the Ethical Issues. Berlin–Heidelberg 2005 (siehe Evidenzbasierte Medizin)

    Über den Niedergang der allgemeinen Moral in der praktischen Medizin. Moralische Werte, private Ethiken oder "anything goes"?   Textprobe (oder im Originaltext weiterlesen ...)
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  Segeln

Wozu fahren wir hinaus - immer von neuem?  Eine psychologische Antwort gibt Bernadette Bernondas Motto unserer Segler-Seite!

10. Kurs West – vom Projekt zum kybernetischen Traum
    Praetorius F, in: Die Neue Gesellschaft – Frankfurter Hefte 39: 836–844 (1992)

    Zusammenfassung, Abstract [Article in German]

    Ein nautisch–philosophischer Diskurs über die Kolumbusreise

    »Gedanken auf See, die wie so oft die Augen öffnet für etwas, das stets unser Teil war.«

Portolan-Karte Werkstatt von Bartolomeo und Christo-
pher Colombus, 1490 (P. Mesenburg)  Bild größer ↑.

Leseproben
(Seite 843:) Mit einer musealen und ästhetischen Orgie feiert die Postmoderne den Abschied vom Kolumbus–Zeitalter. Endlich ist man, wie Norbert Bolz formuliert, "den Alpdruck los, den man Moderne genannt hat", ist "dem Glücksangebot der Avantgarde entkommen". Wir lichten mit Hilfe der superleichten elektrischen Winsch den Anker in der Marigot Bay und fahren einfach hinaus: Blauwasser, Passatwolken wie auf Schienen gezogen, kleine Inseln mit Palmen wie im Kitschprospekt. Am Mittag wird es irgendwann Zeit zu überlegen, wo abends der Anker fallen soll. Auf jeden Fall wieder in einer Traumbucht am Riff, um in dessen unglaublich farbigem subaqualem Phantasieraum zu schnorcheln. Natürlich ist es ein exakt in der Seekarte vorgezeichneter Traum, dessen technische Realisierung selbst ein ästhetisches Erlebnis wird. Das Subjekt hat sich sein tägliches Ereignis geschaffen, zweckfreies Projekt für seine Träume.

Der Unterschied kann kaum größer gedacht werden. Auf jener Fahrt vor 500 Jahren stützte sich erstmals ein Subjekt auf nichts als sich selbst, alles Bisherige hinter sich lassend. Eine hochmodern anmutende Spontaneität, die sich aus für uns kaum noch verstehbaren Vorläufern kristallisierte. Jacob Burckardt [in "Die Kultur der Renaissance in Italien"] vermutet einen auf den Kreuzzügen entstandenen »abenteuernden Wandertrieb« und

schränkt sogleich ein: »Es wird immer schwer sein, den Punkt anzugeben, wo derselbe sich mit dem Wissensdrang verbindet oder vollends dessen Diener wird.«

(Seite 842:) Unser Jubel mit Kolumbus und die Trauer über seine entsetzlichen Fehler kaschieren Eingemachtes: die Pyrrhussiege unserer Vernunft bis zur Zerstörung der Welt, und den Luxus unserer Häuser, den jetzt die Armen zurückfordern. Die menschlichen und ökonomischen Kosten der Moderne belasten bis heute das Konto der Enkel von Sklaven. Die weltpolitische und ökologische Entwicklung legt den Verdacht nahe, daß diese Lasten zum Ausgleich anstehen. Beim Abarbeiten könnte es hilfreich sein zu erinnern, daß schon der Anfang nicht so naiv war, wie Kolumbus' und Las Casas' Reuezitate zeigen. Kein Stück Geschichtsphilosophie, kein zielgerichteter historischer Verlauf ist zu erkennen. Die Entzauberung der Moderne, wie sie pathetisch auf den Transparenten der Postmoderne gefordert wird, hatte sofort mit ihren Protagonisten begonnen. Alle wußten, was geschah, und die meisten sahen zu oder mordeten weiter.
(Zitate aus Kurs West  - den vollständigen Text lesen?

[Eine aktuelle Version der Menschenrechtsfrage siehe in "Medizinethik". Vgl. Otfried Höffe über Horizonterweiterung (Säulen des Herkules) bei Francis Bacon].


11. F. Praetorius:
Charter Segeln. 237 Seiten, ISBN 3-613-50269-0
    Was hat Chartersegeln mit Naturzustand oder "Moderne" - und dann auch noch mit der Musik zu tun? Vielleicht so (Zitat):
    Der Urlaubssegler weiß, dass der so genannte "Naturzustand" nur für die Romantiker eine historische Scheinrealität besitzt - die sie meinen, zurückgewinnen zu können. Das also ist seine Sache nicht, aber der Segler hofft - und ist auch darin zielstrebiger "Moderner" - auf einen neuen Weg zur Natur, einen selbstgefundenen Mittelweg zwischen Hingabe an die Natur und ihre Beherrschung. (Vgl. zum "Naturschönen")

    Mehr lesen? Download des Schlussabschnitts.
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  Musik

Über die Freiheit der Musik siehe die Seite "Nachdenken über Musik"

12. F. Praetorius (1.2.1994): STICHWORTE ZU MAURICE RAVEL: WIDER DEN ZWANG DER OKTAVEN     Über den späten Maurice Ravel und die Sprachphilosophie

... Gemeinsam haben wir die Änderung unseres Hörverhaltens durch die Veränderung der Oktave erlebt. Obgleich weder die Physik sich geändert hat - nämlich die gleichberechtigten Halbtöne der temperierten Stimmung –, noch etwa die "Bedeutung" von Oktaven neu interpretiert wurde, beispielsweise im Sinne einer neuen Intervallehre, hat sich doch etwas Neues ereignet: offenbar einfach im Gebrauch des Intervalls, aber mit so starker Wirkung, dass wir am Schluss anders hören, ohne sagen zu können, was es nun bedeutet.

