Nachdenken über Musik

ÜBER DIE FREIHEIT DER MUSIK

"Alle Freiheiten hängen zusammen und sind gleichermaßen gefährlich. Die Freiheit der Musik setzt die des Fühlens voraus, die Freiheit des Fühlens zieht die des Denkens nach sich, die Freiheit des Denkens die des Handelns, und die Freiheit des Handelns ist der Ruin des Staates."
                    D'ALEMBERT (1717–1783)

ÜBER GESPIELTE STÜCKE    (mit Hörproben und Notenbeispielen)
  • Wolgang Amadeus Mozart: Sonate KV 56 für Klavier und Violine 1772 (Frank Praetorius).
  • Maurice Ravel: Sonate für Violine und Klavier 1927 (Frank Praetorius). Vergl. den Text über
       Maurice Ravel und die Sprachphilosophie.
  • Arthur Honegger: SONATINE 1932 pour Violon et Violoncelle (Frank Praetorius).
  • Dmitri Schostakowisch: Letztes Streichquartett Nr.15, Opus 144 in es–moll (F. Praetorius).
  • Franz Schubert: Streichquartett Nr.15, Opus 161 G–Dur, D.887 (Frank Praetorius 1994)
  • MUSIK MACHEN und HÖREN – auch ohne Profi zu sein?    

    Diese Frage hat Parallelen zu jener anderen, leider ebenso aktuellen: Sport treiben ohne Ehrgeiz zum professionellen Spitzensport – bringt's das?

    Wie es ist mit unserem Herzklopfen beim Selbst-Spielen, haben 2009 japanische Kollegen untersucht (nach H.-J. Trappe): »... das "aktive" Musizieren hat auf das autonome Nervensystem wesentlich ausgeprägtere Effekte als bei Menschen, die lediglich der Musik zuhören.«

    Die – fast überholte – Unterscheidung zwischen E–Musik und U–Musik entscheidet die Frage schon heute nicht mehr. Wichtig ist eigentlich nur der Unterschied zwischen Selbstmachen und passiv hören. Hier folgen einige Gesichtspunkte zum Thema:

    • Zur Frage des Perfektionszwanges angesichts der vielen tollen CD´s beruhigt ein großer Geiger, dem es auf ganz andere Dinge ankommt als auf "...virtuose, perfekte Imitationen der Partitur. Das Ideal der Perfektion macht echte Schönheit kaputt, denn Schönheit ist gerade das Unvorhersehbare, das Impulsive, Unmittelbare." Gespräch mit Gidon Kremer, Frankfurter Rundschau vom 23.5.2002

    • Und das Musik hören? Tobias Plebuch beruhigt in seiner Kritik an Adorno: Man komponiert immer an der Musik herum, die man hört. Es ist weder der Komponist noch das Werk, sondern unser eigenes Hinblicken und Hinhören, das die Musik semantisch und emotional füllt. Musikalische Gehörbildung besteht unter anderem darin, bestimmte Weisen des Weghörens zu lehren.

    • Musik fördert die Hirnentwicklung: Auch unter medizinischem Aspekt gibt es Gründe, die Musikentwicklung zu fördern. Als Nebenprodukt der aktuellen Hirnforschungsdebatte (Freiheit unserer Entscheidungen, siehe in "Philosophica") ist deutlich geworden: "Knetmasse der Kultur. Das Gehirn ist erstaunlich formbar. Musik und Folter, Tsunamis und Postleitzahlen hinterlassen ihre Spuren in den grauen Zellen. Das Wechselspiel von Welt und Hirn können Geistes– und Naturwissenschaftler nur gemeinsam erklären. ... Dass intensives Musizieren tatsächlich zu neurobiologischen Veränderungen führt, zeigen mittlerweile mehrere Dutzend Forschungsarbeiten" (Ulrich Schnabel, DIE ZEIT 10.2.2005 Nr.7; allgemein zu der Frage "Das Gehirn, ein Produkt der Kultur?" siehe Bericht des MPIB: Baltes, Reuter-Lorenz und Rösler 2003). Aktuell zeigten Sam Norton et al. 2014 (Originalarbeit!), dass weltweit 19 Prozent der Alzheimerfälle verhindert werden könnten, wenn die gesamte Bevölkerung mindestens eine dem Abitur entsprechende Schulausbildung erreichen würde.
      In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (51/2007) zeigten zwei Mannheimer Schüler in einer prämierten Untersuchung, dass hoher Medienkonsum, Übergewicht und falsche Ernährung zu schlechten Schulnoten führen. Die Beschäftigung mit Musikinstrumenten wirkte sich positiv auf die Leistungen aus (bei Mädchen statistisch gesichert).
    • Das absolute Gehör ist nicht "angeboren". Mittels MRT - funktionelle MR-Bildgebung durch "blood oxygen level-dependent contrast" - zeigte Ohnishi 2001 [Functional Anatomy of Musical Perception in Musicians]: "Die musikalischen Erfahrungen während der Kindheit beeinflussen wahrscheinlich die strukturelle Entwicklung des Planum temporale", und "das absolute Gehör ist eher durch Erfahrung erworben als angeboren."
      2006 berichtet Laurel Trainor in einer kanadischen Studie, dass sich schon ein Jahr Musikunterricht (Violine) signifikant kognitionsfördernd auswirkt (Brain 9/2006; Magnetoenzephalographie siehe Abb. rechts)
      MRI
      Magnetoenzephalographie (MEG)

    • Das Geheimnis des "Kampfes" um die Moderne Musik? Die "klassische" Hirnstromuntersuchung (EEG) kann zeigen, dass "Verletzungen" der westlichen Musik-Grammatik (also Abweichnungen von der klassischen Harmonielehre) emotionale Reaktionen im Frontalhirnbereich zeitigen, beispielsweise Ausschläge vom Typ der ERAN (early right anterior negativity). Ein fast schon banales Resultat, aus dem Argumente gegen die Zwölftonmusik abzuleiten wenig wissenschaftlich ist (Claus Spahn). Frank P. meint: Eher zeigen diese Frontalhirn-Potentiale positiv, dass Neue Musik die Psyche anregt!
    • Neu 2016: Musikerziehung verändert Hirnstrukturen. Eine Studie aus Hannover zeigt u. a.: Die Größe der Zentren, die für Automatisierung von Bewegungen zuständig sind (rechtes Putamen), hängt vom Beginn des Klavierspiels ab; je früher die Pianisten begonnen hatten, Klavier zu spielen, desto kleiner ist diese Region (wobei sie allerdings grundsätzlich größer war als bei den Nicht-Pianisten), und desto präziser ist auch ihr Tonleiterspiel.
    • Motorische Intelligenz: Die evolutionäre Bedeutung dieses Begriffs wurde vn György Ligeti und dem Neurobiologen Gerhard Neuweiler in langen Gesprächen am Beispiel der Musik erarbeitet. Es ist nicht die kognitive Intelligenz, sondern sozusagen die Fingerfertigkeit des Pianisten (und die motorische Fähigkeit zum Sprechen), die uns vom Affen unterscheidet (siehe Zitat).

    • "Tempo ist nicht eine Realität an sich, sondern eine Bedingung. Ist da eine enorme Vielfalt, die zusammenwirkt, so brauche ich mehr Zeit, um damit etwas musikalisch anfangen zu können; ist da weniger los, kann ich schneller darüber hinweggehen." (Sergiu Celibidache 1996)

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    Stand vom 3.03.2016    
     
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