Für mich ist das Erlebnis über die Musik hinaus von Bedeutung, vor allem für mein Verständnis von Sprache, über die der späte WITTGENSTEIN sagt: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" (PU 43). Nach vielen vergeblichen Versuchen einer end–gültigen Festlegung der Worte interessiert ihn nicht mehr die Suche nach ihrer absoluten Bedeutung, sondern nach dem jeweiligen Kontext einer im Gebrauch erfinderischen Sprache. Es ist wohl kein Zufall, dass diese Sprachphilosophie zeitgleich mit dem Unternehmen RAVEL's und anderer Komponisten aufkam, und beide – moderne atonale und polytonale Musik und Sprachphilosophie – den weiteren Verlauf des Jahrhunderts bestimmten.

Also über die Musik hinaus: sind Oktaven oder andere Intervalle, sind Worte wirklich "immer schon", so wie wir sie in unserer Erziehung kennenlernen, also apriorisch? Was passiert mit den Worten, wenn wir sie aus ihren menschengemachten Zusatzbedeutungen freikämpfen, wie es Ravel mit der Oktave gelungen ist? Was ist dann letzlich "transzendental" an der Sprache, bzw. wo beginnt dieser Bereich?  RAVEL formt in seinem Stück unsere Oktavgewohnheiten um, auch unsere sichere Vorstellung von einem Blues, und beides ohne das Original zu zerstören. Töne, Klänge und Rhythmen werden neu hörbar – und das Schöne an der Musik ist, dass dies jeder für sich erleben und im Hören vollziehen kann, ohne sich wie in der Sprache gleich schon wieder nach neuer Bedeutung von alten Worten fragen zu müssen. Auch so eine frühgelernte Gewohnheit, dieses Fragen, das uns so oft kreative Momente verpasssen lässt. Als Arzt empfehle ich zur Therapie solcher Zwänge natürlich Musik – siehe oben –, aber auch Lyrik: Statt nach Bedeutungen zu fragen – ”was meint der Dichter” – noch einmal den Klängen lauschen ... vielleicht hören wir etwas Neues ...

Meinen Text zu Maurice Ravel vollständig lesen? (Mit Noten- und Hörbeispielen)

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  Genealogie

13. F. Praetorius (23.8.2012): »SPUREN der Familie Praetorius«, Prolog (Seite 9).
      Über kulturelle vs genetische Einflüsse.

Unser Genom ist keineswegs ein stabiler Text, der das Individuum starr determiniert. 'Begabung' oder 'Talent' liegen nicht einfach fertig in der Wiege; sie entfalten sich erst unter dem Einfluss von Familie und kultureller Umwelt. Wie komplex die Vorgänge schon auf dem Feld der Biologie sind, zeigt uns das neue Drehbuch des Darwinismus (Wolfgang Wieser 2007): Kulturelle Leistungen kommen eher durch "Training" unter Nicht-Anwenden oder sogar Unterdrücken der Genexpression zustande ("lazy gene effect" nach Terrence Deacon) als infolge von primär zufälligen - und dann durch den Ausleseprozess der Evolution begünstigten - Mutationen. Beispielsweise verlieren Singvögel bei der Domestizierung ihren genetisch festgelegten artspezifischen Gesang - und erfreuen uns dafür durch ihre Fähigkeit, immer neue Strophen zu lernen. Durch "aktives Abschalten" von Genen!

Aus ein und demselben Genotyp können im Prinzip unbegrenzt viele Phänotypen hervorgehen (Wieser). Individuelles Verhalten ist nur partiell durch genotypische Aktivitäten gesteuert. Biologisch gesehen entsteht Kultur durch das Zusammenwirken von Lernvorgängen, die im Gehirn zu neuen komplexen Synapsenschaltungen führen. Diese werden durch kulturelle Vermittlung - Erziehung im weitesten Sinne - weitergegeben, nicht durch Gene. Vererbt werden nicht die kulturellen Inhalte, sondern einige Voraussetzungen ihrer Realisierung. Das wird an der oft identischen Entwicklung von adoptierten Kindern besonders deutlich. [vgl. oben über 'Erbzwänge']

»SPUREN der Familie Praetorius«. 208 Seiten, BoD-Verlag (2012), ISBN 978-3-8482-0921-7. Näheres siehe beim Buch.

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Liste wichtiger Veröffentlichungen: Publikationen.

Stand 01.05.2017

 
www.frank-praetorius.deDr. Frank Praetorius 50º 04,6´N / 08º 45,8´E.  Lauterbornweg 27, 63069 Offenbach am Main, Germany, Phone +49 (69) 84 34 45, Fax +49 (69) 83 83 78 03      E-Mail: frank.praetorius@gmx.net